Stammtischparolen entkräften: Hoch leben die Gender Studies!

Einige von euch mögen das vielleicht kennen: Ein (vermeintlich) nettes Familientreffen entpuppt sich als Gender-Bashing. Man wird von der Nachbarin von nebenan in ein Gespräch über Gender Studies verwickelt und plötzlich herrscht Erklärungsnot. Oder: Twitter – kaum steht das Thema Gleichberechtigung auf der Tagesordnung, kriechen die Trolle aus ihren Ecken. Wie kann in solchen Situationen schlagkräftig und fundiert für die Gender Studies argumentiert werden? Anhand der Broschüre „Gleichberechtigte Wissenschaft. Fundiert argumentieren für Gender Studies“ sollen Stammtischparolen entkräftet und argumentativ widerlegt werden. Let´s go!

 

Stammtischparole #1:

„Gender Studies sind keine Wissenschaft, sondern eine Ideologie!“

Diese Behauptung impliziert, Wissenschaft sei ‚objektiv‘ und frei von menschlichen Entscheidungen. Das stimmt so aber nicht: wird nämlich Wissenschaft als ‚objektiv‘ definiert, besteht die Gefahr, dass diese selbst um einiges ‚ideologischer‘ ist als angenommen. Denn: was bedeutet ‚objektiv‘ überhaupt? Kann eine Wissenschaft, die nur von einem kleinen Teil der Gesellschaft (meist von weißen, akademischen Männern) hervorgebracht wird, überhaupt den Anspruch auf einen ‚objektiven Blick‘ haben?

Der Ideologie-Begriff wird hier außerdem herangezogen, um Bilder von Unterdrückung und Herrschaft entstehen zu lassen. Gender-Forscher_innen wollen jedoch genau das Gegenteil erreichen. Ihnen geht es nicht darum, eine starre, rigide Weltanschauung zu fördern, sondern Normen zu hinterfragen und diverse L(i)ebensentwürfe anzubieten. Der Vorwurf, Gender-Forscher_innen würden die Gesellschaft ‚misionieren‘ wollen, stimmt so also nicht!

Stammtischparole #2:

„Gender Studies ignorieren die Naturwissenschaften und die biologischen Unterschiede zwi-schen Mann und Frau“

Diese Behauptung ignoriert einerseits Bereiche der Gender Studies und leugnet andererseits auch neue Erkenntnisse der Biologie – damit wird die Vielfalt beider wissenschaftlichen Felder unsichtbar gemacht. Außerdem zeigt diese Stammtischparole deutlich, dass ein tatsächliches Interesse an den Ergebnissen biologischer Forschung nicht besteht. Würde hinter dieser Aussage wirkliche Wissbegier bezüglich der Geschlechterfrage stecken, wäre man bereits auf Studien, die diese Annahmen wiederlegen, gestoßen. Vertreter_innen des ‚Anti-Genderismus‘ benutzen Naturwissenschaften lediglich, um die eigene Vorstellung vom Modell der Zweigeschlechtlichkeit zu stützen. Der Zusammenhang von biologischem Geschlecht und sozialem Verhalten wird oft in populistischen, konservativen Diskursen wie diesen einfach festgestellt und nicht weiter belegt.

Stammtischparole #3:

„Gender Studies beschäftigen sich mit Luxusproblemen. Gleichberechtigung ist bei uns ja schon längst erreicht. Gibt es keine akuteren Probleme?“

Diese Behauptung lässt die Frage entstehen, wer denn überhaupt bestimmt, was wichtig ist und was nicht? Außerdem verschleiert sie Ungleichheiten, die bei genauerem Hinsehen deutlich werden: denn auch im ach so emanzipierten und fortschrittlichen ‚Westen‘ existieren Geschlechterungleichheiten, hervorgerufen durch patriarchale Herrschafts- und Machtverhältnisse. Ware es nicht reine Augenauswischerei, würde sich ‚die Wissenschaft‘ lediglich mit Fragen beschäftigen, die die Hälfte der Bevölkerung ignoriert?

Viele Möglichkeiten für Frauen (und LGBTIQ+-Personen!) werden heute als selbstverständlich angenommen, obwohl sie das vor einigen Jahren noch gar nicht waren. Sie haben wir den feministischen Bewegungen und der Geschlechterforschung zu verdanken!

 

Eine oft gestellte Frage: „Lohnt es sich zu kontern?“

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Alle weiteren Stammtischparolen und Argumente dagegen könnt ihr in der Broschüre, die die Genderplattform LINK zusammen mit der Koordinationsstelle für Geschlechterstudien und Gleichstellung der Universität Graz herausgegeben hat, nachlesen. Sie steht hier zum Download zur Verfügung! Außerdem geraten die Gender Studies auch institutionell seit geraumer Zeit immer wieder massiv unter Beschuss. Sie sind für rechte Medien und Menschen mit konservativem Weltbild ein gefundenes Fressen, um Feindbilder zu konstruieren und „besorgte Bürger“ befürchten – unter anderem – eine Abschaffung der Kleinfamilie. Über die Entwicklungen in Ungarn, wo Viktor Orban die Gender Studies abschaffen hat lassen, könnt ihr außerdem hier nachlesen.