Wir trotzen der Hitze! Feministische Lektüre gegen das Sommerloch

Es ist Juli, die Stadt erstickt vor Hitze und das Wasser des Badesees hat auch schon unangenehme Temperaturen erreicht? Oder ihr müsst ganz normal arbeiten, während euch eure Freund*innen mit Strandfotos zu texten? Familienurlaub steht an und ihr braucht noch Strandlektüre, um euren sexistischen Onkel auszuhalten? Um diese – für manche – ambivalente Jahreszeit zu überstehen, wollen wir euch drei Bücher vorstellen, damit euer Hunger nach feministischer Lektüre auch in den Sommermonaten nicht zu kurz kommt.

 

Annie Ernaux: Erinnerung eines Mädchens             

TW: sexuelle Gewalt

Annie Ernaux erzählt vom Sommer 1958. Sie war damals 18 Jahre alt. Das erste Mal weg von den Eltern, in einer Ferienkolonie. Sie genießt die Freiheit, die neue Umgebung, die Menschen – sie taucht in eine neue Welt ein.

Annie erlebt in diesen Sommermonaten auch, was es heißt, zum aller ersten Mal verliebt zu sein: Auf einer Party kommen sich Annie und der Chefbetreuer H näher. Sie ist überwältigt von dieser Begegnung – sie tanzen, küssen sich und kommen sich immer näher. Doch bald schlägt die körperliche Intimität zwischen Annie und H in Gewalt um. Sie gehorcht nur noch seinen Befehlen. Sich selbst hat sie schon lange vergessen.

Es folgen unerträgliche Momente, in denen sich Annie fallen gelassen, verhöhnt und einsam fühlt. Erfahrungen, die sich durch ihr ganzes Leben ziehen und auch noch über 55 Jahre so präsent sind, als hätte sie erst gestern das Tor der Ferienkolonie betreten. In Erinnerung eines Mädchens bricht Annie Ernaux mittels Fotos und Briefen ihr Schweigen und stellt sich so der Vergangenheit, der „Erinnerung der Scham“.

Annie Ernaux beschreibt in Erinnerung eines Mädchens unverschont ehrlich von ihrer Erfahrung mit sexueller Gewalt – dem Gefühl von Ohnmacht und Unterwerfung, dem Schweigen und wie sich die ihr geraubte körperliche Autonomie auch noch jahrelang auf ihren Körper auswirkt. Gleichzeitig schafft die* Autorin* mit ihren bildhaften Beschreibungen den*die Leser*in in eine zauberhafte Zeit eintauchen zu lassen, die schon längst der Vergangenheit angehört.

(c) Brian Barth

 

 

 

Annie Ernaux: Erinnerung eines Mädchens

Suhrkamp Verlag

erschienen am 2.10.2018

 

Antonia Baum: Stillleben            

Antonia Baum lebt das Leben einer privilegierten Frau in Berlin. Ihr fehlt es an nichts, sie hat einen Job, ist in einer festen Beziehung und auch das Leben in einem sozial schwachen Bezirk macht ihr nichts aus. Noch.

Denn Antonia Baum wird schwanger. Das Kind ist gewollt und doch fühlt sie sich verloren. Sie verbringt viel Zeit zu Hause, ist rund um die Uhr mit dem Stillen beschäftigt – zur Bewegungslosigkeit verdammt. Die Autorin fühlt sich isoliert, abgeschnitten von der Außenwelt, in die häusliche Sphäre zurückgeworfen. Das Leben in ihrer prekären Wohnumgebung wird mit Kind auf einmal zur Bedrohung. Kann sie mit dem Kind überhaupt rausgehen? Wann hört der Nachbar endlich auf, rassistische Parolen zur brüllen?

Mit der Geburt des Kindes sieht sie all ihre Privilegien und die erkämpfte Gleichberechtigung – die Autorin ist Akademikerin* – schwinden. Sie spürt den Druck, dem Mütter auch schon während der Schwangerschaft ausgesetzt sind. Als ihr Mann* die Versorgungsarbeit des Kindes übernimmt, fällt es ihr schwer, vom Kind getrennt zu sein. Sind das die Hormone? Der schützende Mutter-Instinkt?

Antonia Baum stellt mit Stillleben ihre private Situation in einen größeren, politischen Zusammenhang und zeigt damit ein weiteres Mal, wie sehr das Private politisch ist. Stillleben ist ein Buch über Mutterschaft und über unsere patriarchale Gesellschaft. Gleichberechtigte Paare fallen dadurch in altmodische Beziehungsmodelle zurück und geben Frauen* zu verstehen, dass diese Welt nicht für sie gemacht ist.

(c) zero-media.net, München

 

 

 

Antonia Baum: Stillleben

Piper Verlag

erschienen am 19.3.2018

 

Jack Urwin: BOYS DON´T CRY. Identität, Gefühl und Männlichkeit

Jack Urwin erzählt auf den ersten Seiten seines Buchs BOYS DON´T CRY vom Tod seines Vaters. Er stellt die Todesumstände in einen größeren Zusammenhang und fragt sich: was hat all das mit Männlichkeit zu tun? Würde er noch leben, hätte er jemals gelernt, über sich und seine Gefühle, seine Gesundheit zu sprechen?

Urwin kritisiert und hinterfragt in BOYS DON´T CRY die starren Männlichkeitsbilder unserer Zeit und versucht in den unterschiedlichsten gesellschaftliche Bereichen Antworten zu finden – er erzählt, wie zwei Weltkriege ganze Generationen von Männern kaputt gemacht hat und geht dem – auch heute noch? – gängigen Bild vom erfolgreichen Mann* und der hübsch aussehenden Frau* auf die Spur.  Der* Autor* zeigt aber nicht nur auf erschütternde Art und Weise, wie gewaltvoll Männlichkeit sein kann. Er plädiert auch für eine positive und moderne Männlichkeit und die Vorteile, die ALLE davon haben.

BOYS DON´T CRY ist ein längst überfälliges Manifest gegen toxische Männlichkeit, in der Männer keine Emotionen zeigen dürfen und immer nur als stark und erfolgreich gelten. Jack Urwins persönliche Geschichte über den Tod seines Vaters zeigt, wie gewaltvoll toxische Männlichkeit ist und wie dringend notwendig ein anderer Umgang miteinander ist. Seid ihr bereit für Caring Masculinities?

(c) Maja, Bechert, Hamburg

 

 

 

Jack Urwin: Boy´s Don´t Cry. Identität, Gefühl und Männlichkeit

Edition Nautilus

erschienen im März 2017