Moderne Väter, der neue Mann, jelleke-vanooteghem-386009-unsplash

Der moderne Vater ist kein Mythos (aber eine Rarität)

In meinen 30ern gibt es jetzt langsam immer mehr Leute in meinem Umfeld mit Kindern. So modern ich „uns“, die Männer meiner Generation, auch dachte, die meisten kippen mit dem ersten Kind in traditionelle Rollen. Den modernen, involvierten, fürsorglichen Vater gibt es darunter auch. Aber selten.

Foto: Jelleke Vanooteghem

Ein Wort hat mich immer wieder enttäuscht: „Papamonat“. Die Frage dazu lautete: „Und, wie hältst du’s mit der Karrenz?“. Der Papamonat fand dann meist am Ende der Karenzzeit der Frau statt und mit ihr gemeinsam. Es liegt auch an der Einstellung der Männer, aber nicht nur. Ein Freund von mir hat seinem Chef gesagt, dass seine Partnerin schwanger ist und gefragt, ob er in Karenz gehen kann. Das muss er, bei Männern gibt es nämlich noch keinen Rechtsanspruch. Am nächsten Tag hatte er die Kündigung.

 

Die Schere geht auf

Was ist es, was da an Frauen hängenbleibt? Wir sollten das Kind schon beim Namen nennen: Es ist Fürsorgearbeit. Darunter fällt beispielsweise die Kinderbetreuung oder die Pflege kranker oder alter Familienmitglieder. Sie ist neben der Hausarbeit Teil der Gratisarbeit, die in unserer Gesellschaft verrichtet wird. Diese wird zum überwiegenden Großteil von Frauen verrichtet. Den größten Anteil der Erwerbsarbeit – also die Arbeit, für die es Kohle und Anerkennung gibt – machen Männer. Um 8% klafft die Quote zwischen den Geschlechtern auseinander. Während fast 80% der Männer erwerbstätig sind, ist das immerhin bei über 70% der Frauen der Fall.

Klingt jetzt vielleicht gar nicht so schlimm. Bei Frauen unter 25 sind es sogar nur 6% Unterschied. Doch ab diesem Alter geht die Schere auseinander und erhöht sich auf 12%. Was passiert wohl zwischen diesen Altersgruppen? Drei mal dürft ihr raten!

Noch drastischer wird es, wenn wir die Teilzeitquoten anschauen. Die liegt bei 11,2%. Hier geht die Schere dann schon krass auseinander: Während nur 11% der Männer in Teilzeit sind, sind es bei Frauen schon fast 48%. Das liegt nicht daran, dass Männer mehr arbeiten wollen – Frauen arbeiten mindestens genauso viel, nur halt offensichtlich bis zur Hälfte ihrer Zeit gratis. Der Grund ist derselbe. Frauen arbeiten weniger, um sich um Haushalt und Kinder kümmern zu können.

 

Gendered Pragmatism

Klar, es muss jedes Paar schauen, wie es am besten über die Runden kommt. Aber nicht immer geht es nicht anders. Ein befreundetes Paar von mir hat mit Bekanntwerden der Schwangerschaft einen Kredit für eine Eigentumswohnung aufgenommen. Dass sie zuhause bleibt und später dann vielleicht ein wenig dazu verdient und er alles aufs Geldverdienen setzt, erschien ihnen notwendig, schließlich verdient er um einiges mehr. Nur haben sie sich diese Notwendigkeit auch selbst verschärft, sonst ginge es vielleicht auch, wenn sie sich das teilen.

Es ist wahrlich kein „Einzelfall“ und das hat drastische Konsequenzen für Frauen. Man rechnet nicht mit einer Trennung, ist aber im Fall sehr viel abhängiger. Im günstigsten Fall gibt es noch Unterhalt, womit man meist nicht weit kommt. Außerdem sind die meisten Frauen dann auch noch Alleinerzieherinnen. Auch ohne Trennung ist das nicht immer rosig. Sind die Kinder mal außer Haus fehlt es an Selbstentfaltung. Außerdem verkommt das soziale Umfeld, ist die Arbeit doch auch ein Relais zur Öffentlichkeit. Oft ist ein Wiedereinstieg nur sehr schwer möglich. Und bei Teilzeit bleibt man auf der Karriereleiter meistens stehen.

Damit fallen diese Paare, von denen viele urbane, moderne, junge Menschen sind, in traditionelle Rollenaufteilungen zurück, die sich mit den Jahren verschärfen werden. Auch ihre Beziehungsdynamik wird sich dadurch jener ihrer Eltern und Großeltern annähern (was sie selbst wohl nicht als Idealbeispiel bezeichnen würden). Auch aufgeschlossene und an Parität orientierte junge Paare fallen statistisch betrachtet spätestens mit dem ersten Kind in diese alten Muster zurück. Das hat strukturelle Gründe, aber auch identitäre und liegt am zentralen Element von Männlichkeit.

 

Dazu mehr von Ines Kappert, Leiterin des Gunda-Werner Instituts:

 

Männer würden durch Kinderbetreuung Lebenszeit gewinnen!

Das Ganze scheint zwar ein (ökonomischer) Vorteil für Männer zu sein, insgesamt ist es für sie aber auch beschissen. Männer haben höhere Burnout-Raten, sind sozial isolierter, sind häufiger von psychischen Krankheiten und Alkoholismus betroffen, Rauchen mehr, haben ein geringeren Gesundheitsbewusstsein, sind risikobereiter, sterben deshalb früher.

Was hat das mit Kindern zu tun? Die retten Leben! Ich habe bei einer Konferenzreise mit einer Kollegin das Apartment geteilt, die ihren Mann dabei hatte. Er hat den Aufenthalt als Urlaub genutzt. Zu einem bestimmten Moment wurde Gesundheit zum Thema (eigentlich hat er sich zuerst über meinen Vegetarismus lustig gemacht). Ihr Mann rauchte stark, aß drei mal am Tag Fleisch, war übergewichtig und trank meist ab Mittag das eine oder andere Gläschen – ist ja Urlaub! Als Bluthochdruck und ähnliches zur Sprache kam, meinte er: „Dann sterbe ich halt früher, sonst hat man ja nichts vom Leben“ – „Vielen Dank!“ entgegnete seine Frau. Sie haben ein gemeinsames Kind. Was unterscheidet sich in ihrer Perspektive? Für Frauen ist ihre Gesundheit tendenziell weitaus mehr auch eine soziale Angelegenheit. Meine Kollegin denkt dabei auch an ihre Familie, die sie nicht nur lieben, sondern auch brauchen. Männer hingegen betrachten sich als Renegades, nur sich selbst verpflichtet, einsame Cowboys, die in den Sonnenuntergang reiten und irgendwann vom Pferd fallen. Ich glaube noch nicht einmal, dass sich ihre familiäre Verpflichtung auf finanzielles beschränkt, es ist wie mit den Strafzahlungen bei Klimaübertretungen: Mit Geld kaufen sie sich frei!

 

Was für Väterbilder kennen wir?

 

 

„Aber nicht alle…“

Ihr werdet mir nun entgegenhalten, dass ihr sehr wohl Vollzeit berufstätige Väter kennt, die sich reizend um das Kind kümmern. Klar, hatten hoffentlich die meisten von uns. Aber eben nur gelegentlich, weil was anderes geht sich gar nicht aus. Sie verpassen es, hauptverantwortlich zu sein und nehmen so einen Nebenschauplatz ein, eine Hilfsarbeiterrolle. Denn gerade in der Pflege eines Kindes entsteht das Verantwortungsgefühl, das Urvertrauen und die Bindung. Das kann nicht anders kompensiert werden. Die Idee vieler Väter dann mit einem Teenager cooler Kumpel spielen zu können ist merkwürdig. Jugendliche wollen nicht mit den Eltern befreundet sein. Und selbst wenn, ein Kumpel ist nun mal kein Vater. Klingt nach viel nerviger Arbeit. Dabei würden Männer genau davon profitieren.

 

He can do it! Moderner Vater, neue Vaterbilder

 

Ich persönlich glaube, es wäre am besten, wenn alle in der Karriere etwas zurückstecken, sich aber dennoch auch beruflich verwirklichen können. Dadurch haben alle beteiligten Anteil an der Haushaltskasse sowie an der Kinderbetreuung. So entsteht Bezug zu den Kindern, die wir Generation X oder Y mit unseren häufig physisch abwesenden oder bestenfalls halbinteressierten Vätern nicht in der Form hatten. Erfreulicher Nebeneffekt: Die Midlife Crises würde abgefangen. Die sogenannte „Zweite Pubertät“ der Männer liegt meiner Meinung nach daran, dass ca. zehn Jahre vor der Pension die Erkenntnis kommt, dass sie wohl nicht mehr sehr viel weiter kommen werden, als sie es jetzt sind. Dabei wären sie so gerne Zampano. Ihre Identität baut ja auf Erfolg im Job auf, ihre familiäres Standing auf der Rolle als Geldverdiener. Die Jahrzehnte davor konnten sie sich immer noch einreden, dass sie es eines Tages schaffen würden.

Nun kommt das große Erwachen. Sie suchen also nach anderem kompensatorischen Verhalten. Einer meiner Onkel scheiterte sogar und lief Gefahr sich zu suizidieren. Würde die männliche Identität nicht so sehr von Erwerbstätigkeit und beruflichem Erfolg abhängen, sondern auch von ihren Beziehungen geformt, wären sie nicht so erschüttert und könnten besser aufgefangen werden.

 

Der moderne Vater hat Zukunft

Egal, wie man politisch steht, in der modernen Gesellschaft kann es sich eine Familie einfach kaum leisten, ein erwachsenes Mitglied von der Erwerbsarbeit abzuhalten. Dafür wird es nicht nur mehr Männer brauchen, die ihren Anteil übernehmen, sondern auch höhere Akzeptanz von Politik, Unternehmen und auch der Gesellschaft. Zu guter letzt sollte die Politik auch erkennen, was dafür unumgänglich ist: Förderung von Väterkarenz (im Sinne von 50-50) und ein flächendeckender Ausbau der Kinderbetreuung, von Gratiskindergärten bis Ganztagesschulen.

Das sollten auch konservative Parteien einsehen, wenn sie möchten, dass die Menschen noch Kinder kriegen. Für viele Paare ist die finanzielle Belastung eines oder gar mehrerer Kinder zu kriegen, einfach zu hoch. Für viele Frauen ist der Preis sogar noch höher.

 

About The Author


Pat

Patrick ist Autor, Filmemacher und Kulturarbeiter und lebt in Wien. Er hat in Klagenfurt (AUT) und Breslau (PL) Medien- und Kommunikationswissenschaften sowie Angewandte Kulturwissenschaften studiert.

Er arbeitete bei Erika Lust und LUST FILMS in Barcelona, ehe er nach Wien zurückkehrte, um sich an der Universität für angewandte Kunst Wien seiner Doktorarbeit zu widmen. Er führt mit Adrineh Simonian die Firma Arthouse Vienna, die sich auf Queer, Feminist und Arthouse Porno spezialisiert.