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La femme machine – Körpermaschinen im Porno

Bildquelle: Illustration „Preparing for battle“, Sophie Moates, 2016



Die Pornoindustrie will einerseits die „Wahrheit“ hinter körperlicher Lust finden, andererseits bezeichnet „la femme machine“ den weiblichen Körper als Maschine, der funktionieren und leisten, aber dabei erotisch bleiben muss. Wie lassen sich diese beiden Ansprüche verbinden?

Dressur und Kontrolle

Das Ziel der Pornografie liegt darin einen Betrachter durch die Darstellung von Körpern und Körperlichkeit sexuell zu erregen. Die gezeigten Körper be- und entstehen im Rahmen disziplinierter Dressurakte. Körperdisziplin und Selbstbeherrschung begleiten also den Alltag professioneller Pornodarsteller*innen. Der Körper soll dem Bewusstsein gehorchen und unerwünschte Empfindungen in den Hintergrund drängen, um die Psyche der Akteure zu schützten und von dem Geschehen am Set abzutrennen. Sexuelle Erregung soll beispielsweise während des offensichtlichen Sexualakts zwar inszeniert, aber die Erregung an sich unterdrückt und kontrolliert werden.  Das führt zu einer sehr überspitzen und gespielten Ausstellung der Sexualität, wodurch die Privatperson hinter dem*der Pornodarsteller*in jedoch bewahrt werden kann. Andererseits würde das Ausbleiben echter Reaktionen auf den Sexualakt, wie zb den des männlichen Orgasmus, den Erfolg der Pornografie mildern. Ein Paradoxon entsteht.

Paradoxe Wahrheit

Die Darsteller*innen werden zwar als dressierte Körpermaschinen inszeniert, aber das eigentliche Ziel der Körperdisziplin in pornografischen Filmen liegt in ihrem Bruch. Das Nicht-Einhalten-Können der geforderten Selbstbeherrschung sichert also den eigentlichen Reiz und Erfolg. In dem Moment des Körperverlustes verwandelt sich die bewusste Regie in körpergesteuerten Instinkt. Der Moment in dem die Darsteller*innen ihre eigentlichen Empfindungen nicht mehr verstecken können, und für einen Moment tatsächliche Reaktionen bemerkbar werden (also die Selbstkontrolle verloren geht), eröffnet sich Wahrheit und Echtheit hinter dem Körper. Die Selbstdisziplinierung der Akteure soll gezielt durchbrochen werden, wobei der Verlust der Selbstkontrolle paradoxer Weise Disziplinierung voraussetzt. Das Provozieren dieser Momente und der damit einhergehende Drang nach Authentizität und Wahrheit, erreicht ihren Höhepunkt in ihrer Beobachtbarkeit. Der Moment der Wahrheit, der durch den Verlust der Selbstdressur sichtbar wird, stellt ein körperliches Geständnis dar, das als lustvoll rezipiert wird. Die Nutzung vieler Kameras während eines Pornodrehs soll den Moment dieser Wahrheit festhalten und den Moment des Durchbruchs der willkürlich handelnden und gleichzeitig maschinellen Darstellerin erfassen.

La femme machine

La femme machine bezeichnet also einen weiblichen Körper, der zum Objekt gemacht und dressiert wird, und im richtigen Moment die Selbstkontrolle über ihren Körper loslassen soll.
Pornografie setzt einige Praktiken gezielt ein, um die Darstellerinnen an ihre Grenzen zu bringen und ihnen echte Reaktionen zu entlocken. Die extrakorporale Ejakulation, der gang-bang, die mit ihm einhergehende double-penetration, und gagging als Erweiterung des deep-throat sind einige Beispiele dafür. All diese Extremsituationen können klitzekleine Momente auslösen, in denen der Körper reflexartig reagiert und die Herrschaft über das Bewusstsein an sich reißt. Das Ideal der Pornografie bildet eben diese unkontrollierte Ekstase des Körpers, auf die insgeheim innerhalb des Settings hingearbeitet wird. Ein körperliches Geständnisritual ist in diesem „Rahmen“ das höchste Ziel.

Quelle: Lewandowski, Sven: „La femme machine und die ‚Wahrheit‘ körperlicher Lust“, in: Ders.: Die Pornografie der Gesellschaft: transcript 2012, S. 279-300.