Moral und Obszönität, purpurr.at, Patrick Catuz

Moral und Obszönität sind zwei Seiten derselben Medaille

Moralische Ergriffenheit und der Reiz des Verbotenen sind nicht einfach nur Gegensätze. Sie brauchen sich gegenseitig. Das eine soll zum anderen anregen. Beides zusammen ist ein Pendel, dass uns den Takt vorgeben soll.  

Kontrollierst du die Lüste, kontrollierst du die Menschen. Die Sexualität musste als solche erst „erfunden“ werden, damit benannt, bezeichnet, klassifiziert werden kann. Im Mittelalter war noch alles, was keine Babies macht, einfach als Sodomie bezeichnet worden. Die Moderne kennt für Abweichungen eine Vielzahl von Begriffen, wie Perversion, Homosexualität oder Promiskuität. Man erkennt und formt den Menschen über die Sprache. Die Tabuisierung der unerwünschten sexuellen Formen ist keine reine Unterdrückung, nicht einfach nur ein zum Schweigen bringen – wir sollen darüber sprechen. Die Regulationsmechanismen stellen sich in den Schein der Befreiung, im Reden über den Sex, im Zeichen seiner Diskursivierung und somit Kontrolle, so der französische Philosoph Michel Foucault. Dem Anschein entgegen, es sei ein großes Schweigen über den Sex ausgebrochen, kam zu einer diskursiven Explosion. In der Wissenschaft, in öffentlichen Debatten, in der Unterhaltung. Regulation ist hier also nicht als Repression, als Unterdrückung zu verstehen, sondern als etwas Produktives. Es wird sprachlich etwas hervorgebracht.

 

Wir werden laufend dazu angeregt, über Sex zu sprechen. Früher musste man zur Beichte gehen, heute ist es ein dauerndes Gebrabbel über unsere Lüste. Unzählige TV-Serien verschreiben sich diesem Problem und die Figuren sind auf der ständigen suche nach dem besseren Sex. Weil die Gesellschaft scheinbar alles unterdrücken möchte, was mit Sex zu tun hat, stellt sich das Sprechen in den Schein einer Befreiung. Das macht uns jeder Popstar vor, der die Hüllen fallen lässt. Voll rebellisch, ey! Total feministisch! Dabei ist nicht jedes sexuelle Geifern von Madonna bis Miley Cirus ein Akt der Selbstermächtigung. Die meisten entsprechen ganz klassischen Objektivierungsformen, egal welches Label draufgeklebt wird. Ein Nachahmungsapell zur Konformität. Passende Körper mit passenden Gelüsten. Gegendert und produktiv. Im Sprechen erklärt man uns, dieser Sex ist falsch, jener Sex ist besser. Es ist schon interessant, wie Sexualität zum Problem und zur Lösung all unserer Probleme erklärt wird. Nur werden wir da nie so rauskommen. Sex ist nämlich weder ein Problem, noch eine Lösung.

Diese Art der Befreiung, durch das ‚Brechen’ des Tabus, hat erstaunlich viel von der Erlösung im Geständnis des Christentums: Geständnis der Lüste, Befreiung von Sünden. Wir verschieben die Grenze nicht, wir wandern sie nur entlang, einen Schritt darüber, einen zurück, immer fein der Linie entlang. Was könnte uns besser verdeutlichen, dass Tabu und Übertritt nicht Kontrolle und Befreiung darstellen, sondern zwei Bewegungen desselben Mechanismus? Das Überschreiten der Grenze greift das Tabu nicht an, sondern suspendiert es nur. Wenn man eine Linie entlang schreitet, berührt man zwangsläufig beide Seiten. Genau so wird eine Grenze erst gezogen. Der Übertritt wäre ohne das Tabu kein solcher, ebenso wie das Tabu des Übertritts bedarf.
Einfacher ausgedrückt: Wir dürfen Lust nicht bloß als Zustand verstehen, sondern als etwas, das von Kräften und Bewegungen gezeichnet ist. Und diese Spannung löst sich nicht in der Frage zwischen Unterdrückung und Befreiung. Was dadurch getarnt wird, sind die Handlungsvorgaben, die uns damit gegeben werden. Und damit zu guter Letzt der Durchsetzungsversuch eines Herrschaftsanspruches. Je nachdem, wozu es uns anregen soll, erscheint der Sex einst als Gefahr, alsdann als Befreiung. Die Konstruktion der Wahrheit des Sexes anhand dieser Trennung hat eine lange Tradition.

Über den Sex zu sprechen, Geständnisse des Sex hervorzubringen, das Problem Sex und seine Lösungen zu zeigen, geschah auch bald mittels optischer Werkzeuge. Die Pornographie ist auch ein Insturment in dem Orchester, wie Werbung, Groschenromane und religiöse Belehrung. Sie ist ein Tabu, dass benötigt wird, um die Grenze zu ziehen. Zumindest solange wir ihr diesen nebulösen Ort des schmutzigen, skandalhaften zugestehen. Sie ist ein nötiges Außen, um das Innen abzugrenzen. Die Lust gerät nur in der Frage ihrer Form des Begehrens, des immerwährenden Wünschens, zum Gegenstand der Sorge. Sie ist aber leider keine Frage des Genießens. Damit ließe sich ein besserer Zugang zu sich selbst und anderen finden, im Wünschen jedoch lassen sich andere Dinge einpflanzen. Getrieben von der Lust an Fügsamkeit und Übertretung (und im Porno handelt es sich irgendwo immer um eine erlaubte Überschreitung), kann so etwas wie Normierung stattfinden, deren Ideal immer utopisch bleibt. Deshalb müssen wir es immer und immer wieder wiederholen. Keine Gegensätze, es sind zwei Seiten derselben Medaille.

Da ist kein Ort frei von Macht. Wir sagen nicht ‚Nein’ zur Macht, wenn wir ‚Ja’ zum Sex sagen. Wir sagen aber auch nicht ‚Nein’ zur Macht, wenn wir ‚Nein’ zum Sex sagen. Wir kommen nur aus dem Kreislauf raus, wenn wir diese Logik verwerfen und zu einer neuen Sprache finden. Mit eigenen Worten. Nicht in Form von Geständnissen, sondern als sexueller Selbstausdruck. 

 


 

Patrick Catuz mit seinem Buch "Feminismus fickt!"

Mehr davon in:

 

Patrick Catuz: Feminismus fickt!
Lit-Verlang. Wien/Münster, 2013.

Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1. Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main. Erste Auflage, 1983.

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