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Feministische Filmtheorien? Hallo Laura Mulvey!

Bild: Un chien andalou, Louis Bunuel, 1929, 0’40“

 

Der Text „Visual Pleasure and narrative Cinema“ von Laura Mulvey verbindet psychoanalytische Ansätze mit narrativer Filmtradition. Auch wenn einige ihrer Ansätze inzwischen veraltet sind, ist ihr Text eine wunderbare Grundlage für Überlegungen, die feministische Filmtheorien umfassen.

 

Worum gehts?

Der gängige, narrative Film reproduziert Geschlechtsunterschiede, kontrolliert sie und arbeitet mit ihnen, während er unsere Lust am Schauen strukturiert und unsere Wahrnehmungsformen manipuliert (hat).

Die Reize der Lust zu Beobachten werden im Film angesprochen. Die Lust am Schauen blüht im Kinoprinzip auf. Obwohl das Kino paradoxer Weise zum Ansehen gemacht worden ist, vermittelt es den Zuschauer*innen in eine private Realität (eigentlich: eine Illusion) einzudringen. In dieser Konstellation lässt das Publikum seine eigene Ausdruckskraft fallen und projiziert sie auf den Darsteller. Im Film werden darüber hinaus menschliche Körper dargestellt, deren Betrachtung Wiedererkennungswerte und Neugierde auslösen.

 

Passiv und aktiv – Frau und Mann

Die Lust am Schauen wird unter dem passiven weiblichen und aktiven männlichen Blick unterteilt. Während der Mann nicht zum Sexualobjekt gemacht werden kann, da seine Körperlichkeit nicht so ausgestellt wird wie die der Frau, besteht die Intention der Frauenfigur im Film lediglich in ihrer Zur-Schau-Stellung. Sie erotisiert die Atmosphäre im Moment ihres Auftritts. Zur Handlung selbst trägt sie Nichts bei. Sie erzeugt Spannung und Begierde beim Mann, dessen Blick wir als Zuseher*innen teilen. Die kontrollierende, männliche Hauptfigur ist ein idealisierter Repräsentant der Macht. Durch die Identifikation der Zuschauer*innen mit dem Blickkontakt des Mannes zur Frau, empfinden diese daher gleichermaßen indirekte Macht und Besitznahme über die Frau, wie die männliche Figur selbst: the male gaze.

 

Das Fetischobjekt

Aus psychoanalytischer Sicht symbolisiert die Frau die Abwesenheit des Penis und löst somit den Kastrationskomplex bei Männern aus (Freud lässt grüßen). Das weibliche Abbild versetzt Männer also in eine bedrohliche Lage. Um der Angst zu entgehen, hat der Mann mehrere Möglichkeiten.
1. Abwertung der Frau
2. Entmystifizierung des Geheimnisses der Frau und folglich Bestrafung der Frau (sadistischer Weg)
3. Fetischierung – Begehren
Dabei ignoriert der Mann die Gefahr und setzt die Schönheit der Frau einem Fetischobjekt gleich, was unter dem Ausdruck der fetischistischen Skopophilie bekannt ist. Im Kino wandelt die Fetischierung der Frau die Kastrationsangst zu Begehren um und verhindert dadurch eine Distanzierung des Zusehers vor dem Filmbild.

 

Blicke, Blicke, Blicke

Der Blick der Kamera, der des Publikums- wobei diese beiden zusammengefügt werden- und, der der Figuren innerhalb eines Filmes, bilden die Spielgrundlagen. Nur durch die Unterdrückung, der ineinander verschmelzenden Kamera- und Publikumsblicke, kann der Film, die Fiktion, der narrative Film, als eine reale Wahrheit erscheinen. Die Zuschauer*innen verwandeln sich zum stellvertretenden Darsteller, mit männlich dominierenden Bedürfnissen, und können dennoch nicht in die Handlung eingreifen.

 

 

Quelle: Mulvey, Laura (1975): Visual Pleasure and Narrative Cinema. In: Screen 16,3. Oxford, S. 6-18.