Wie funktioniert der Mainstream-Porno?

Wir hören zwar immer wieder die Begriffe Mainstream-Porno und Mainstream-Pornografie, aber was macht eigentlich einen Mainstream-Porno zu einem Mainstream-Porno? Welche Filme sind damit gemeint, und welchen Regeln folgen sie?

Die Grundpfeiler des Mainstream-Pornos

Zunächst wird der Mainstream-Porno auch als Hardcore-Porno bezeichnet. Er „richtet sich […] an den Geschmack einer großen (männlichen und heterosexuellen) Masse und behandelt daher keine speziellen Themen wie beispielsweise Sadomasochismus (S/M) oder Fäkalspiele (Natursex oder Kaviar), die wiederum eigene Subgenres bilden.“ (Lüdtke-Pilger)
Die wichtigsten Praktiken des Mainstream-Pornos sind: Vaginal-, Oral- und Analsex. Fisting beziehungsweise die Penetration mit der Hand und doppelte Penetration sind zwar im Standardmotiv der Mainstream-Pornografie nicht enthalten, aber trotzdem üblich. Der Mainstream-Porno findet meist im heterosexuellen Rahmen statt, Sequenzen zwischen Darstellerinnen boomen dennoch.

Der folgende Grundsatz des Mainstream-Pornos ist jedoch am wichtigsten: Er basiert auf der „Frau, die immer will“ und dem „Mann, der immer kann“ (Lüdtke-Pilger). Während der Mann im Mainstream-Porno vor Potenz strotzt, will die willige und sexhungrige Frau immerzu befriedigt werden. Die Signale dieser Eigenschaften werden beispielsweise durch das ununterbrochene Stöhnen der Frau im Porno demonstriert, die gar nicht genug bekommen kann. Der Mann hingegen kann sich dabei ihrer immer wieder bemächtigen und ihre Grenzen durchbrechen.

 


Die drei Kategorien des Mainstream-Pornos

Laut Werner Faulstich kann anhand der Kategorien von Konkretheit, Wirklichkeitspräsentanz und Strukturiertheit das Schema der Mainstream-Pornografie zusammengefasst werden:

1. Konkretheit

Konkretheit bezieht sich auf die direkte sexuelle Handlung und den sofortigen Beginn des Sex im Porno ohne jegliche vorangehende Spannungsentwicklung. Die Darsteller*innen sind dabei auf ihre bloße Geschlechtlichkeit reduziert.

„Pornografie ist blosse Oberfläche. Anonymität. Frigidität. Eine Rein-Raus-Routine, bei der das Dargestellte das Vorgestellte dominiert.“ (Maurer)

Die gezeigten Körper und ihre sexuellen Interaktionen werden also so explizit und plötzlich gezeigt, dass sie jeglichen Raum für Fantasie wegnehmen. Wegen der Orientierung der Mainstream-Pornografie an Körpern (und nicht an Individualität) werden die Darsteller*innen austauschbar, anonym und beliebig. Sie sind de-personalisiert. Um also zu kaschieren, dass sich die Handlung in jedem Mainstream-Porno eigentlich immer wiederholt, werden immer neue Darsteller*innen herangezogen, um die Illusion einer Neuigkeit aufrecht zu erhalten.

Bei diesem Schema zeigt sich die Paradoxie der männlichen Funktion: Der Mann führt im Porno zwar den Blick des Nutzers und ist Träger der Handlung, seine Individualisierung würde dem Zuseher jedoch im Weg stehen. Der Mann im Porno ist deshalb lediglich dadurch charakterisiert, einen Penis zu besitzen. Er ist also auf seinen Penis reduziert. Der Rezipient identifiziert sich mit der Handlung und nicht den Eigenschaften des Mannes. Die Darstellung des restlichen Körpers wird also überflüssig. Denn je geringer sich die Individualisierung des männlichen Darstellers hält, desto eher kann der Zuseher ihn in seiner Fantasie durch sich selbst ersetzen. Dadurch wird das Gefühl erweckt, als würden beide mit der selben Frau verkehren. Frauen werden hingegen stark durch äußerliche Merkmale (Brüste, Haare, Dessous,…) herausgehoben, und stehen im Blickmittelpunkt, um als begehrtes Objekt funktionieren zu können.

 

 

2. Wirklichkeitspräsentanz

Die Wirklichkeitspräsentanz des Mainstream-Pornos zielt auf die tatsächlich ausgeführte sexuelle Praktik. Alles wird detailliert gezeigt, immerhin findet der Sex zwischen den Darsteller*innen tatsächlich statt. Dadurch rutscht der Mainstream-Porno in eine Art Dokumentation, ist aber gleichzeitig eine Inszenierung. Eben diese Mischung aus wirklich Dargestelltem und Inszeniertem ist Teil der Ästhetik des Mainstream-Pornos. Im Mainstream-Porno ist also der Begriff „pseudo“ gut zu gebrauchen: er ist nämlich „pseudo-authentisch“

 

3. Strukturiertheit

Die Strukturiertheit bezieht sich als dritter ästhetischer Punkt auf die Fragmentarisierung des Körpers. Der Körper wird also durch filmische Möglichkeiten ganz nah an die Zuseher*innen gebracht. Sex wird dadurch so nah und detailliert wie möglich gezeigt. Sehr direkte Großaufnahmen von Geschlechtsteilen sind die beliebtesten Kameraeinstellungen, die in nahezu jedem Mainstream-Porno Oberhand halten. Vor allem der cum shot, der die extrakorporale Ejakulation des Mannes zeigt, wird fast immer sehr direkt und nah gezeigt.

 

Der Ansatz alternativer Pornografie

Mainstream-Pornografie stützt sich also auf einen Exzess im Zeigen und in der Handlung. Sie deckt durch verschiedenste Methoden die grundlegende Schaulust des Mainstreams, also der Masse, ab. Sie bietet folglich ein realitätsfernes Extrem an, bei dem die Reduktion des Menschen auf seine Oberflächliche, als auch die Fokussierung expliziter Aufnahmen sexueller Handlungen, im Mittelpunkt stehen.
An eben dieser Stelle setzen alternative Porno-Produzent*innen an, die die Regeln der Mainstream-Pornografie umzuwerfen versuchen, um realitätsnähere und ästhetischere Formen von pornografischen Filmen entstehen lassen zu können.

“Porn seems to be a style of filmmaking that is focused solely on sexually graphic and explicit imagery. People love it and it’s proven its popularity, but its specific representation of sex makes all sex seem like this dirty thing. If your only goal is to arouse someone then you should make porn. If you want to try to make someone think or feel something else, you have to create a different set of rules […].“ (Hoffman/ Metoyer)

 

 

Quellen:
Faulstich, Werner, Die Kultur der Pornografie. Kleine Einführung in Geschichte, Medien, Ästhetik, Markt und Bedeutung, Bardowick: Wissenschaftler – Verlag 1994.
Hoffman Will/ Julius Metoyer, „Love and Lust in LA. Going under the covers in the search for real sex and intimacy“, Nowness , 17.6.2015, https://www.nowness.com/story/love-and-lust-in-la  Zugriff: 24.8.15.
Lewandowski, Sven, Die Pornografie der Gesellschaft , Bielefeld: transcript 2012.
Lüdtke-Pilger, Sabine, Porno statt PorNO!. Die neuen Pornografinnen kommen, Marburg: Schüren Verlag GmbH 2010.
Maurer, Andreas, „Editorial“, Erotik (CINEMA 51) , 2006.Abbildung: Abbildung: Penetration staged for maximum visibility; Williams, Linda, screening sex, Durham and London: Duke University Press 2008, S. 5.
Bildquelle: Diesel Werbung xXx