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Was bei #metoo falsch läuft, oder: Die Apfelstrudel-Regel

#metoo, der Typ in der dunklen Gasse

Die Diskussion ist jetzt 100 Tage alt geworden und immer noch wird leidenschaftlich debattiert. #metoo hält eine breite Öffentlichkeit in Atem. Einerseits haben wir noch großen Handlungsbedarf. Es ist immer noch wichtig das zu thematisieren. In den USA regiert ein Präsident, der davon spricht, wie man mit sexuellen Übergriffen durchkommen kann („grab her by the pussy“). In Österreich haben wir die merkwürdige Posse um Peter Pilz, der nicht wirklich gute Haltungsnoten zu den Vorfällen, seinen Rücktritt und Rücktritt-vom-Rücktritt verdient. Die Akte Toni Sailer und seine Verteidiger (Kronen-Zeitung) macht deutlich, wie düster das Sittenbild ausfällt.

Ein Problem mit #metoo

Die Debatte hat viel Bewusstsein geschaffen, andernfalls wären diese Fälle wohl nicht an’s Tageslicht gekommen. Wir sind allerdings noch auf einem steinigen Weg, einer Lernphase, wie damit umzugehen ist. Leider reden wir oft wenig darüber, wie wir das Problem lösen können, aber ganz viel darüber, ob wir überhaupt darüber reden sollten oder was am Reden darüber gefährlich oder falsch ist. Aus der Debatte über ein gesellschaftliches Problem wurde schnell eine Debatte über die Thematisierung solcher Probleme. Die Stimmen der Betroffenen werden immer häufiger als eigentliches Problem gebrandmarkt. Nina Proll hat eindrucksvoll bewiesen, wie ignorant sie ist, wenn sie meint, sexuelle Übergriffe wären doch eh nicht von Flirts zu unterscheiden. Brigitte Bardot äußerte sich letztens darüber, dass die Betroffenen ja nur Aufmerksamkeit wollten. Was die selten sagen, ist, dass Bardot eine Front National Anhängerin ist und schon fünfstellige Strafen wegen ihrer rassistischen Äußerungen zahlen musste.

Es lässt sich natürlich darüber Reden, wie man debattieren sollte, ob vielleicht dieser oder jener Aspekt sinnvoller ist, oder wo man sich in Sackgassen verliert. Allerdings sollte man das Problem, das eigentliche Thema nicht aus den Augen verlieren. Wenn ihr jetzt also der Meinung seid, dass A oder B an der Debatte vielleicht besser thematisiert werden könnte, ihr aber nicht in Gesellschaft dieser Douchebags sein wollt, hab ich jetzt eine goldene Regel für euch.

Ich nenne es die Apfelstrudel-Regel. Entschuldigung, ist wohl der Österreicher in mir.

 

 

Ich hoffe euch damit ein wenig helfen zu können, in Zeiten von Trolling und Fake News, etwas produktiver in der öffentlichen Arena auftreten zu können. Der Apfel steht für Konzentration, der Strudel für Konstruktivität. Was wir ganz am Anfang gesehen haben, war folgendes: Ganz viele Frauen haben unter dem Hashtag #metoo ihre Erfahrungen mitgeteilt. Damit konnten sie eindrucksvoll die Alltäglichkeit sexueller Übergriffe vermitteln. Auf den rhetorischen Kung-Fu Trick brauchte man nicht lange zu warten. Häufig wurde entgegnet, was denn mit den Männern sei, die unschuldig wären. Was wäre außerdem mit normalen Flirtverhalten? Und warum nur Frauen, was ist mit jenen Männern, die auch von Übergriffen betroffen sind?

Äpfel und Birnen.

Mag sein, dass einige dieser Einwände zu interessanten oder sogar notwendigen Diskussionen führen könnten. Aber darum geht es gerade nicht. Jetzt geht es darum, dass solche Übergriffe auf Frauen einfach viel zu oft vorkommen. Es geht nicht um normale Annäherungen, nicht um andere Verbrechen oder Gruppen. Wir reden über Äpfel. Kann sein, dass Birnen auch interessant sind. Aber reden wir ein andern mal darüber, weil jetzt reden wir über Äpfel.
Konzentration. Kein Ablenkungsmanöver. Beim Thema bleiben.

Das ist die erste große Hürde, die sich vom Beginn der Debatte bis heute zeigt. Ist sie überwunden, kommt es aber zur zweiten ganz großen Falle. Hier bleiben die Leute zwar bei der Sache, irgendetwas passt ihnen aber nicht an der Art und Weise. Es ist ja legitim und hilfreich darüber nachzudenken, welche Arten der Thematisierung, welche Problemlösungen besser geeignet sein könnten. Doch statt nach einer anderen Lösung für das eigentliche Problem zu suchen, jammern sie darüber, dass es so nicht passt. Das bezeichnen sie bald als das eigentliche Problem. Nämlich darüber zu sprechen, zu versuchen, eine Lösung zu finden, die hier nicht zu suchen wäre.

Da will man jetzt also einen Apfelstrudel machen. Jemand denkt sich aber, das passt nicht ganz. Stattdessen, dass aber vorgeschlagen wird, was vielleicht sinnvoll wäre oder klappen könnte, wird nur gejammert. Meine Güte, ein Apfelstrudel, so ein langweiliges Dessert. Oder: Da ist doch zu viel Zucker drin! Ich verdau den Teig immer so schlecht. Am Ende sind da auch noch Rosinen, das verdirbt mir den ganzen Spaß an den Äpfeln. Während man eigentlich sagen könnte: „Hey, wir haben Äpfel, die müssen wohin, vielleicht machen wir doch eher eine Apfeltorte oder Apfelmus oder kandierte Äpfel!“

Konstruktive Vorschläge. Nicht das Gespräch zerstören. Nicht das Gegenüber angreifen. Dann kann man wirklich differenzieren, Debatten nuancieren, weiterbringen. Probleme anpacken.

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Patrick Catuz, Autor, Feministische PornographiePatrick Catuz ist Autor, Filmemacher und Kulturarbeiter und lebt in Wien. Er ist Doktorand an der Universität für angewandte Kunst Wien.
Er ist Autor des Buches „Feminismus fickt!“, das sich mit den Perspektiven feministischer Pornographie beschäftigt und produziert gegenwärtig bei Arthouse Vienna feministische, queere und künstlerische Pornographie.

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