Sex and the City und Feminismus?

Obwohl Sex and the City eine empowernde Serie für Frauen sein soll, wird sie von Feminist*innen oftmals verpönt. Ich dachte immer, dass sie folglich total schlecht für die Frauenbewegung sein müsste und nur als „guilty pleasure“ existieren dürfte. Jetzt habe ich einen genauen Blick auf sie geworfen und mir eine Pro und Contra Liste erstellt. Das kam dabei heraus: 

Vonecia Carswell

 

Ein kleiner Überblick

Bei Sex and the City (1998-2004) ist jede Episode durch Carrie Bradshaws Kolumne gerahmt, in der sie sich hauptsächlich mit Fragen zu Sex, Beziehungen und New York beschäftigt. Sie zieht dafür das Leben ihrer drei Freundinnen und ihr eigenes heran: Charlotte – auf der Suche nach dem Mann zum Heiraten; Samantha – PR-Managerin, freiheitsliebend und verrückt nach gutem Sex; Miranda – erfolgreiche Anwältin; Und Carrie als zentrale Hauptfigur – auf der Suche nach der Liebe fürs Leben. Diese vier Frauenfiguren im Mittelpunkt (und natürlich auch alle anderen Figuren aus der Serie) sind Archetypen. Sie treten daher nicht wie realistische und facettenreiche Personen auf, sondern werden jeweils auf einige Eigenschaften zugespitzt dargestellt. Vielleicht würden sie alle zusammen als eine realistische Frau funktionieren können.
Außerdem sind sie weiß, dünn, hetero und reich und verkehren in Manhattan in den Kreisen der Berühmten und Angesehenen. Der Wohlstand der vier Freundinnen wirkt signifikant auf den Verlauf der Handlung, wird aber als normaler Lifestyle angepriesen.

 

 

Contra 1 – Konsum

Sex and the City zeigt nicht den Alltag normaler Frauen, sondern den wohlhabender New Yorkerinnen. Dadurch wird Konsum im Überfluss als Lebensbasis beworben. Der teure Lifestyle der vier Hauptfiguren wird angepriesen und ein nahezu perfektes Aussehen verherrlicht. Die Serie konzentriert sich folglich auf ein ganz bestimmtes Frauenbild, in dem Diversität keine Existenzchancen zugeteilt bekommt. Die exklusive Welt von Sex and the City schließt alle anderen* aus. Das kapitalistische System dahinter behauptet folglich: Du musst all diese Dinge besitzen, um auch schön, wertvoll und erfolgreich sein zu können und anschließend für die Männerwelt sichtbar zu werden. Das erinnert stark an: Cinderella, Cinderella.

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Contra 2 – Das alte Märchen

Die vier Freundinnen beschäftigen sich exzessiv mit Männern, wobei die Frauenfiguren nicht nur ständig über Männer sprechen, sondern durchgehend auf der Suche nach dem richtigen Mann sind. Dafür, dass Sex and the City eine frauenbestärkende Serie sein soll, stellt die unaufhörliche Thematisierung von Männern und das besessene Kreisen um sie herum, einen riesigen Minuspunkt dar. Allerdings entstehen in Gesprächen zwischen den vier Hauptfiguren oftmals unterschiedliche Blickpunkte, wodurch sich die Signifikanz von Beziehungen und liebes-besessene Aussagen manchmal wieder auflösen.
Sex and the City bewegt sich dennoch im typischen Narrativ eines Märchens, in dem die Frau verloren nach dem Prinzen sucht, der sie am Ende retten und vor allem vervollständigen soll. Die zentrale Beziehung von Carrie und Mr. Big zeigt diese Problematik gut auf: Er charakterisiert den unabhängigen Klischee-Mann, der sich nicht binden will und dessen Name sogar mit einer Phallus-Symbolik verbunden ist. Carrie hingegen benimmt sich in seiner Gegenwart wie die abhängige und passive Frau, die sich für ihn aufopfert. Am Ende der Serie „rettet“ Big sie in Paris sogar aus den Armen eines anderen Mannes. Nachdem er ihr daraufhin seine Liebe gesteht, erfüllt er alles, was Carrie sich insgeheim über die sechs Staffeln hinweg gewünscht hat.

 

Pro 1 – Frauen sichtbar machen

Trotz märchenähnlicher Geschichtsführung begegnen die Zuseher*innen über die Staffeln verteilt einer Reihe ernster und relevanter Themen, die clever behandelt werden. Darunter fallen beispielsweise: Krankheit (Krebs), Scheidung, Erfolg, Unfruchtbarkeit, alleinerziehende Mutterschaft, Slut Shaming, Abtreibung usw. Während den Auseinandersetzungen mit ihren Schwierigkeiten treffen die vier Freundinnen auf frauenbestärkende Leitlinien, wie beispielsweise die Erkenntnis, ohne einen Mann zurechtkommen zu können, aus einer toxischen Beziehung austreten zu können und sich selbst wichtig und wertvoll genug dafür zu sein (beispielsweise als Samantha beim Beenden einer für sie ungesunden Beziehung betont: „I love you, but I love me more“), selbst über den eigenen Körper zu entscheiden und auch als Frau mutig und erfolgreich sein zu können und dürfen. Die vier Figuren leben selbstbestimmt und selbstständig, stehen zu sich selbst (und ihren Freundinnen), kennen ihren Wert und wissen, was sie wollen.

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Pro 2 – Revolutionärer Sextalk

Sex and the City stellt die Frau als sexuelles Wesen sichtbar in die Öffentlichkeit. Während viele Serien und Filme sexuelle Begierde immer noch nur Männern zuschreiben, beschäftigt sich Sex and the City auf ganz selbstverständliche Weise (und so sollte es auch immer sein!) mit der weiblichen Sicht auf Sex und das Ausleben von Sexualität. Frauenspezifische und auf Sex bezogene Themen werden in der Serie auf wahrhaft revolutionäre Weise frei und ehrlich angesprochen. Scham Adé.

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Pro 3 – Frauen unterstützen Frauen

Sex and the City ermöglicht einen wichtigen Einblick in funktionierende und intensive Frauenfreundschaften. Die vier Freundinnen unterstützen sich gegenseitig in jeder Lebenslage, sind ehrlich zueinander und wünschen sich gegenseitig nur das Beste. Das Besondere daran ist, dass sie all das zeigen, ohne neidisch zu werden, sich gegenseitig zu manipulieren oder schlecht zu machen, wie es in vielen anderen Serien und Filmen mit so vielen zentralen Frauenfiguren üblich ist. Sex and the City stellt also Frauen in den Mittelpunkt,  die sich gegenseitig wertschätzen und bestärken und nicht um die Aufmerksamkeit eines Mannes konkurrieren! Ob sie gerade einen Partner haben oder nicht: sie sind die wichtigsten Konstanten in ihren Leben.

 

Beim näheren Betrachten der Serie treten zusammenfassend Minus- aber auch Pluspunkte auf.  Wenn man sich der märchenhaften Handlung und des Grundgerüsts über die überzeichneten Figuren bewusst wird und eine Art Filter dafür entwickelt, hält Sex and the City – auch für Feminist*in – Frauenpower bereit.  Es ist allerdings sehr wichtig, sich mit der Aussage der Serie auseinanderzusetzen und darauf zu achten, welche Mechanismen sie anreizt.
Darüber hinaus sehe ich schlussfolgernd Sex and the City als eine Serie, die zwar nicht feministisch ist, aber auch nicht auf eine „Verbotsliste für Feminist*innen“ gesetzt werden muss. 

 

About The Author


Ani

Ani hat Theater-, Film- und Medienwissenschaften mit dem Fokus auf feministischen Filmtheorien studiert und setzt sich künstlerisch in Form von experimentellen Filmprojekten und Musik mit Verletzlichkeit und Intimität auseinander.