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Du bist der Typ in der dunklen Gasse (#metoo)

#metoo, sexuelle Übergriffe, Belästigung

Sexuelle Übergriffe sind der Alltag vieler Frauen. Ich glaube sogar fast aller. Man kann es sich als Mann kaum vorstellen. Ich konnte es nicht. Bis ich mit vielen Frauen in meinem Umfeld gesprochen habe. Nun weiß ich: Ich bin der Typ in der dunklen Gasse. 

Es ist nicht so, dass ich zuvor nichts davon gewusst hätte. Ich habe eine sehr frühe Erinnerung an die Erfahrungen meiner Mutter damit. Sie hat viel mit mir gesprochen und mir dadurch vermitteln können, was da passiert und wie es zu bewerten ist. So etwas wird oft relativiert. Sie tat es nie. Ich war mir der Sache also bewusst. Nichtsdestoweniger habe ich erst vor Kurzem verstanden, was das wirklich für Frauen bedeutet. Und mein eigenes Verhalten dadurch besser hinterfragen können.

Frauen bewegen sich anders im öffentlichen Raum. Sie haben ein stärkeres Bewusstsein dafür, Zielscheibe für Angriffe werden zu können. Sie sind dermaßen gewöhnt, darüber nachdenken zu müssen, ob sie alleine in einem Abteil sind, ob sich noch jemand im Parkhaus befindet oder welche Wege sie in der Nacht nehmen, dass es vielen fast schon normal vorkommt. Es wird alltäglich. Genauso alltäglich, wie die Erwartung, beim Ausgehen aggressiv angequatscht oder betatscht zu werden.

Männer nehmen das gar nicht wahr. Kein Wunder, ihnen geht es ja auch nicht so. Klar, kann Männern auch etwas passieren, ich wurde auch schon überfallen. Aber die Bedrohung eines Angriffes ist nicht so alltäglich, wie für Frauen.
Ich muss mich nicht fürchten, wenn ich alleine in der U-Bahn bin. Ich muss beim Ausgehen nicht die ganze Zeit meinen Drink im Auge behalten. Wenn ich die Familie besuche, nehme ich nach dem Ausgehen häufig einen 15-minütigen Weg in fast vollkommener Dunkelheit. Da trifft man eigentlich nie jemanden und wenn, dann ist es ein betrunkener Typ. Ich höre sogar meistens Musik und wäre ein leichtes Ziel. Nur: Männer sind halt kein Ziel. Manchmal ist mir dabei vielleicht etwas mulmig, wirklich Angst habe ich nicht.
Nicht, weil Männer keine Angst haben. Sondern, weil sie keine Angst haben müssen.

Frauen haben jedoch gute Gründe dazu. Freundinnen und Bekannte haben mir erzählt, dass sie auf der Straße, der Schlange vor dem Klub, und sogar bei Tageslicht und selbst in öffentlichen Verkehrsmitteln von Männer bedrängt, betatscht, verfolgt werden. Sie lauern ihnen auf, klettern über Toilettenwände, holen den Penis raus (vor allem Öffis sind scheinbar ein beliebter Raum für diese fragwürdige Freizeitbeschäftigung).
Auch wenn nicht immer ein physischer Angriff passiert: Es ist bedrohlich. Dabei sind es fast ausschließlich immer Männer. So werden Männer zu etwas Bedrohlichem. Wegen Männern, die zu weit gehen. Männern, die aggressiv sind. Männern, die Frauen nicht ernst nehmen. Männer, die Grenzen nicht akzeptieren. Männern, die nicht zuhören, wenn sie „Nein“ sagen.
Außer vielleicht anderen Männern, auf die sie hören würden, wie folgendes Posting zeigt. Vielleicht sollten deshalb auch mehr Männer damit anfangen, anders über diese Themen zu reden.

 

Aber ich bin doch gar nicht so einer

Was konnte ich daraus lernen? Ich bin und war doch nie so ein Mann. Dennoch gehöre ich zu der Gruppe, die diese Angriffe verübt. Ich profitiere von den Privilegien, die sich daraus ergeben, ein Mann zu sein. Ich bin aber auch von den Fehlleistungen betroffen, denn ich gehöre dazu. Ich werde als ebenjene Bedrohung wahrgenommen. Davon kann ich mich nicht freisprechen (auch wenn ich es selbst nicht getan habe).

Ist das nicht ein Pauschalurteil über Männer? Weil ja nicht alle Männer so sind? Das wäre zu einfach. Klar, es sind nicht alle Männer so. Aber es sind leider fast nur Männer. Sind wir nicht auch Opfer? Es gibt ja auch (sexuelle) Gewalt gegen Männer. Ja, die gibt es leider auch. Aber die geht meistens auch von Männern aus. Die einzigen (wenigen) Male, die ich in meinem Leben von Catcalling betroffen war, sexuell bedrängt oder sogar betatscht wurde, waren (fast) ausschließlich Männer. Die Frage ist nicht nur, warum Frauen Opfer werden. Die Frage ist, warum so viele Männer Täter werden. 

Dass so viele Frauen diese Erfahrungen machen müssen, tut mir unglaublich Leid. Und ich schäme mich dafür. Es ist nicht unser Platz, uns jetzt zurückzulehnen mit dem Verweis, man habe ja (persönlich, individuell) nichts falsch gemacht. Es liegt in unserer Verantwortung, etwas daran zu ändern. Mit unserem Verhalten gegenüber Frauen, aber vor allem auch gegenüber anderen Männern.
Was soll ich gegenüber Frauen ändern, wenn ich eh nicht so ein Creep bin? Ich habe es zum Beispiel in mein Verhalten im öffentlichen Raum miteinzubeziehen. Ich kann die Straßenseite wechseln, wenn mir in einer dunklen Straße in der Nacht eine Frau entgegenkommt und sonst niemand da ist. Nicht, weil sie das sonst müsste, ich tu ja niemandem was. Aber deshalb, weil sie das nicht weiß. Sie kann nicht in meine Seele blicken. Für sie bin ich nur irgendein Typ in der Nacht. Wie einer, der vielen anderen, die sie in so einer Situation schon einmal bedrängt haben. Ich kann es nicht ändern, dass viele Arschlöcher diese Ängste geprägt haben. Ich kann nicht ändern, dass diese Erwartungshaltung jetzt mich trifft. Aber ich kann mich für sie weniger bedrohlich machen. Denn ein Mann in einer dunklen Straße ist leider eine Bedrohung für Frauen. Und das bin ich dann in diesem Moment schlicht und einfach. Ein Typ in einer dunklen Straße. 

#metoo, der Typ in der dunklen Gasse

Wir müssen uns aber auch unter Männern anders verhalten. Dahingehend, wie man (vor allem unter Männern) über Frauen spricht, aber auch über Männer, die sich falsch gegenüber Frauen verhalten. Vor allem wenn es um das Relativieren oder Entschuldigen von eigenem oder dem Fehlverhalten anderer Männer geht. Dass man ein „Nein“ nicht akzeptiert. Nicht noch fünf mal fragt, wenn sie nicht mit dir ausgehen möchte. Ihr nicht hinterherläuft. Sie nicht anmotzt oder Zicke nennt, wenn sie nicht mit dir sprechen möchte (weil du eh so ein leiwander Typ bist). Ihr glaubt, wenn sie erzählt, was ihr passiert ist. Die Schuld nicht bei ihr sucht, sondern beim Typen. Sich fragt, was man anders machen könnte.
Wir werden ernsthaft über uns selbst nachdenken müssen. Über die Größenordnung des Problems kann sich nun jedeR in den sozialen Medien selbst ein Bild machen.

#metoo

Bereits 2013 Drang die Debatte mit #aufschrei in das öffentliche Bewusstsein. Gebracht hat es schon etwas, geändert hat sich seither leider wenig. Im Gegenteil, es scheint beinahe so, als wären chauvinistische Politiker wieder in Mode. „Grab her by the pussy“ hat Trump auf seinem Weg in’s Oval Office kaum geschadet. In Österreich erwartet uns mit dem Sieg der Rechtspopulisten bei der Wahl eine Reise in die frauenpolitische Steinzeit. Es sind öffentliche Zeichen, welches Rollenbild als erfolgreich vermittelt wird. Es hat Konsequenzen. Der Archetypus starker Mann, der sich nimmt, was er möchte, scheint wieder gefragt. Das gibt jenen Aufwind, die meinen, sie könnten sich anderer bemächtigen. Sei es aufgrund ihres Geschlechtes, ihres Kontostandes, ihrer beruflichen Position oder ihres politischen Einflusses (traditionell alles eher ein white Dude).

Nun bricht das Thema wieder in das öffentliche Bewusstsein ein. Alyssa Milano rief im Anschluss an den Weinstein-Skandal dazu auf, Frauen sollten den Hashtag #metoo nutzen, wenn sie sexuelle Übergriffe erlebt haben. Aktivistin Tarana Burke ist Erfinderin der Aktion. Unzählige Frauen posteten daraufhin den Hashtag in den sozialen Medien. Es braucht offenbar immer erst eine Flut tausender öffentlicher Stimmen, damit es Gehör findet. Die feministische Autorin Anne Wizorek drückte es in ihrem Tweet treffend aus:

Es ist leider so, dass viele Menschen offensichtlich eines starken Exempels bedürfen, um sich der Größenordnung eines Problems bewusst zu werden. Nämlich, dass Frauen von Männern viel zu oft wie Freiwild betrachtet und behandelt werden. Und die Gesellschaft lässt es ihnen durchgehen. Vom Typen auf der Straße, bis hin zum mächtigsten Mann der Welt.
Es ist nicht so, als wüssten wir das alles nicht. Die Statistiken kennen wir. Nur leider reicht das offensichtlich nicht, um uns betroffen zu fühlen. In den sozialen Medien sehen wir nicht nur viele Postings, wir sehen vor allem viele Frauen, die wir kennen, mit denselben Erfahrungen. Es bedarf offensichtlich der Stimmen von Bekannten, Freundinnen, Müttern, Schwestern, Tanten, damit endlich genug Anteilnahme besteht, dass ein solches Anliegen eine breitere Unterstützung erfährt.

Ich hoffe, dass sich damit auch mehr Männer dafür gewinnen lassen, offen und direkt dagegen vorzugehen. Wir sind in der besten Position, das zu tun. Genau dort, wo das Problem seine Wurzel hat. Unter Männern.

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Patrick Catuz, Autor, Feministische PornographiePatrick Catuz ist Autor, Filmemacher und Kulturarbeiter und lebt in Wien. Er ist Doktorand an der Universität für angewandte Kunst Wien.
Er ist Autor des Buches „Feminismus fickt!“, das sich mit den Perspektiven feministischer Pornographie beschäftigt und produziert gegenwärtig bei Arthouse Vienna feministische, queere und künstlerische Pornographie.

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