Don’t Stop! Der Leitfaden der Hardcore-Pornographie

Bildquelle: Illustration „The Edge“, Sophie Moates, 2016.

 

Pornographie kennt kein Ende. Sie besteht aus Wiederholbarkeit und folglich aus Endlosigkeit. Pornografie bleibt daher nur durch Überbietung vorangehender pornographischer Inszenierungen und steigender Spektakularität erfolgreich. Da ihre Kombinationsmöglichkeiten aber begrenzt sind, arbeitet sie mit Übersteigerung, indem sie immer neue Körper (also immer neue Darsteller) einsetzt, die dadurch austauschbar werden. Don’t Stop!

 

Neuheit im Überfluss

Durch die Tatsache, dass Pornographie für einen Massenmarkt produziert wird, bildet sich die Grundlage der Vergleichbarkeit, die jeder Markt hervorbringt. Ausgefallenheit und Neuheit wird nur durch Vergleiche auffällig. Um einen Untergang zu vermeiden muss in neuen Darstellungen auch Neuheit gezeigt werden, die sich durch Differenzierung und Steigerung des zuvor gesehenen charakterisiert. Der dadurch entstehende Überfluss macht es unmöglich alles zu sehen und fordert individuelle Vorlieben zu entwickeln. Weiters muss eine Differenz zu alltäglicher Sexualität geboten werden, ohne die Steigerungslogik in sich zusammenfallen würde.

Neue Körper, neue Körper, neue Körper

Der Einfluss der Massenmedien und die Einschreibung der Pornografie in ihnen verstärkt das Prinzip des Verlangens nach dem immer Neuen und immer Besseren. Um folglich die Unumgänglichkeit von Wiederholungen zu kaschieren, werden im Porno immer neue Darsteller herangezogen, die die Illusion einer Neuigkeit aufrecht erhalten sollen. Da sich Pornographie nicht an Individualität sondern an Körpern orientiert, ist Austauschbarkeit (aber keine Kopien, da kein Körper dem anderen exakt gleicht) und Beliebigkeit in Kombinationen (=De-Personalisierung) ihr wertvollster Schachzug. Die Unterwerfung der Frau, die im gang-bang gipfelt, und die einhergehende Thematisierung der Brutalisierungstendenz der Pornographie, erfüllen vermutlich die höchste Steigerung der Reduktion auf Körperlichkeit. Damit geht die Objekt-Werdung der dahinterstehenden Person einher. Gleichzeitig wird die Frau in eine passive Rolle gedrängt. Der Reiz liegt dabei im visuellen Spektakel.

Pornografie ist grenzenlos

Systeme, wie auch Pornographie eines ist, befolgen interne Regeln, die ihre Möglichkeiten innerhalb ihres Raumes strukturieren und eine Distanz zur Umwelt schaffen. Damit entscheidet das System selbst, was es für wichtig und unwichtig erachtet. Externe Regeln werden durch interne ersetzt und ein eigenes Sinnsystem entsteht, das sich nur an sich selbst orientiert. Das System kennt innerhalb seines Seins keine Begrenzung und baut somit jegliche Stoppregeln ab. Selbstreferentialität ist schlussfolgernd grenzenlos.

Pornographie arbeitet ohne Stoppregeln und folgt dem Leitspruch Don’t stop und wird dies bis zur Ausschöpfung ihrer sexuellen Möglichkeiten weiterhin praktizieren. Da sie jedoch in sich selbst keine Limitierung kennt, werden ihr größtes Problem die erschöpften Körpern sein, die daraufhin schlichtweg ersetzt werden können.

 

Quelle: Lewandowski, Sven: „Don’t stop? – Über den Verlust von Stoppregeln“, in: Ders.: Die Pornografie der Gesellschaft. Bielefeld: transcript 2012, S. 227-278.