Mythos Jungfrau

Der Mythos um das Jungfernhäutchen hat sich lange gehalten und auch heute sprechen noch viele davon. Als handle es sich dabei um die Krone der weiblichen Sexualität. Dieses Siegel der Jungfräulichkeit gibt es aber gar nicht und hat es auch nie gegeben. Es existiert lediglich ein vaginales Korona. 

 

Vaginales was?  

Die Vorstellung, dass eine dünne Haut die Vagina „verschließt“ und beim ersten Geschlechtsverkehr vom Penis durchstoßen wird, geistert noch in vielen Köpfen herum. Das Bild einer jungfräulichen, durch ein dünnes Häutchen versiegelten Vagina ist schlichtweg falsch und erfordert eine Richtigstellung. Anatomisch kann viel eher von einem vaginalen Korona gesprochen werden. Es handelt sich um einen Begriff der in Schweden schon 2009 in den offiziellen Sprachwortschatz aufgenommen wurde. In diesem Video, das in Zusammenarbeit mit dem Verein Holla e.V. und der Youtuberin Lu Likes von Pinkstinks entstanden ist, wird klargestellt, dass das Vaginale Korona alias „Jungfernhäutchen“ in den meisten Fällen nicht den Scheideneingang abschließt, sondern lediglich ein mehr oder weniger stark ausgeprägter Schleimhautkranz ist, der ein evolutionäres Überbleibsel darstellt.

 

 

Dieser Schleimhautkranz kann unterschiedlich aussehen. Das ist ganz normal. Problematisch wird es, wenn das „Hymen“ so ausgebildet ist, dass es die Vagina (fast) vollständig abschließt und somit verhindert, dass Menstruationsblut abfließen kann. Durch den Verschluss entzündet sich das Blut und verursacht Beschwerden. Die sind ähnlich wie beispielsweise Bauchschmerzen. Diese Situation bedarf einer gynäkologischen Abklärung und möglicherweise eines operativen Eingriffes. Problematische Ausprägungen der vaginalen Korona sind jedoch die Ausnahme und stellen auf keinen Fall die Mehrheit dar.

 

Jungfrau bis zum ersten Mal?

Die neue Sicht auf das „Jungfernhäutchen“ hilft nicht nur Frauen* selbst, ein anderes Bild über ihren Körper zu bekommen, sondern wirkt sich auch positiv auf das mystifizierte erste Mal aus. Ohne Jungfernhäutchen gibt es das erste Mal nämlich nicht. Ein erstes Mal würde bedeuten, dass es einen „Startpunkt“ der Sexualität gibt. Das Durchstoßen dieses ominösen, nicht vorhandenen Jungfernhäutchens würde dann den Anfang dieser Ära einläuten. Es wird aber mit dem ersten Geschlechtsverkehr nicht der Beginn der eigenen Sexualität eingeläutet. Die beginnt nämlich schon im Mutterleib, wenn das kleine Früchtchen erkennt, dass es Spaß macht, mit dem eigenen Geschlechtsteil zu spielen.

Diese neuen Erkenntnisse lassen auch das problematische und verstörende Gerede, dass es ersten Mal aufgrund des Durchstoßens des „Jungfernhäutchens“ weh tun muss, in Luft auflösen. Es kann beim Geschlechtsverkehr auch mal zu (leichten) Schmerzen oder einem Ziehen kommen. Das soll aber auf keinen Fall überwiegen. Sollten es zu Schmerzen bei sexueller Interaktion, Petting oder ähnlichem kommen und zum dauernden Begleiter werden, ist es sinnvoll, den Rat einer Gynäkologin oder eines Gynäkologen einzuholen.

Daran schließt auch die Frage an, ob Mädchen/Frauen beim ersten Mal, dass es eigentlich gar nicht gibt, bluten (müssen)? In Studien konnte erforscht werden, dass es nur bei 50% der Mädchen/Frauen beim ersten penetrativen vaginalen Geschlechtsverkehr zu Schmierblutungen kommt. Bei einer stärkeren Blutung ist zumeist eine Verletzung in der Scheide die Ursache. Oft ist es aus unterschiedlichen Gründen erwünscht, beim ersten Mal zu bluten. Da dies aber nicht erzwungen werden kann, wird auch mal mit Kunstblut Abhilfe geschaffen werden. Eine Hymenrekonstruktion, die nie dagewesenes wiederherstellen soll, liegt erschreckenderweise stark im Trend. Immer mehr Mädchen entschließen sich zu dieser Operation. Diese Prozedur zählt zu den Schönheits-OPs und findet unter Vollnarkose statt. Nicht ausgeschlossen sind dabei unterschiedlich starke Nebenwirkungen. Jungen Mädchen und Frauen wird vorgegaukelt, durch diesen Eingriff erhielten sie ihre Jungfräulichkeit wieder zurück. Die erfolgreiche Rückgewinnung von etwas, das man nie hatte.

 

Nichts gerissen?

Da es kein Jungfernhäutchen gibt und sich das Konzept Jungfräulichkeit auch nur jemand ausgedacht hat, kann NIEMAND – auch keine Gynäkologin bzw. kein Gynäkologe – erkennen, ob jemand schon einmal, oder wie oft, Geschlechtsverkehr hatte. Wie auch? Ist ja nichts da, das „reißen“ oder sich in seiner Form verändern könnte. Die Schleimhautfalten, alias das vaginale Korona, sind so ausgebildet, dass sie sich problemlos dehnen und wieder zusammenziehen können.

Viele Frauen* fühlen sich unsicher über das Aussehen ihrer Vulva (die äußeren Teile des weiblichen Geschlechtsorgans). Das muss aber nicht sein. Genau wie jeder anderer Körperteil sehen auch Vulven unterschiedlich aus. Die inneren und äußeren Labien, die Klitoris oder der Venushügel, können in Form, Farbe und Größe variieren. So wie auch Nase, Ellbogen und Bauchnabel von Person zu Person anders aussieht.

 

All Clits are beautiful! 

 

 

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Mehr dazu: 

Die aktuelle Printausgabe des Missy Magazines widmet sich in einem ausführlichen Artikel diesem Stückchen Haut und schmeißt die alten Mythen beim Fenster raus. Das interkulturelle Frauen und Mädchen Gesundheitszentrum Holla e.V. aus Köln beschäftigt sich mit diesem Thema und brachte die Broschüre „Mythos Jungfernhäutchen“ heraus.

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Sophie König ist ausgebildete Sexualpädagogin und macht den Master in Gender Studies an der Universität Wien.

Sie beschäftigt sich mit Themen wie Bodyimage, Sex und Geschlechterparität.