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Wo bleibt das Verhütungsmittel für Männer, auf das wir schon so lange warten?

Ein Mann * sucht einen Sexualtherapeuten auf und schildert folgende Situation: Er möchte keine Kinder haben und Verhütung ist ein wichtiges Thema für ihn. Wenn er mit einer Frau Geschlechtsverkehr hat, benutzt er immer ein Kondom. Er tut sich jedoch schwer mit Kondomen, damit in Erregung zu kommen stellt für ihn nahezu eine Unmöglichkeit dar. Welche Alternativen hat der Mann in diesem Moment, um zu verhüten? Und hat all dies Auswirkungen darauf, wie er sich als Mann wahrnimmt?

Dieses Gedankenexperiment habe ich zum Anlass genommen, um darüber nachzudenken, auf welche Verhütungsmittel Männer zurückgreifen können. Für Frauen gibt es ja so einige, von der Anti-Baby-Pille zur Hormonspirale und vom Verhütungspflaster zum Diaphragma (um nur einige zu nennen und ohne auf die Problematik von hormonellen Verhütungsmitteln einzugehen). Die Auswahl für Männer fällt im Gegensatz dazu geringer aus. Warum gibt es außer dem Kondom und der Vasektomie – die eher als endgültige Entscheidung angesehen wird – keine Verhütungsmittel für Männer? Ja warum wurde bis heute kein chemisches Verhütungsmittel für Männer auf den Markt gebracht? Und wieso ist es – Gott verdammt noch einmal – das Problem von Frauen, keine Kinder zu bekommen?

Die Hoffnung

Schon in den 1970er Jahren wurde in Indien von Sujoy Guha, Professor für Medizintechnik am Indian Institute of Technology, eine Methode namens RISUG (Reversible Inhibition of Sperm Under Guidance) entwickelt, die „kostengünstig, minimal invasiv und vollständig rückgängig zu machen ist“, wie ein Artikel vom Mai 2015 auf Motherboard, dem Technik-Ableger von Vice, erklärt. 2010 hat eine amerikanische Stiftung das Patent gekauft und arbeitet seit dem an Vasalgel, einer „leicht abgeänderten Variante des Patents“.
Das chemische Verhütungsmittel Vasalgel wird dabei in die Samenleiter injiziert und wirkt dort wie ein Filter, Flüssigkeit kann passieren, Spermien jedoch nicht. Die blockierten Spermien werden in Folge abgebaut und stellen kein weiteres Risiko für den Körper dar. Das Gel verbleibt dort für fünf bis zehn Jahre und kann mittels einer Lösung wieder rückgängig gemacht werden.
Es gibt unzählige Meinungen zu Vasalgel. Einerseits wird von der hohen Sicherheit berichtet, andererseits jedoch wiederum von unerwünschten Nebenwirkungen, die bei Studien aufgetreten sind. Ein weiterer Grund, warum es Vasalgel noch nicht auf den Markt geschafft hat, ist die Einstufung einiger Komponenten der Polymer-Verbindungen des Gels als krebserregend. Und fraglich ist überhaupt, ob sich die Forschungskosten rentieren werden, denn wenn das Gel einige Jahre in den Samenleitern verbleibt, sind keine wiederholten Besuche beim medizinischen Fachpersonal notwendig. Es wird aber auch viel Positives über die Methode gesagt, die als die Zukunft der Verhütung für Männer angesehen wird. So berichtet zum Beispiel Motherboard in diesem Artikel aus dem Jahre 2016, dass es Vasalgel noch 2018 auf den Markt schaffen wird. Und dann, knapp ein Jahr später, wird von den neuesten Erfolgen berichtet: an einer Gruppe von Rhesusaffen „funktionierte das Gel genauso, wie es sich die Forscher gewünscht hatten“. Man(n) darf gespannt bleiben!

Und wie sieht das ein Experte?

Um eine weitere Sichtweise zu diesem Thema zu erhalten, habe ich mit dem Psychologen und Klinischen Sexologen Wolfgang Kostenwein über die Notwendigkeit einer alternativen Verhütungsmethode für Männer gesprochen. Das Thema Verhütung werde zwar immer wieder von seinen Klienten angesprochen, so Kostenwein, es sei aber nicht der ausschlaggebende Grund, warum Männer zu ihm in die Sexualtherapie kommen. Manchmal tauche durchaus die Frage auf, wie Männer selber verhüten können, „und da gibt’s einerseits das Kondom, das für Männer sehr oft eine Störanfälligkeit in der sexuellen Funktionalität darstellt und eben die Vasektomie“. Eine Alternative zum Kondom, die gleichzeitig keine endgültige Entscheidung wie die Vasektomie ist, wäre für viele Männer „attraktiv“.
Männer haben weniger Möglichkeiten zur Verhütung – das ist richtig, hier besteht eine Benachteiligung. Andererseits sollte klar sein, dass es auf jeden Fall das Vorrecht der Frau ist, zu entscheiden, wann sie schwanger werden will und wann nicht, schlussendlich ist sie die prioritär Betroffene von einer Schwangerschaft. Frauen müssen die Möglichkeit haben, diese Entscheidung für sich selbst treffen zu können, denn die Konsequenzen müssen in erster Linie sie tragen. „Viele Männer äußern jedoch dasselbe Bedürfnis und sagen, sie hätten auch gerne die Sicherheit zu wissen, wann sie ein Kind zeugen und wann sie das nicht tun“, so der Sexologe. In dieser Situation können Männer einzig und allein auf das Kondom zurückgreifen. Wolfgang Kostenwein hat in seiner langjährigen therapeutischen Tätigkeit immer wieder die Erfahrung gemacht, dass das Kondom auf mehreren Ebenen zu Probleme führen kann: Es muss einerseits unmittelbar vor dem Geschlechtsverkehr angewendet werden und andererseits entsteht eine Reizreduktion, was zur Folge haben kann, dass „Männer, die diesen Reiz benötigen, nicht in Erregung kommen“. All diese Faktoren können als Störfaktor wirken und benötigen hohe Handlungskompetenz, um mit Kondom zielführend zu verhüten.

Ein weiteres Thema, das in der Sexualtherapie immer wieder, wenn auch nicht direkt, angesprochen wird, sind Konstruktionen von Männlichkeit  – zum Thema Männlichkeit wurde bereits an dieser und dieser Stelle des Blogs etwas gesagt. Verhütung für Männer spielt dabei zwar nur am Rande eine Rolle, trotzdem gibt es auch Situationen, in denen Verhütungsentscheidungen das Bild von der eigenen Männlichkeit verändert, so der Therapeut. Wenn die eigene Zeugungsfähigkeit eine Erregungskomponente für einen Mann darstellt, kann eine Vasektomie auf psycho-sexueller Ebene zu einer Krise führen. Ab und zu kommen Männer aus diesem Grund in die Sexualtherapie: sie berichten von einer durchgeführten Vasektomie und einer darauffolgenden Instabilität in ihrer Sexualität – auch wenn sie das vielleicht selbst nicht so formulieren würden. Hat der Glaubenssatz Ich erlebe mich als zeugungsfähigen Mann und das ist Teil meines sexuellen Potentials im Erregungssystems eines Mannes große Bedeutung, „kann das System zu kippen beginnen“, erklärt Wolfgang Kostenwein aus seiner langjährigen Erfahrung.

Oft finden aber auch andere Fragen Platz, die zeigen, dass einige Klienten große Unsicherheiten in ihrem Mann-Sein erleben. „Wie soll ich mich als Mann verhalten“ bzw. „was darf ich als Mann und was nicht“ sind Fragen, die darauf hinweisen. Diese Männer sind meist sehr gerichtet auf ihr Gegenüber, überaus empathisch und einfühlsam, „sie nehmen sich selber nicht mehr wahr, weil sie nur mehr wahrnehmen, was die anderen wahrnehmen und so in eine Instabilität gelangen“. Problematisch ist besonders, dass Männern fast ausschließlich gesagt wird, wie sie nicht sein sollen, was sie alles nicht tun sollen, „aber es sagt ihnen niemand in derselben Konkretheit was sie dürfen und wie sein sollen“, stellt Kostenwein immer wieder fest. Er erkennt in dieser Situation eine Chance, um aus diesem Antagonismus – ignorantes Arschloch vs. einfühlsamer Kerl – auszusteigen und „ein positives Männlichkeitsbild, das eine Verankerung in ihnen selbst und eine Identität, die nicht ein Gesellschaftskonstrukt ist, sondern die mit ihrer Körperlichkeit übereinstimmt, darstellt“.

Vorteile für alle

Das Gespräch mit dem Sexologen und Psychologen Wolfgang Kostenwein hat gezeigt, dass die Zeit reif wäre für ein weiteres Verhütungsmittel für Männer, dass einerseits Männern die Möglichkeit gibt, aktiv und selbstbestimmt zu verhüten, andererseits jedoch auch die Verantwortung, die bisher hauptsächlich der Frau übertragen wurde, aufzuteilen und beide Geschlechtspartner_innen gleichermaßen in Verhütungsentscheidungen miteinzubeziehen. Eine ausgeglichene Beziehung zwischen Männern und Frauen, die geprägt ist von Gleichwertigkeit und Vertrauen, ohne hierarchischen Geschlechtszuschreibungen, würde viele positive Veränderungen mit sich bringen – sowohl beim Thema Verhütung, als auch bei Männlichkeitskonstruktionen. Gäbe es eine zusätzliche Verhütungsmethode für Männer, wäre Verhütung nicht mehr (fast) ausschließlich Frauen-Sache und andererseits würde diese Handlungserweiterung auch Männern selbst zugutekommen. Bis dahin können wir nur hoffen und warten!

P.s.: Dass bis heute noch kein chemisches Verhütungsmittel für Männer zur Verfügung steht, hat sicherlich mehrere Gründe. Wichtig ist mir in diesem Zusammenhang jedoch schon auch, kritisch dem System als großem Ganzen gegenüberzustehen. So sollte auf jeden Fall die Frage gestellt werden, warum die Forschung an einem Verhütungsmittel für Männer tatsächlich bis heute nicht abgeschlossen und ein Präparat für Männer immer noch nicht zugelassen wurde. Da diese Entwicklungen nicht im luftleeren Raum entstanden sind, sondern auch dieses Feld von Machtstrukturen und hierarchischen Beziehungen durchzogen ist, muss kritisch hinterfragt werden, ob dahinter möglicherweise auch – patriarchale – Interessen stehen, die sich gegen jegliche Art von Gleichstellung wehren und weiterhin Verhütung als Aufgabe der Frau ansehen wollen.


Wolfgang Kostenwein ist Psychologe, Klinischer Sexologe und hat die Psychologische Leitung des Österreichischen Instituts für Sexualpädagogik inne. Er bietet Sexualpädagogische Workshops für Jugendliche und MultiplikatorInnen an, ist Lehrgangsleiter des Ausbildungslehrgangs Klinische Sexologie Sexocorporel, hat Lehrtätigkeiten an mehreren Hochschulen und arbeitet mit jugendlichen und erwachsenen Sexualstraftätern. Außerdem forscht er zu Jugendsexualität. Außerdem bietet er Sexualtherapie für Männer an.

* Mir ist bewusst, dass ich durch die explizite Differenzierung zwischen Mann und Frau das Bild einer dichotomen Zweigeschlechtlichkeit reproduziere, das den Eindruck vermittelt, es wäre hier von natürlichen Kategorien die Rede. Dieses Ziel verfolge ich in keinster Weise, gibt es mir hier lediglich die Möglichkeit, jene Menschen zu adressieren, die auch gemeint sind.