Frauenbild der Flüchtlinge, BILD, Tim Wolf, Titanic

Das Frauenbild der Flüchtlinge

Foto: Tim Wolff, Titanic Magazin

Das Frauenbild, dass mit den Flüchtlingen die Balkanroute den Weg nach Europa finde, würde uns noch um die Ohren fliegen. So hört man es selbst von Linken und sogar manchen Feministinnen. Die Rechte wünscht uns währenddessen Vergewaltigungen an den Hals. Dabei zeigen beide Seiten eines sehr deutlich: Ihren Rassismus. Und wie wenig sie eigentlich über unsere sexistische Gesellschaft verstanden haben. 

Menschen haben nicht einfach ein bestimmtes Frauenbild und nehmen es in der Hosentasche mit in die Arbeit, auf Reisen oder zu Besuch zu Freunden und Bekannten. Menschen bewegen sich in sozialen Räumen. Diese schätzen sie ein und wägen ihr eigenes Verhalten darin ab. Ich bin daheim, bei der Familie, in der Arbeit, im Büro, bei Geschäftspartnern, auf einer Party, im Club, im Stadion … je mehr (und diverses) kulturelles Kapital, aber auch interkulturelle oder soziale Kompetenz ich habe, desto besser komme ich in vielen dieser Räume zurecht. Menschen nehmen den sozialen Raum, in den sie eintreten, entsprechend wahr, schlüpfen in verschiedene Rollen. Mitunter benehmen sie sich sehr schlecht, schreien beispielsweise im Stadion wüste Beschimpfungen auf das Spielfeld oder geraten in Barschlägereien. Und kehren danach zurück in ihre gewohnte Umgebung, als nette Familienväter, introvertierte Brüder, aufmerksame Söhne, liebe Enkerl. Natürlich betrifft das nicht nur Männer, aber über die sprechen wir gerade.

 

Wird denn ein Gutmensch zum Pograpscher?

Die moralische Biegsamkeit ist individuell verschieden, genauso wie der Hang, gruppendynamisch verleitet zu werden. Was es wohl braucht, um über gewisse Grenzen zu gehen, ist zweifelsohne eine misogyne Haltung, eine sexistische Grundstruktur. Sind wir beispielsweise der marokkanischen Öffentlichkeit voraus, was die Sicherheit von Frauen ohne Begleitung auf Straßen und öffentlichen Plätzen angeht? Ja, das kann man vermutlich sagen. Sind wir deswegen weniger sexistisch? Nicht unbedingt. Sexismus ist nicht so einfach zu messen.

Die Reduzierung von Frauen auf ihre sexuelle Attraktivität und eine Grundhaltung, sich diese im Zweifelsfall zugänglich machen zu dürfen, ist auch in unserer Gesellschaft stark vorhanden. Ich kann es wöchentlich in Clubs beobachten, aber auch tagsüber auf offener Straße machen Frauen diese Erfahrung. Was deutet an, ein solches Verhalten wäre tolerabel? Eine solche Haltung wuchert nur so in unserem popkulturellen Reservoir. Ob, bzw. eher wie weit es ausgelebt wird ist eine Frage aufrechter Safe Spaces, doch eine Durchlässigkeit gibt es auch hier immer. Bei uns werden Übergriffe grundsätzlich heruntergespielt und häufig erotisiert. Das gibt ein schlechtes Beispiel.

 

Wenden wir uns mal wortwörtlich „unseren“ Frauenbildern zu: 

 

 

 

 

Frauenbilder und Parallelgesellschaften


Sind diese Bilder mein Frauenbild? Sind sie deines? Nein. Und die Flüchtlinge haben auch nicht „ein“ Frauenbild.
 Sie haben verschiedene Religionen, Nationalitäten, Schichten, Bildungsstände, … Blieben wir im allgemeinen Kontext des Bildes der Frau hierzulande, weicht das feministische nicht auch stark ab von jenem, das Konservative haben? Und von jenem, dass man bei Rechtsnationalisten findet?

„Auf daß der Mann sich als Mann setzt, muß er die Frau zum Ding bzw. zur ‚Ware‘ herabsetzen.“ Und dann wird es wirklich befremdlich: „Mitunter lieben es Frauen, von einem ‚wildgewordenen’ Penis ‚überfallen’ zu werden. Hierzu als Mann die Zustimmung einzuholen, wäre genau der Verlust dieses Reizes“.
Wilfried Grießer (Kandidat für die FPÖ bei den Gemeinderatswahlen 2015)

Die Wahrheit ist, dass wir alle in Parallelgesellschaften leben. Es sind soziale Räume, in denen die Menschen unterschiedliche Werthaltungen zeigen und unterschiedliche Dinge tun. Und wir alle sind teil von mehreren davon. Manche werden heute „Bubble“ genannt.

 

Vom Guten des Schlechten und umgekehrt


Die Berichterstattung über die Vorkommnisse in Köln hat durchaus etwas gebracht.
Wir haben uns ja Ausnahmesituationen geschaffen für den Exzess. Nachtclubs, Karneval, Silvester, Rotlichtviertel, … Manche sind mehr, manche weniger akzeptiert. In Köln wurde seit den Silvesterübergriffen ein Anstieg der Anzeigen gegen sexuelle Übergriffe verzeichnet. Lag das an den Flüchtlingen? Nein. Die Kölner Polizei geht davon aus, dass nur die Bereitschaft Anzeige zu erstatten seit der starken Berichterstattung um die Vorkommnisse massiv gestiegen ist. Das leiten sie zumindest von den Tätern aus den Anzeigen ab, die nicht überwiegend aus Flüchtlingen bestehen, sondern sich aus der allgemeinen Bevölkerung zusammensetzen. Das gilt übrigens für die meisten Statistiken von sexuellen Übergriffen: Sie drücken nicht zwingend aus, wieviel tatsächlich geschieht. Es kann auch für Sensibilisierung und Anzeigebereitschaft sprechen. Die Dunkelziffern hier sind in der Regel sehr hoch.

Vielleicht passen einfach mehr Menschen darauf auf, dass bestimmte Grenzen gewahrt bleiben. Das könnte die Anzeigenstatistik ausdrücken. Dass die Debatte für den Fremdenhass und politisches Kleingeld des Rechtspopulismus instrumentalisiert wurde, hätten wir uns sparen können. Die Statistiken dazu sind übrigens eindeutig.

 

Wir sind noch lange nicht fertig. Wir werden noch viel über das Frauenbild diskutieren müssen, über Rape Culture, über tatsächliche Übergriffe oder übergriffige oder verharmlosende Sprache. Wir werden immer wieder darüber reden müssen, wie wir uns auch mit rechtlichen Regelungen und behördlichen Maßnahmen schützen können. Ein anderes Thema, das uns wohl auch nie verlassen wird, ist jenes, wie wir mit Migration umgehen. Aber es ist gut, zu verstehen, dass es sich dabei nicht um ein und dasselbe Thema handelt.