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Die Klitoris: eine (Wieder)Entdeckung

Die Klitoris ist ein Teil der Vulva und spielt eine wesentliche Rolle für die Sexualität der Frau*. Möchten wir eine erfüllte Sexualität leben, ist es von Vorteil, den eigenen Körper gut zu kennen. Dazu gehört auch Wissen über unsere Vagina bzw. Vulva, der sichtbare Teil der Vagina, von der die Klitoris ein Teil ist. Wofür ist sie gut? Was kann sie? Wie sieht sie aus? Anschließend heiße Fakten rund um die Liebesperle der Frau*

Die Anatomie der Klitoris

Die Klitoris besteht aus einer Klitoriseichel, die von einer Vorhaut – der Klitorisvorhaut – ummantelt ist, zwei Schwellkörperschenkeln und dem Vorhofschwellkörper. Die Klitoriseichel ist der einzig sichtbare Teil des erigierbaren Organs. Der Großteil liegt nämlich verborgen im inneren des Gewebes und reicht bis zur Vaginalöffnung. Die Analogien zum Penis kommen nicht von ungefähr; alle Genitalien sind bis zur sechsten Schwangerschaftswoche gleich. Erst danach findet eine Ausdifferenzierung statt, die mit der 12. Schwangerschaftswoche beendet ist. So wie der Penis eine Eichel hat, hat auch die Klitoris eine – beide bestehen aus dem gleichen genetischen Material. Eine weitere Analogie ist die Schwellung: ist die Klitoris erregt, schwillt sie an und nimmt dabei auch an Größe zu.

Same same, but different

Klitoris und Peniseichel sind jedoch auch unterschiedlich. So besteht die Klitoris beispielsweise aus doppelt so vielen Nervenenden wie die Peniseichel. Und im Vergleich  zum Penis „hat die Klitoris nur die Aufgabe zu empfinden. Der Penis hat vier Aufgaben: Empfinden, Penetrieren, Ejakulieren und Urinieren“, schreibt Emily Nagoski in ihrem 2015 erschienen Buch „Komm, wie du willst – Das neue Frauen-Sex-Buch“ (Knaur Verlag, München).  Die Klitoris ist das einzige Organ des Körpers, das keine andere Funktion hat, als sexuelle Erregung zu spüren.

Size that matter?

Besonders das weibliche Geschlechtsteil ist immer wieder Schönheitsvorstellungen unterlegen, die darauf aus sind, es in ihrer Größe zu dezimieren. Die Anzahl sogenannter Labioplastien – Operationen, bei der die inneren Labien verkleinert werden – stiegen in den letzten Jahren und Jahrzehnten immens an. Analog zu Labioplastien führen (fragwürdige) Ärzt*innen auch Verstümmelungen an der Klitoris durch. Oftmals wird die Größe des Sexualorgans „angepasst“. Doch wozu? Denn solange die Person selbst kein Problem oder Schmerzen feststellen kann, spielt die Größe der Klitoris absolut keine Rolle. Bei Operationen und besonders bei Eingriffen in so sensibles Gewebe wie der Vulva, ist immer wieder zu bedenken, dass Narbengewebe u.ä. entstehen kann, das zu enormen Einschränkungen führen kann.

Die Klitoris (und auch die Vulva) können in ihrer Größe stark variieren und das ist alles NORMAL (außer du verspürst Schmerzen, dann macht es Sinn, medizinisches Fachpersonal zu kontaktieren). Von ganz mini-klein bis ein paar Zentimeter lang – nichts ist an einer Klitoris falsch, niemals! Die Klitoris wachst sogar. Nach der Menopause kann sie 2,5 Mal so groß sein wie zu Teenager-Jahren. Das Wachstum ist auf hormonelle Umstellungen zurückzuführen und nichts Negatives, sondern unterliegt natürlichen körperlichen Prozessen.

Alles kann, nichts muss

Wird die Klitoris auch als „Lustorgan“ verstanden, kann es gut sein, dass man selber zunächst gar nicht so stark auf ihre Stimulation reagiert. Das ist total okay so und auch gar nicht weiter schlimm. Auf Anhieb geht da erst einmal gar nichts. Für die einen fühlt sich Berührung total ekstatisch an, die anderen empfinden nicht wahnsinnig viel. Das hat nichts Schlechtes zu bedeuten, auch hier existiert eine Bandbreite an sexuellen Realitäten, die von Person zu Person unterschiedlich sind.

Willst Du deine eigene Vulva bzw. Klitoris näher kennen lernen, dann nimm am besten einen Handspiegel und schau dir deine Klitoris an. Wo ist sie genau? Wie schaut sie aus? Wie fühlt sich Berührung/Druck/Reibung an? Es ist eine kluge Sache, mit ihr ein inniges Verhältnis einzugehen, denn: die Klitoris altert nie. Ist sie einmal völlig entwickelt, behält sie ihre sexuelle Funktion ein Leben lang.

Die Klitoris als animierte, liebenswerte Figur – ein Video von Lori Malépart-Traversy

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Beauty Beyond Size: Das Supermodel Ashley Graham

Ashley Graham ist ein erfolgreiches Supermodel. Das Großartige daran? Sie entspricht nicht den Standard-Maßen, die unsere Gesellschaft einem Model voraussetzt. Dennoch war sie als erstes kurviges Model in der „Sports Illustrator Swimsuit Edition“ abgebildet, ein Teil etlicher Kampagnen und wurde seitenweise in Magazinen abgelichtet. Sie ist auch auf diversen Covern zu sehen und läuft über Laufstege und rote Teppiche. Ashley Graham steht für den Wandel der Wahrnehmung in unserer Gesellschaft zu authentischen und realistischen Körperbildern. Sie steht für eine Bewegung. Für das Umarmen von Diversität in Körperlichkeit. Sie steht für Body-Positivity.

 

„I’ve come to the conclusion that there is no one perfect body“

 

“Show me somethin‘ natural like ass with some stretchmarks” ..OR cellulite👋🏽

Ein Beitrag geteilt von A S H L E Y G R A H A M (@theashleygraham) am

 

Plus-Size? More Like My Size!

Ashley Grahams Berufswahl bewirkt die Repräsentation eines anderen Körpertyps in den Medien, als des dünnen „Ideals“. Von der Industrie wird sie als „Plus-Size-Model“ gelabelt. In den USA wird absurder Weise alles ab der Kleidergröße 38 schon als „Plus-Size“ beschrieben. Der Begriff ist zwar negativ behaftet, beschreibt jedoch den Großteil der Körperformen auf der Welt. Körper dieser Größen sind aber gesunde, wunderschöne, authentische Körper, die sich nicht verändern müssen, um wertvoll zu sein. In ihrem TED-Talk „Plus-Size? More Like My Size!“ spricht Ashley Graham über das Problem des Begriffs und die Gegenbewegung dazu. Ihre Prominenz nutzt sie, um den Blick der Industrie zu öffnen und andere Frauen zu bestärken. Eine Kleidergröße oder das Label „Plus-Size“ sind nichts, womit sich jemand identifizieren sollte.

 

„Never let anybody tell you that you can’t. I have achieved and I am still achieving what was seemingly impossible. […] My goal is to give a voice to young women who struggle to find someone they can look up to. For girls who struggle to look inside the mirror and say ‚I love you‘. For women who feel uncomfortable expressing their confidence they’ve locked away inside themselves. For women who have relinquished their rights to someone else. […]
Uplift the women in your lives. Create a safe space for them to express their bodies and their beauty for who they are not because of who they’re not. […].“

 

Beauty Beyond Size

Auf Instagram postet sie regelmäßig Fotos von ihrer Cellulite, ihren Dehnungsstreifen und Fettpölsterchen und thematisiert, dass sie keinen „Thigh Gap“ hat und niemals haben wird und das auch gut so ist. Sie zeigt damit, dass jede Frau „Problem“-Zonen hat, und dass diese eigentlich gar keine „Problem“-Zonen sind. Auf Instagram schreibt sie:

I workout. I do my best to eat well. I love the skin I’m in. And I’m not ashamed of a few lumps, bumps or cellulite.. and you shouldn’t be either. #beautybeyondsize #lovetheskinyourein

Ashley Graham zeigt, dass jemand nicht nur sexy ist auf Grund von glatter Haut, dünnen Oberschenkeln, die nicht aneinander reiben oder einem flachen Bauch. Sie macht aufmerksam auf den wahren weiblichen Körper, der nun mal nicht mit Photoshop bearbeitet wird. Sie möchte ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Frauen jeder Kleidergröße sexy, selbstbewusst und schön auftreten können. Vor allem auch der gesellschaftlich abgewertete und unterrepräsentierte kurvige oder dicke Körper, ist wertvoll und zauberhaft.

„[we are] women with shapes that are our own“

Curvy Barbie

Um diese Mitteilung erfolgreich zu streuen, hat sich Ashley Graham sogar dafür stark gemacht, eine kurvige Barbie auf den Markt zu bringen. Gemeinsam mit der Firma Barbie hat sie nun ihre eigene Barbie-Puppe herausgebracht, die vom üblichen Barbie-Körperschema abweicht. Der unterrepräsentierte aber doch üblichste Körpertyp bekommt somit eine Stimme. Vor allem für aufwachsende Mädchen, die keine typischen Model-Maße haben, ist diese Puppe bestimmt eine riesige Hilfe, um ihren Körper, trotz der magerwahnsinnigen Medien, lieben lernen zu können.

 

In diesem Video werden der Entstehungsprozess der Barbie-Puppe und ihre Besonderheiten von Ashley Graham erklärt:

Gimme More!

Models wie Ashley Graham, die Sex-Appeal abwärts der üblichen Maße, die als sexy gelten, zeigt, erzeugt eine Veränderung der Mode-Industrie und Werbung. Frauen mit Körpergrößen, die vom Model-Maß abweichen, werden plötzlich repräsentiert. Man muss dazu bedenken, dass kaum eine Frau typische Model-Maße hat und sich durch Werbungen eher ungut, als repräsentiert fühlt. Eine kurvige Frau, die selbstbewusst auftritt, ist ein Anfang für eine Gegenbewegung. Für mehr authentische Körper in Werbungen und realistischere Vorbilder für Kinder. Für mehr Frauen, die sich unabhängig ihrer Kleidergröße gut fühlen, selbstsicher auftreten und mit sich selbst liebevoll umgehen können. Denn jede Körpergröße ist eine sexy Größe.

„Be your favorite kind of woman. Don’t let anybody else take that job.  And remember: This is the generation of body diversity. The current is changing.“

Wer mehr von Ashley Grahams Leben und ihren Body-Positivity-Gedanken hören möchte, kann sich hier spannende „73 Questions with Ashley Graham“ ansehen:

Quellen:
Alle Zitate von Ashley Grahams TED Talk

Beitragsbild
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Das Schweigen der Männer zu #metoo

Foto: ©Thomas Leuthard, Creative Commons Licence CC BY 2.0


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(Der Artikel ist im Original bei den Feministischen Zwischenrufen des Gunda WernerInstitutes erschienen)
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Eigentlich hatte ich mit #MeToo-Nachbetrachtungen schon abgeschlossen, da wurde ich aus meinem Dornröschenschlaf gerissen. Schuld war ein Blogeintrag zum Schweigen der Männer zu Sexismus. Ist das so? Haben Männer zu irgendetwas schon einmal geschwiegen? Mir kommt vor, Männer hätten sich sogar sehr viel zum Thema geäußert. Teilweise in einer Art, dass es mir lieber gewesen wäre, sie hätten ihre Ignoranz tatsächlich in Schweigen gehüllt.

Erst kürzlich meldete sich Oscar-Preisträger Michael Haneke zu Wort. Der Regisseur von „Das weiße Band“ und „Amour“ hätte den Zug der Ignoranten beinahe verpasst, rutscht das Thema doch langsam von der Agenda. Als Spätberufener wollte er dafür umso deutlicher zeigen, welch Geistes Kind er ist. Für ihn handelt es sich um eine „Vorverurteilungshysterie“, die er ekelhaft findet. Er vermutet hinter vielen Anschuldigungen in erster Linie Abrechnungen. Der falsche Vorwurf ruiniere Leben, der Shitstorm des männerhassenden Puritanismus im Kielwasser der #MeToo-Bewegung vergifte das gesellschaftliche Klima. Man hätte die Hexenjagd besser im Mittelalter belassen sollen. Was Haneke nicht versteht ist, dass die Beschuldigung konkreter Personen, wie Harvey Weinstein und die #MeToo-Debatte nicht dasselbe sind. Die Vorwürfe gegen den Filmproduzenten kamen von einer Enthüllung der New York Times. Das war bestenfalls ein Impuls für #MeToo, damit direkt zu tun hat es aber nichts. Denn bei dem Hashtag ging es nicht darum, Einzelpersonen zu ahnden. Es ging darum, die Alltäglichkeit von sexuellen Übergriffen zu verdeutlichen. Wenn Haneke sich schon nicht damit beschäftigen will, hätte es ihm besser gestanden, zu schweigen. Ironischerweise beginnt seine Stellungnahme damit, dass man als Mann zu diesem Thema kaum mehr etwas sagen sollte. Hätte er nur auf sich gehört.

 

Haneke war aber nicht der erste Mann, der sich unqualifiziert geäußert hat (und ist sicher nicht der letzte). Da war mal ganz am Anfang Christian Gesellmann in der Zeit. Er beginnt gleich mit einer Anekdote, einer Erzählung von einer Frau, die ihn aggressiv angebaggert habe. Das fand er zwar lästig, er habe aber auch darüber nachgedacht, sich einen blasen zu lassen. Als eine Kollegin im Büro dann nach männlichen Meinungen zu #MeToo fragte, sagte er laut, es sei ein wichtiges Thema und dachte sich leise, sie solle doch die Klappe halten. Sympathischer Bursche. Jetzt sei es ihm aber doch wichtig geworden. Nämlich zu sagen, dass er es vorher einfach nicht verstanden habe. Obwohl er immer wieder Geschichten von Frauen über Belästigungen gehört habe, bei manchen Vorfällen sei er sogar dabei gewesen, aber kapiert habe er nichts. Woran das liegt? Weil ihm niemand gesagt habe, wie bescheuert er sei. Genau das sei Teil des Problems, so der Autor. Und er schließt mit dem Satz: „Dafür wünsche ich mir aber auch eins: dass Frauen Männern öfter sagen, wenn sie Idioten sind.“
Lieber Christian, vielleicht darf ich einen Teil der Verantwortung übernehmen, die du Frauen* zuschiebst: Das Problem ist nicht, dass sich Frauen* unklar ausdrücken. Das Problem ist, dass Männer nicht zuhören. Es ist nicht Aufgabe von Frauen*, dir zu sagen, dass du ein Idiot bist. Das kannst du auch alleine herausfinden.

Doch es war bestimmt gut gemeint. Entscheidend ist aber nicht, ob man darüber redet, sondern wie. Wir müssen uns selbstreflexiv der Sache nähern. Und auch da lauern ein paar Fallen. Ich selbst bin in eine davon getappt, denn auch ich habe mich früh dazu geäußert. Ich wandte mich der männlichen Teilhabe zu, wie sie in den ursächlichen Strukturen zu finden ist, die wir Rape Culture nennen. So bezeichnet man in der Gewaltschutzbewegung Kulturen, Gesellschaften, soziale Schichten oder Gruppierungen, in denen sexuelle Gewalt gerechtfertigt, toleriert, entschuldigt oder geduldet wird.
Ich wollte Männer dazu bringen, nicht mehr ablehnend auf das Thema zu reagieren. Ich wollte sie dadurch ins Boot holen, dass ich eine Entschuldigung einbaue, einen Grund, weshalb sie es bisher nicht verstanden haben – ja nicht verstehen konnten. Damit sich niemand aus der Affäre zieht, habe ich mich dann damit beschäftigt, wie selbst die „Guten“, also jene, die keine dummen Sprüche bringen, nie jemanden betatscht oder bedrängt haben, auch Teil des Systems sind. Ich finde diese Herangehensweise nach wie vor nicht falsch. Das heißt aber nicht, dass sie deshalb besonders gut ist.

 

Die Aktivistin Helga Pregesbauer erklärt den Begriff „Rape Culture“:

 

Die Frauen*, welche es mit ihren eigenen Geschichten geschafft haben, dass dieses so dringende gesellschaftliche Problem auf so breiter Basis diskutiert wird, haben es sich nicht so leichtgemacht. Sie haben sich nicht hinter Anekdoten und Versachlichungen versteckt. Das Thema war so stark, weil es von der Courage dieser Frauen getragen wurde. Was haben Männer produktiv dazu beigetragen? Die bekanntesten männlichen Hashtags zum Thema finden sich unter #notall und #menot. Sie beinhalteten oft eine genervte Antwort auf die Erzählungen der Frauen, die sie zu diskreditieren suchten.

Und dann gab es noch #mentoo. Es wäre ja wichtig über männliche Erfahrungen mit Übergriffen und sexueller Gewalt zu sprechen. Aber als Selbstausdruck und nicht als Antwort auf die Geschichten der Frauen. Die Opferrolle Frau sei zu kurz gegriffen, da es Männern auch passiere, so die Haltung. Die Idee von #MeToo war aber gar nicht, dass so etwas nur Frauen* passiert. Es macht schon Sinn, dass Männer von ihren Erfahrungen mit sexueller Gewalt erzählen. Aber ihrer selbst willen.
Man könnte nun davon ausgehen, dass viele der Täter selbst einst Opfer waren. Es ist nicht einfach, das Stehen zu Verletzlichkeit ist kein großes Kapitel im Buch der männlichen Sozialisation. Im Gegenteil: Von Kindheit an wird uns vermittelt, damit stünde unsere Identität auf dem Spiel. Von klein auf erntet man dafür Spott.
Mit Brendan Frasier hat nun ein prominenter Mann damit angefangen. Der Schauspieler erzählte von einem sexuellen Übergriff durch Philip Berk, dem ehemaligen Präsidenten der HFPA, der Organisation hinter den Golden Globes. Frasier entfloh der Situation, fragt sich aber mittlerweile, ob er seitdem auf einer Art schwarzen Liste stehe, da ein Knick in seiner bis dahin starken Karriere folgen sollte. Berk hingegen ist immer noch Mitglied der Vereinigung. Wir sollten Männer darin bestärken, von diesen Erfahrungen zu erzählen und die Betroffenen darin vergewissern, dadurch nicht ihre Männlichkeit zu verlieren. War Brandon Frasier zuvor nicht auf einer Blacklist, so ist er es spätestens jetzt. Seinem Ruf wird das Stigma wohl mehr anhaften, als seine Filme und Preise. Für den nächsten Mann ist es aber vielleicht schon leichter.

Doch bei #MeToo geht es nicht allgemein um sexuelle Übergriffe. Die Aktivistin Tarana Burke hat den Slogan schon vor über zehn Jahren ins Leben gerufen, um Solidarität durch Empathie unter Frauen zu fördern, die Missbrauch erlebt hatten. Niemand könne betroffene so verstehen und stärken, wie Menschen, die das selbst erlebt hätten. Über Nacht wurde der Slogan von Alyssa Milano übernommen, als sie Frauen dazu aufforderte, unter dem Hashtag das Netz mit ihren persönlichen Erfahrungen zu fluten. Milano hatte sich weder mit der Herkunft des Slogans, noch mit Burkes Arbeit vertraut gemacht. Tarana Burke unterstützte die neue Hashtag-Kampagne dennoch und befand es auch für sinnvoll, dass darin auch sexuelle Belästigung miteinbezogen wurde. Damit sollte verdeutlicht werden, dass sexuelle Übergriffe für Frauen* geradezu alltäglich sind.
Davon können Männer einfach nicht sprechen. Ich persönlich kann solche Vorfälle an einer Hand abzählen. Der Schlüssel liegt aber nicht im Unterschied, sondern in der Gemeinsamkeit. Denn auch in den männlichen Geschichten wird statistisch betrachtet nicht immer, aber im überwiegenden Großteil der Fälle ein Sachverhalt zutreffen: Dass die Täter meistens Männer sind. Das deckt sich auch mit meinen persönlichen Erfahrungen. Ich erinnere mich an wesentlich mehr Männer, die mich auf der Tanzfläche im Schritt betatscht haben, die mir gefährlich nahekamen, um mir zu erzählen, was sie mit mir vorhätten. Und ich habe keine Sekunde darüber nachgedacht, ob ich mir einen blasen lassen sollte. Ich bin skeptisch, ob der Kollege den Spruch auch bei männlichen Aggressoren so lapidar von sich gegeben hätte.

Haben wir ein Schweigen der Männer zu beklagen? Ich glaube nicht, dass wir uns ernsthaft Sorgen machen müssen, dass sich kein Mann mehr finden wird, der meint, es besser zu wissen – egal um welches Thema es geht. Worüber wir uns Sorgen machen müssen, ist, ob diese Männer auch sinnerfassend zuhören. Daran lassen mich die bisherigen Stellungnahmen zum Thema zumindest stark zweifeln. Erst dann würde es Sinn machen, dass sie dazu den Mund aufmachen. Aber auch nur, wenn sie ihre Stimme dazu nutzen, sich öffentlich zu solidarisieren.



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(Der Artikel ist im Original bei den Feministischen Zwischenrufen des Gunda Werner Institutes erschienen)
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Patrick Catuz, Autor, Feministische PornographiePatrick Catuz ist Autor, Filmemacher und Kulturarbeiter und lebt in Wien. Er hat in Klagenfurt (AUT) und Breslau (PL) Medien- und Kommunikationswissenschaften sowie Angewandte Kulturwissenschaften studiert.

Er arbeitete bei Erika Lust und LUST FILMS in Barcelona, ehe er nach Wien zurückkehrte, um sich an der Universität für angewandte Kunst Wien seiner Doktorarbeit zu widmen. Er führt mit Adrineh Simonian die Firma Arthouse Vienna, die sich auf Queer, Feminist und Arthouse Porno spezialisiert.

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Breaking the Taboo: Warum wir mehr über die Regel sprechen müssen

Die Monatsblutung – oft auch DIE Regel, Menstruation oder Periode genannt – ist ein Mysterium mit vielen Namen. Es gibt unzählige andere Bezeichnungen, die die Regelblutung umschreibt oder verniedlicht, manchmal sogar verharmlost und in ein falsches Licht rückt. Die konkrete Benennung ist der erste Schritt um zu wissen, was monatlich in meinem Körper vorgeht. Aber was ist die Menstruation eigentlich? Und warum haftet ihr bis heute ein so starkes Stigma an?

Die Menstruation

Im Körper einer Frau – wohlgemerkt menstruieren nicht alle Frauen und auch nicht alle, die menstruieren, identifizieren sich als Frau – baut sich während des Zyklus die Gebärmutterschleimhaut auf und macht sich so jeden Monat bereit für eine mögliche Befruchtung einer Eizelle. Geschieht dies jedoch nicht, wird im Zuge der Regelblutung die Schleimhaut abgestoßen. Diese Meisterleistung vollbringt der Körper einer Frau ca. alle 28 Tage 40 Jahre lang – von der ersten Monatsblutung im Alter zwischen 9 und 15 Jahren bis zur letzten, der Menopause.

Da Frauen ungefähr die Hälfte der Weltbevölkerung ausmachen, könnte angenommen werden, dass es ziemlich „normal“ und weit verbreitet ist, dass Frauen regelmäßig bluten. Aber warum haftet dann der Regelblutung bis heute ein Stigma an, welches es nahezu unmöglich macht, in der Öffentlichkeit über diese ach so natürliche Sache zu sprechen?

„Unrein“ und „verflucht“ – das Stigma der Menstruation

Jahrhunderte lang galten Frauen, die bluteten als „verflucht“ oder „teuflisch“ – so steht beispielsweise im Alten Testament geschrieben, dass Frauen während ihrer Regel als „unrein“ gelten und deshalb alles, worauf sie sitzen oder liegen „unrein“ wird– sie gelten als „minderwertig“ und Menschen „zweiter Klasse“. Aber auch im Hinduismus existieren diese Mythen: Da Frauen während ihrer Menstruation als „unrein“ angesehen werden, ist ihnen u.a. der Zutritt zum Tempel untersagt. Teilweise kommt es sogar vor, dass sich Frauen während ihrer Tage komplett aus der Gesellschaft zurückziehen und isolieren, da angenommen wird, dass ein „Fluch“ auf ihnen liegt.

Es ist also in den Köpfen (junger) Frauen fest verankert, dass etwas Negatives an ihnen anhaftet, wenn sie bluten. Das hat sich bis heute gehalten und dazu geführt, dass die Angst vor einem Blutfleck auf der Hose, die schlimmste Vorstellung für viele junge Mädchen ist.

Rotes Blut statt blauer Flüssigkeit

Dass diesem biologisch notwendigen und gesunden Vorgang bis heute solch ein Tabu anhaftet, ist aber auch Werbeeinschaltungen der letzten Jahrzehnte zu verdanken. Bis vor kurzem wurde nämlich in Spots für Binden oder Tampons Regelblut durch blaue Flüssigkeit ersetzt und so ein gänzlich falsches Bild über die Menstruation vermittelt. Wenn uns Monatshygieneanbieter vorgaukeln, dass wir uns nur mit ihren super gut riechenden Binden gut fühlen und uns aus dem Haus trauen dürfen, wird lediglich mit Ängsten und Klischees junger Mädchen und Frauen gespielt. Das hat rein gar nichts mit Empowerment zu tun, sondern es wird  unter dem Denkmantel der Enttabuisierung vermittelt, dass die Monatsblutung etwasWiderlichesist und stinkt. Diese Unternehmen haben kein Interesse, sich an der Enttabuisierung dieses gesellschaflichen Themas zu beteiligen, sondern wollen lediglich ihr Produkt in Umlauf bringen. Hello, my dear friend Capitalism!

Schön langsam kommen die starren Strukturen jedoch ins Rollen, denn im Oktober 2017 zeigte das britische Unternehmen Bodyform zum ersten Mal echtes Blut in ihren Produktbewerbungen und versucht so, das Tabu rund um die Regel in die Knie zu zwingen. Eigentlich ganz gut aushaltbar, wenn da rote Flüssigkeit auf eine Binde getropft wird als blaue, oder?

Was wir gegen das Tabu Regel und die damit verbundene Stigmatisierung tun können

Reden, reden und nochmals reden!

Als Mütter, Eltern, Geschwister, Freund_innen, Bezugspersonen, Lehrer_innen, Multiplikator_innen, Sozialarbeiter_innen, … Menschen dieser Gesellschaft: sprecht über die Monatsblutung. Versucht ein Gesprächsklima zu schaffen, in dem es möglich ist, darüber zu reden, was die Menstruation eigentlich ist und warum sie nichts „Schlechtes“, „Unreines“ oder „Schlimmes“ ist. Dazu gehört auch, die Menstruation adäquat zu benennen und nicht von der „Erdbeerwoche“ oder sonstigen Bezeichnungen zu sprechen – denn nur so kann ich die Vorgänge in meinem eigenen Körper besser verstehen und nachvollziehen, welchen Aufwand der Körper jeden Monat aufs Neue aufbringt. Erzählt von eigenen Erfahrungen und macht Mut, freudig und vielleicht auch ein bisschen Stolz nun in diesem neuen Lebensabschnitt angekommen zu sein.

Wichtig ist jedoch auch, mit Burschen über dieses Thema zu sprechen, Aufklärungsarbeit zu betreiben und klar zu machen, dass es sich hierbei um das normalste auf der Welt handelt – aufgrund dessen niemand gemobbt oder ausgeschlossen werden muss. Diskriminierungen aufgrund der Regel müssen einfach der Vergangenheit angehören und dazu müssen alle ihren Beitrag leisten. Das kann auch heißen, dass ich mich als Lehrerin, Schwester oder Vater mit diesem Thema intensiver auseinandersetze, damit Mädchen ohne Angst und gut vorbereitet ihrer Periode entgegenblicken können. Sind junge Mädchen über erste Anzeichen ihres Körpers informiert und können Hilfe in Anspruch nehmen, wenn die Schmerzen vor oder während der Regel zu stark werden?

Eine offene und positive Herangehenswese an das Thema Menstruation ist immens wichtig, um jungen Frauen ein Körpergefühl zu vermitteln, das geprägt ist von Wertschätzung und Zuneigung, denn die monatliche Menstruation ist (im besten Fall) eine treue Begleiterin auf dem Weg durchs Leben. Wenn wir also nicht wollen, dass sich junge Frauen durch die Regel ein negatives Körperbild aneignen, ist es auch unsere Aufgabe mitzuhelfen, die Monatsblutung von ihrem Tabu zu befreien.


Ihr wollt euch näher mit dem Thema Menstruation auseinandersetzen? Anschließend eine kleine Sammlung an aktuellen Veröffentlichungen zu Periode, weiblicher Zyklus, Sexualität und Co.

Nina Brochmann, Ellen Støkken Dahl: Viva la Vagina. Alles über das weibliche Geschlecht. S. Fischer 2017

Heike Kleen: Das Tage-Buch: Die Menstruation – alles über ein unterschätztes Phänomen. Wilhelm Heyne Verlag 2017

Laura Méritt: Frauenkörper neu gesehen: Ein illustriertes Handbuch. Orlanda Frauenverlag 2012

Mithu M. Sanyal: Vulva: Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts. Klaus Wagenbach Verlag 2009

Luisa Strömer, Eva Wünsch: Ebbe & Blut. Alles über die Gezeiten des weiblichen Zyklus. Gräfe und Unzer 2017

 

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Was ist Post-Porno?

Ist Post-Porn noch Pornographie oder schon „nach“  dem Porno (post=lateinisch für nach, zeitlich später liegend)? Es beinhaltet genauso wie andere pornographische Genres explizite Darstellungen von Sexualität. Doch ist es jenseits ihrer Konventionen. Es hält sich nicht an den plumpen Glauben an die Authentizität, die Spontanität des Sexes und das Wahrheitsversprechens des Bildes. Post-Porno ist die (selbst)reflexive Variante der Pornographie. Ein Porno, der sich selbst dekonstruiert. Doch wo kommt es her? Und was macht es genau?

 

Post-Porn als künstlerische Strömung

Post-Porn entstammt einer künstlerischen Strömung der 1980er Jahre. Der Begriff wird der Pornodarstellerin und Künstlerin Annie Sprinkle zugeschrieben. Ihr „Public Cervix Announcement“ markiert für viele die Geburtsstunde einer künstlerischen Pornographie. Diese war  politisch wie intellektuell motiviert. Ab 1989 perfomte sie damit und brachte Pornographie in einen künstlerischen Kontext. Die Porno-Darstellerin bewegte sich aus dem „Porno-Ghetto“ in die Galerie. Dort stellte sie ihren Muttermund aus. Hierbei hat sich eine Transformation von der Sexarbeiterin zur Performance-Künstlerin vollzogen. Sie ließ Museumsbesuchende mittels Spekulum ihren Muttermund betrachten. Sprinkle selbst war zuvor im konventionellen Porno tätig. In den 90er Jahren wendete sie sich davon ab, um sich ihren eigenen Arbeiten zu widmen. Es handelte sich um Videos, Performances, Live-Shors und Texte. Die drehten sich um Themen wie weibliche, queere oder transgender Sexualitäten. In zahlreichen Selbsthilfe-Videos animiert sie Menschen zu einem offenen und postiven Umgang mit der eigenen Sexualität.
Sie soll „Post-Porn“ als Begriff auch als Erste promotet haben. Es etablierte sich daraufhin eine künstlerisch-pornographische Niesche mit starker nähe zu transfeministischer und queerer Kunst. Größtenteils handelte es sich um Arbeiten aus Video- und Performancekunst. In den deutschsprachigen Porn-Studies popularisierte Tim Stüttgen den Begriff mit seinem Symposium „Post/Porn/Politics“, das 2006 in Berlin stattfand.  Dort widmeten sich AktivistInnen wie Bruce LaBruce, Beatriz Preciado, Katja Diefenbach oder Annie Sprinkle der Frage, wie Porno emanzipatorische Funktionen erfüllen kann.

 

Post-Porn, Annie Sprinkle, Public Cervix Announcement

 

 

Post-Porno war von Beginn an stark von den Cultural Studies und den Anfängen des Third-Wave Feminismus beeinflusst. Es ist vielleicht die einzige Strömung der Pornographie, die klar auf einen akademischen Ursprung zurückzuführen ist. Die Zuwendung zur Sexualität als Gegenstand war von dem starken Anstieg an Pornoproduktionen in den 80ern und 90ern beeinflusst. Vor allem aber auch vom Zusammenbruch elaborierter Produktionen am Ende des Golden Age of Porn der 70er. Und dem Siegeszug des Amateur-Pornos. In den 90ern kam noch Netporn und Gonzo dazu. Insofern ist es eine Gegenbewegung zum plumper werdenden Porno. Aber auch zum Anti-Porno-Feminismus. Sie suchten nach neuen Zugängen und sahen in Sex ein Werkzeug zur Emanzipation. Dabei ging es aber nicht immer lüstern zu. Auch Schmerz oder Verstörendes konnten im Zentrum der Arbeit liegen. Es ging um einen reflexiven Zugang dazu, was Sex und Geschlechterrollen bedeuten. Genau das ist immer noch das Hauptmerkmal von Post-Porn.

Die Idee von Post-Porn ist es schon, der Masse an Mainstrema-Produktionen, misogynen Tendenzen und normativen Repräsentationen etwas entgegenzusetzen. Insofern ist es in die Alt Porn Bewegung einzuordnen (alt=alternative, eine Bewegung für andere Pornographie). Von anderen Vertretenden, wie beispielsweise Feminist, Queer oder Arthouse Porn unterscheiden sie sich aber doch. Sie sind viel reflexiver, meist auch selbstreflexiv. Das nicht nur im Zugang zum pornographischen Arbeiten, sondern im filmischen Ausdruck selbst. Sie versuchen, ähnlich Feminist Porn, nicht nur (weiße) Männlichkeit als Subjekt des Begehrens zu zeigen. Sie versuchen auch, ähnlich wie Queer Porn, andere Körpertypen oder Formen des Begehrens zu promoten. Mit Arthouse Porno verbindet es, dass künstlerische und experimentelle Verfahren verwendet werden.
Grenzen sind insofern nicht immer leicht zu ziehen. Allerdings versuchen alle diese Vertretenden in der Regel ein schönes Produkt herzustellen, dass immer noch Begehrlichkeiten dient. Post-Porn kann das auch, zielt aber nicht immer darauf ab. Manchmal verzichtet es sogar ganz darauf, sexuell anregend zu sein. Post-Porno, so Borghi, zeigt noch eine Reihe von Tendenzen. verwendet Prothesen, rückt den Anus in das Zentrum des Interesses, bricht binäre Vorstellungen, ist Kapitalismuskritisch, sieht den Körper als Labor für Experimente, Arbeitet an Praktiken und hinterfragt sich selbst. Mitunter stößt es vor den Kopf, widert an, verstört, irritiert. Post-Porn hat einen politischen, aber auch einen intellektuellen Anspruch.

 

Post-Porn heute

Seit die Anfänge verebbt sind, ist Post/Porno eher ein Begriff für das Feld pornographischer Arbeiten an Kunstuniversitäten und im queeren Aktivismus. In der Alt Porn Szene hat sich indessen eine andere Ästhetik durchgesetzt. Es findet sich entweder ein rauer, punkiger, amateurhafter Look wieder, der vor allem in der Queer Szene dominiert. Oder aber eine Hochglanzästhetik, wie aus Modemagazinen oder dem Playboy, wie sie der Fem Porn vorwiegend adaptiert.

Arthouse Vienna bringt künstlerische Verfahren wieder in den Rahmen pornographischer Filmproduktion. Das geschieht wiederum durch die Arbeit von Menschen, die sich im Umfeld der Kunst bewegen und ihre Arbeitsweise und Perspektive in die Pornographie bringen. Anders als in der künstlerischen Arbeit mittels sexueller Darstellungsformen, findet die Umsetzung aber im Rahmen der Pornoindustrie statt. Zu finden sind die Arbeiten unter dem Namen „Post/Porn“ bei Arthouse Vienna, eine Serie, die dort von Adrineh Simonian, Patrick Catuz und Alice Moe umgesetzt wird.

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Literatur zu Post/Porn:

 

Tim Stüttgen, Post/Porn/Politics, Post-Porn

Tim Stüttgen (Hg.): Post/Porn/Politics. Queer_feminist perspective on the politics of porn performance and sex_work as culture production. b_books, Berlin 2009.

 

 

 

 

Porn after Porn, Enrico Biasin (Editor),‎ Giovanna Maina (Editor),‎ Federico Zecca (Editor), Post-Porn

Rachele Borghi: Post Porn. Or, Alice’s Adventures in Sexland. 165-189.
In: Biasin, Enrico/Maina, Giovanna/Zecca, Federico (Hg.): Porn After Porn. Contemporary Alternative Pornographies. Seite 21-37. Mimesis International. 2014.

 

 

 

 

Patrick Catuz, Feminismus fickt! Feministische Pornographei

Patrick Catuz: Feminismus fickt!
Lit-Verlang. Wien/Münster, 2013.

 

 

 

 

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Patrick Catuz, Autor, Feministische PornographiePatrick Catuz ist Autor, Filmemacher und Kulturarbeiter und lebt in Wien. Er hat in Klagenfurt (AUT) und Breslau (PL) Medien- und Kommunikationswissenschaften sowie Angewandte Kulturwissenschaften studiert.

Er arbeitete bei Erika Lust und LUST FILMS in Barcelona, ehe er nach Wien zurückkehrte, um sich an der Universität für angewandte Kunst Wien seiner Doktorarbeit zu widmen. Er führt mit Adrineh Simonian die Firma Arthouse Vienna, die sich auf Queer, Feminist und Arthouse Porno spezialisiert.

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Arthouse Vienna beim Porn Filmfestival in Wien

Arthouse Vienna lässt sich das Heimspiel beim ersten Porn Filmfestival Österreichs von 1.-4. März natürlich nicht entgehen. Wir werden bei zwei Bewerben in der Jury sitzen, sind ansonsten aber bei fünf Programmpunkten anzutreffen. Schaut doch vorbei! Hier eine kurze Übersicht: 

 

 

Am 2. März könnt ihr von 16.30 zum Workshop über die Geschichte des Porno und nach einer kurzen Pause gleich in’s Screening von Arthouse Vienna um 19.00. Beides findet im Fortuna Kino statt.

Am 3. März ist um 15.00 der Workshop in der Schwelle7, wie man seinen eigenen Porno machen kann, um 16.30 eine Podiumsdiskussion über Porno in Österreich im Schikaneder und ab 21.00 die Pornnight Party in der Schwelle7, bei der auch eine kleine Auswahl unserer Filme laufen wird.

 

 

Arthouse Vienna beim Porn Filmfestival in Wien

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Der erste Tag für Arthouse Vienna (2. März)

 

FRI. 02.03. | 16:30-18:00
FORTUNA KINO
Workshop Pornos verstehen lernen

Workshop von Patrick Catuz | Eintritt frei | Hier anmelden

Patrick Catuz mit seinem Buch "Feminismus fickt!"Es wird um die Geschichte des Porno gehen, aber auch um die Porn Studies und Methoden, mit denen Pornos analysiert und besser verstanden werden können.

 

 

 

FRI. 02.03. | 19:00
FORTUNA KINO
Arthouse Vienna Shorts
Screening einer Auswahl der Werke von Arthouse Vienna.
Hier kommt es zur Premiere unseres neuen Filmes „Food Porn (for realz)“ mit Alice Moe. Hier der Trailer:

Außerdem seht ihr auch unser „Blind Date“:

Wie findet ihr uns?

Am ersten Tag findet sowohl der Workshop als auch das Screening im Fortuna Kino statt. Dazwischen gibt’s eine kleine Trinkpause. So findet ihr das Kino:

 

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Der zweite Tag für Arthouse Vienna (3. März)

 

 

SAT. 03.03. | 15:00-17:00
SCHWELLE7
How to Make a Porno?
Von Adrineh Simonian | Eintritt frei | Hier anmelden

 

Hier geht es darum, wie ihr euren eigenen Porno machen könnt, ohne dass er so aussieht, wie die planlosen „Camcorder einfach draufhalten“-Clips auf YouPorn. Von der Idee bis zur Fertigstellung.

 

SAT. 03.03. | 16:30-19:00
SCHIKANEDER KINO
Austrian Porn & Retrospective Shorts

Screening von Kurzfilmen und Diskussionsrunde mit Andreas Brunner, Ashley Hans Scheirl, Adrineh Simonian und Jasmin Hagendorfer.

 

 

SAT. 03.03. | 21:00-05:00
SCHWELLE7
Pornnight *Explicit*

20€ Eintritt / 12€ für Porn Filmfestival Ticketinhaber und S7 Mitglieder
Dresscode: Casual – Sexy – Creature of the Night

Wie findet ihr uns?

Am zweiten Tag ist der Workshop erst in der Schwelle7, die Dikussion dann im Schikaneder Kino, die Party dann wieder in der Schwelle7. So findet ihr die Locations:
Schwelle7

Schikaneder

Das erste Porn Film Festival in Wien ist für uns eine tolle Gelegenheit, unsere Arbeit dem österreichischen Publikum zu präsentieren.
Schaut vorbei, sagt Hi! Das Team von ARTHOUSE VIENNA freut sich auf euch!

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Yavuz Kurtulmus im Interview zum ersten PornFilmFestival Wiens

Wien bekommt ihr erstes PornFilmFestival, das von 1. bis 4. März an mehreren Standorten in Wien stattfinden wird. Es wird ein schillerndes Programm geben, das sich aus allen Ecken und Enden mit dem Thema Porno auseinandersetzt, von Film über Workshop bis zur Party wird für jede_n was dabei sein!

Wir haben vorab Yavuz Kurtulmus, dem Festival Director, getroffen und mit ihm über das Festival gesprochen. Das PFFV wird in insgesamt 7 Locations stattfinden, beispielsweise im Schikaneder und Fortunakino oder im Heuer am Karlsplatz, wo die Abschlussparty veranstaltet wird. Der Hauptfokus des Festivals wird Film sein, jedoch werden zusätzlich auch Workshops und Diskussionen stattfinden, bei denen Porno aus einer theoretischen Perspektive beleuchtet wird. Außerdem können Besucher_innen von einer Virtual Reality Lounge Gebrauch machen oder lernen, wie sie ihren eigenen Porno drehen können. Das Festival wird ebenso die Möglichkeit bieten, darüber zu sprechen, was Porno eigentlich alles ist und wie sich die Pornoindustrie gestaltet und in den letzten Jahrzehnten verändert hat.

Es werden von queeren Filmen bis zu feministischen Pornos ganz unterschiedliche Genres gezeigt, die die Vielfalt und Diversität darstellen soll, denn Porno hat mehr zu bieten als schmutzige Filmchen, die sich sexuellen Stereotypen bedienen und unter miesen Bedingungen gedreht wurden.

Das Festival soll Spaß machen, jedoch ist auch Respekt und Akzeptanz beim PFFV wichtig. Anders als bei gängigen Filmfestivals kann es beim PornFilmFestival auch mal dazu kommen, dass Menschen Szenen lustig finden oder auch den Kinosaal verlassen, weil es ihnen zu viel wird. All diese Reaktionen sind normal und wichtig, erfodern lediglich ein Quäntchen mehr an Verständnis.

Seid gespannt auf vier spannende, lustvolle, ausgelassene und interessante Tage (und Nächte) die die Gelegenheit bieten sollen, über Porno zu sprechen und neue Perspektiven darauf zu ermöglichen. Es wird ein großartiges Fest werden und ich glaube, Wien ist verdammt nochmal bereit dafür!

Yavuz Kurtulmus im Interview zum ersten PornFilmFestival Wiens:

Ihr wollt mehr zu Programm, Ticketkauf und Workshopthemen wissen? Dann bitte hier entlang! Es gibt außerdem ein Crowdfunding-Projekt, das ihr hier unterstützen könnt. Schaut vorbei und sichert euch ein paar nette Goodies!

Bis dahin: Stay soft, be respectful, do porn XOXO

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Das erste Porn Film Festival Vienna



Wien bekommt endlich sein aller erstes Porn Film Festival. Vom 1 – 4 März 2018 ist es soweit.
In dieser Zeit werden über Wien verteilt im Schikaneder Kino, Top Kino, Film Casino, Fortuna Kino, Schwelle7, Heuer am Karlsplatz und Camera Club großartige, kunstvolle Pornos und ihre Macher*innen im Mittelpunkt stehen.  Über 40 Events werden beim Porn Film Festival angeboten. Darunter zählen: Film Screenings, Diskussionen, Workshops und aufregende Parties. Das Film-Programm beinhaltet unter anderem „Gay Porn Shorts“, „AKA Fuck“, „Oversexed and Underfucked“ und auch Arthouse Vienna ist mit einer Auswahl an Filmen dabei. Am 2. März werden Abends „Arthouse Vienna Shorts“ auf der großen Leinwand gezeigt. Das gesamte Programm könnt ihr hier nachsehen: Porn Film Festival Vienna Programm

 

„The Porn Film Festival Vienna shows Sexuality, Politics, Feminism and Gender Issues through the Pornographic Lense.“

 

Wieso braucht Porn ein Festival?

Mainstream-Porno zeigt wenig authentische Pornographie und Porno wird dadurch immer mit etwas Dreckigem in Verbindung gebracht und daher kaum in der Öffentlichkeit gezeigt oder besprochen. Das Porn Film Festival Vienna will deshalb einen Ort anbieten, an dem Pornographie gemeinsam angesehen, diskutiert, kritisiert und miteinander analysiert werden kann. Das Porn Film Festival Vienna feiert Porno nämlich in all seinen Formen. Die enge Sicht auf Pornographie soll aufgebrochen werden und der Kunstanspruch von alternativer Pornographie soll auf der Leinwand gezeigt werden.

1. Porn Film Festival Vienna from Gregor Schmidinger on Vimeo.

 

“The answer to bad porn isn’t no porn… it’s to try and make better porn!”

 

Und wer hätte gedacht, dass bald in Wien richtig guter Porno im Kino zu sehen sein wird. Also streicht euch das Datum im Kalender an, damit wir gemeinsam ästhetischen und spannenden Porno erleben können. Mehr Infos findet ihr hier: Porn Film Festival Vienna 

Dear Vienna, let’s watch some porn! 

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Die Angst der Star Wars Fans vor Feministinnen

BB8 Star Wars Feminism
(Der Artikel ist im Original bei den Feministischen Zwischenrufen des Gunda Werner Institutes erschienen)
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Die neuen Star Wars Filme zeigen starke Frauen wie nie zuvor. Während die Kritik voll des Lobes ist, toben Teile der Fans. Warum erhitzt das die Gemüter so?

Kurz: Weil Star Wars Männersache. Mich hat ja meine Freundin in’s Kino gezerrt. Sie ist seit ihrer Kindheit Fan, mir ist es neu. Im Kinofoyer sagte sie zu mir: „Die glauben jetzt sicher alle, ich schau mir das nur für dich an.“ Kein Wunder, so männlich wie Star Wars über fast 40 Jahre besetzt wurde. Trotz vereinzelt starker weiblicher Figuren war das Franchise bisher weiß und männlich dominiert. Das ist nicht nur ein Problem von Star Wars Franchise. Allgemein spielten Frauen in Blockbuster-Filmen eher selten die erste Geige. Ellen Ripley (Alien), Sarah Connor (Terminator), Katniss Everdeen (The Hunger Games) – sie alle eroberten einen Platz im Popkulturhimmel. Und doch ist es nur ein Plätzchen. Die meisten weiblichen Figuren, wie Prinzessin Leia (Star Wars), Triniti (Matrix) oder Hermione (Harry Potter) besetzen nämlich streng genommen nur Nebenrollen.

Entwicklung von Prinzessin Leia, feminist Icon, Star Wars

 

Star Wars, ein Kind seiner Zeit?

In den ersten beiden Trilogien gibt es je nur eine einzige relevante weibliche Figur. Doch nicht nur das: Stark wird sie bestenfalls in ihrer Einführung präsentiert. Leia ist im ersten Teil, der Ende der 70er erschien, die einzige Hoffnung, hält sie doch die Pläne des Death Star in Händen. Sie ist eine handlungstragende Figur, zumindest bis sie im zweiten Teil immer mehr über die Beziehungen zu Männern definiert wird. Filmisch betrachtet dient sie dann der Charakterentwicklung der beiden männlichen Protagonisten. Im dritten Teil schließlich finden wir sie als Sexobjekt im Bikini wieder.

Leia ist dennoch eine Ikone für starke Frauen im Film geworden. Obwohl das selbst für die damalige Zeit etwas dürftig war. Star Trek wartete schon in den 60er Jahren mit einigen weiblichen Charakteren auf und setzte auf Diversität. Das hat nicht mal viel mit Social Justice zu tun, Science Fiction ist prädestiniert dafür. Es wäre nur eine logische Annahme, dass in fernen Welten oder Dimensionen schlichtweg andere soziale Konventionen ausgebildet werden. Die Reproduktion zeitgenössischer Geschlechterrollen ist da genauso phantasielos wie unwahrscheinlich. Da George Lucas aber auch filmisch eher an der Zerstörung, denn an der Weiterentwicklung der Serie zu arbeiten schien, fiel die Figurenentwicklung der Trilogie um das Millenium (der ersten drei Episoden) ähnlich schlecht aus, wie das übertriebene CGI oder das langweilige Skript. Die einzig relevante Frauenfigur dieser Serie ist Padme. Sie ist im ersten Teil noch eine einflussreiche Politikerin. Über die drei Filme wird sie zu der geheimen, hilflosen, schwangeren Frau eines cholerischen Mannes, der auch ihr gegenüber gewalttätig ist. Am Ende stirbt sie an gebrochenem Herzen.

 

Erst die neuen drei Filme sind eine echte Weiterentwicklung. Sie haben nicht nur einen adäquaten Anteil weiblicher Figuren, sie gehen auch einen ganz radikalen Schritt weiter: eine weibliche Hauptfigur. Das ist für Star Wars schon eine kleine Sensation. Sie heißt Rey und ist ähnlich mysteriöser Herkunft wie einst Anakin oder Luke. Sie ist unabhängig, betreibt Handel, bewegt sich autonom über den unwirtlichen Planeten, kämpft. Als sie den desertierenden Storm Trooper Finn kennenlernt, ließe sich eine Lovestory anbahnen. Es soll aber eine Geschichte der Freundschaft und Solidarität werden. Sie ist somit die erste, voll subjektivierte weibliche Hauptfigur in einem Star Wars Film.

Genau das löste aber eine kleine Welle der Empörung aus. Feminismus hätte Star Wars zerstört, so heißt es. Nun tauchte auf Pirate Bay sogar eine alternative Version des ersten Teils auf. Ein selbsternannter „Männerrechtler“ entfernte weibliche Heldinnentaten. Der Unmut kam nicht ganz unerwartet. Die Skepsis über den Erfolg einer weiblichen Protagonistin ging so weit, dass die Spielzeugindustrie in der offiziellen Serie auf eine Actionfigur von Rey verzichtete. Man sei besorgt gewesen, Jungs würden nicht mit einer weiblichen Figur spielen wollen. Ein Shitstorm später wurde der Mangel behoben. Die Fans scheinen gespalten.






 

Nach sechs Filmen männlicher Protagonisten erlaubt man sich nun eine weibliche Hauptfigur. Vielleicht hätte es keinen Ärger gegeben, wäre sie eine Ausnahme geblieben. Doch Disney, die Lucas Films mittlerweile gekauft haben, erlaubt es sich auch noch einen großen Teil weiterer handlungstragender Figuren weiblich zu besetzen. Verdirbt dieser ganze Quotenmist jetzt auch noch unser Freizeitvergnügen? Sollte man nicht daran denken, was zur Story passt? Ja, klar. Genau das tut es ja auch. Die weibliche Färbung der neuen drei Star Wars Filme passt nämlich zum gesamten Bogen aller neun Star Wars Filme. Jede Trilogie folgt einem Muster, der sich in den folgenden drei Episoden wiederholt. Ein Mann, der zu Höherem berufen ist, ringt mit seinen inneren Konflikten. Männliche Emotionen werden dabei als gefährlich gesetzt. Der Auserwählte hat zwei Optionen. Die erste ist es, den Impulsen nachzugeben und zu einer Art interstellarem Hitler zu werden (ein Sith). Die zweite ist es, sich vom Gefühlsleben abzutrennen und eine Art galaktischen Buddha zu machen (ein Jedi).

Was hat diese Strategie gebracht? Obi Wan kann nicht auf die inneren Konflikte seines Schützlings eingehen. Macht ihn diese empathielose Erziehung vielleicht mit zu Darth Vader? Am Ende tötet er seinen Erzieher und Lehrmeister, der ihn nicht emotional ansprechen konnte. Der dunkle Sith-Meister konnte das schon und tat es doch nur, um ihn zu manipulieren. Am Ende töten sich der (neue) Meister und sein Schüler Vader gegenseitig. Bei Darth Vaders Sohn, Luke Skywalker, den er verlassen hat und gegen den er später kämpft, wiederholt sich fast dieselbe Geschichte. Er ringt mit seinen inneren Konflikten, über die alle Jedis nur den Kopf schütteln. Der Emperor spricht sie an, versucht ihn damit zu verführen. Dieser potentielle neue Ziehvater bringt ihn aber lieber um, sollte er sich anders entscheiden. In letzter Sekunde schreitet Vader ein. Alles was Luke von seinem Vater hatte, war wohl diese Rettung in letzter Minute – von einer Gefahr, in die ihn der Vater aber auch erst gebracht hat. Anakin und Luke, die Jedi und die Sith, zwei Seiten derselben Medaille und doch beide Teil desselben Problems. Eine Lösung nicht in Sicht.

Und dann kam Disney.

 

Alle führenden Männerfiguren in den ersten beiden Trilogien sind gescheitert. An ihren inneren Konflikten, im Kampf mit den eigenen Emotionen, mit Ego und Erwartungen. Sie haben sich von ihren Familien entfremdet, vereinsamen, zeigen asoziales Verhalten (Luke, Solo) oder richten Unheil und Zerstörung an (Vader, Ren). Sie setzen mit Impulsivität und Hauruck-Aktionen alles auf’s Spiel. Solo oder Poe sind zwar überaus sympathische Figuren, aber immer noch die klassischen Lebemänner. Sie spielen den Helden und gefährden in ihren Alleingängen mitunter mehr, als sie helfen. Poe missachtet Leias Befehl. Er erledigt zwar den Auftrag, hat aber dafür eine ganze Flotte geopfert, die sie noch dringend gebraucht hätten. Han ist immer noch der coole Space-Cowboy, zu Frau und Kindern hat er aber keinen Kontakt mehr. Er wird schließlich von seinem eigenen Sohn getötet.

Ines Kappert hat in ihrem Buch „Der Mann in der Krise“ gezeigt, wie der immer wiederkehrende Krisendiskurs bislang keine Lösung zuließ. Die alte Männlichkeit scheint dysfunktional, eine neue nicht gefunden. Filme wie Fightclub oder American Beauty zeigen stets nur die Optionen Rückkehr oder Zerstörung. Oft führt genau die Rückkehr zur Katastrophe, wie wir in der Politik sehen können.







Wie passt die weibliche Dominanz an führenden Figuren also in die Story? Die Männlichen gibt es nicht mehr, weil sie schlichtweg draufgegangen sind. In Übermut, Zorn, impulsiven Aktionen. Die Frauen versuchen nun, die übrigen Männer dazu zu bringen, über diesen Horizont hinauszublicken. Finn geht seinen Weg von der feindlichen Tötungsmaschine zum loyalen Freund – einer Frau wohlgemerkt. Poe wird vom übermutigen Haudegen zu einem Teamplayer, der auch weibliche Führung akzeptieren kann. So leben sie alle ein Stückchen länger und können auch der Gemeinschaft besser helfen. Ein Zusammenhalt der am Ende vielleicht die Rettung sein könnte.  

Die neuen drei Episoden zeigen die letzte Hoffnung der guten Seite, nachdem sie in den vorigen sechs Teilen immer schwächer wurde. Die neuen Star Wars sind aber auch jener Funken Hoffnung für eine adäquatere Repräsentation im Filmgeschäft. Zukünftige Generationen von Star Wars Fans werden mit diesen Filmen aufwachsen, in denen starke, unabhängige Frauen ein Stückchen mehr zur Normalität geworden sind.
Das wahre Novum steckt aber im Plädoyer für Männer. Für eine neue, positive, soziale Männlichkeit. Eine Caring Masculinity. Und damit für eine demokratischere Gesellschaft.

 

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(Der Artikel ist im Original bei den Feministischen Zwischenrufen des Gunda Werner Institutes erschienen)
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Patrick Catuz, Autor, Feministische PornographiePatrick Catuz ist Autor, Filmemacher und Kulturarbeiter und lebt in Wien. Er ist Doktorand an der Universität für angewandte Kunst Wien.
Er ist Autor des Buches „Feminismus fickt!“, das sich mit den Perspektiven feministischer Pornographie beschäftigt und produziert gegenwärtig bei Arthouse Vienna feministische, queere und künstlerische Pornographie.

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Was bei #metoo falsch läuft, oder: Die Apfelstrudel-Regel

Die Diskussion ist jetzt 100 Tage alt geworden und immer noch wird leidenschaftlich debattiert. #metoo hält eine breite Öffentlichkeit in Atem. Einerseits haben wir noch großen Handlungsbedarf. Es ist immer noch wichtig das zu thematisieren. In den USA regiert ein Präsident, der davon spricht, wie man mit sexuellen Übergriffen durchkommen kann („grab her by the pussy“). In Österreich haben wir die merkwürdige Posse um Peter Pilz, der nicht wirklich gute Haltungsnoten zu den Vorfällen, seinen Rücktritt und Rücktritt-vom-Rücktritt verdient. Die Akte Toni Sailer und seine Verteidiger (Kronen-Zeitung) macht deutlich, wie düster das Sittenbild ausfällt.

Ein Problem mit #metoo

Die Debatte hat viel Bewusstsein geschaffen, andernfalls wären diese Fälle wohl nicht an’s Tageslicht gekommen. Wir sind allerdings noch auf einem steinigen Weg, einer Lernphase, wie damit umzugehen ist. Leider reden wir oft wenig darüber, wie wir das Problem lösen können, aber ganz viel darüber, ob wir überhaupt darüber reden sollten oder was am Reden darüber gefährlich oder falsch ist. Aus der Debatte über ein gesellschaftliches Problem wurde schnell eine Debatte über die Thematisierung solcher Probleme. Die Stimmen der Betroffenen werden immer häufiger als eigentliches Problem gebrandmarkt. Nina Proll hat eindrucksvoll bewiesen, wie ignorant sie ist, wenn sie meint, sexuelle Übergriffe wären doch eh nicht von Flirts zu unterscheiden. Brigitte Bardot äußerte sich letztens darüber, dass die Betroffenen ja nur Aufmerksamkeit wollten. Was die selten sagen, ist, dass Bardot eine Front National Anhängerin ist und schon fünfstellige Strafen wegen ihrer rassistischen Äußerungen zahlen musste.

Es lässt sich natürlich darüber Reden, wie man debattieren sollte, ob vielleicht dieser oder jener Aspekt sinnvoller ist, oder wo man sich in Sackgassen verliert. Allerdings sollte man das Problem, das eigentliche Thema nicht aus den Augen verlieren. Wenn ihr jetzt also der Meinung seid, dass A oder B an der Debatte vielleicht besser thematisiert werden könnte, ihr aber nicht in Gesellschaft dieser Douchebags sein wollt, hab ich jetzt eine goldene Regel für euch.

Ich nenne es die Apfelstrudel-Regel. Entschuldigung, ist wohl der Österreicher in mir.

 

 

Ich hoffe euch damit ein wenig helfen zu können, in Zeiten von Trolling und Fake News, etwas produktiver in der öffentlichen Arena auftreten zu können. Der Apfel steht für Konzentration, der Strudel für Konstruktivität. Was wir ganz am Anfang gesehen haben, war folgendes: Ganz viele Frauen haben unter dem Hashtag #metoo ihre Erfahrungen mitgeteilt. Damit konnten sie eindrucksvoll die Alltäglichkeit sexueller Übergriffe vermitteln. Auf den rhetorischen Kung-Fu Trick brauchte man nicht lange zu warten. Häufig wurde entgegnet, was denn mit den Männern sei, die unschuldig wären. Was wäre außerdem mit normalen Flirtverhalten? Und warum nur Frauen, was ist mit jenen Männern, die auch von Übergriffen betroffen sind?

Äpfel und Birnen.

Mag sein, dass einige dieser Einwände zu interessanten oder sogar notwendigen Diskussionen führen könnten. Aber darum geht es gerade nicht. Jetzt geht es darum, dass solche Übergriffe auf Frauen einfach viel zu oft vorkommen. Es geht nicht um normale Annäherungen, nicht um andere Verbrechen oder Gruppen. Wir reden über Äpfel. Kann sein, dass Birnen auch interessant sind. Aber reden wir ein andern mal darüber, weil jetzt reden wir über Äpfel.
Konzentration. Kein Ablenkungsmanöver. Beim Thema bleiben.

Das ist die erste große Hürde, die sich vom Beginn der Debatte bis heute zeigt. Ist sie überwunden, kommt es aber zur zweiten ganz großen Falle. Hier bleiben die Leute zwar bei der Sache, irgendetwas passt ihnen aber nicht an der Art und Weise. Es ist ja legitim und hilfreich darüber nachzudenken, welche Arten der Thematisierung, welche Problemlösungen besser geeignet sein könnten. Doch statt nach einer anderen Lösung für das eigentliche Problem zu suchen, jammern sie darüber, dass es so nicht passt. Das bezeichnen sie bald als das eigentliche Problem. Nämlich darüber zu sprechen, zu versuchen, eine Lösung zu finden, die hier nicht zu suchen wäre.

Da will man jetzt also einen Apfelstrudel machen. Jemand denkt sich aber, das passt nicht ganz. Stattdessen, dass aber vorgeschlagen wird, was vielleicht sinnvoll wäre oder klappen könnte, wird nur gejammert. Meine Güte, ein Apfelstrudel, so ein langweiliges Dessert. Oder: Da ist doch zu viel Zucker drin! Ich verdau den Teig immer so schlecht. Am Ende sind da auch noch Rosinen, das verdirbt mir den ganzen Spaß an den Äpfeln. Während man eigentlich sagen könnte: „Hey, wir haben Äpfel, die müssen wohin, vielleicht machen wir doch eher eine Apfeltorte oder Apfelmus oder kandierte Äpfel!“

Konstruktive Vorschläge. Nicht das Gespräch zerstören. Nicht das Gegenüber angreifen. Dann kann man wirklich differenzieren, Debatten nuancieren, weiterbringen. Probleme anpacken.

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Patrick Catuz, Autor, Feministische PornographiePatrick Catuz ist Autor, Filmemacher und Kulturarbeiter und lebt in Wien. Er ist Doktorand an der Universität für angewandte Kunst Wien.
Er ist Autor des Buches „Feminismus fickt!“, das sich mit den Perspektiven feministischer Pornographie beschäftigt und produziert gegenwärtig bei Arthouse Vienna feministische, queere und künstlerische Pornographie.

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Alternative Pornografie, sei mein LOVER

Mainstream-Pornografie funktioniert mit Hilfe von sexuell expliziten Aufnahmen. Das bringt zwar viele Menschen zum schnellen Orgasmus, erzeugt aber weder Sinnlichkeit, Intimität noch sieht es ästhetisch aus. Will Hoffmann und Julius Metoyer haben an dieser Problematik ansetzend versucht, sexuelle Nähe und Begierde mit anderen Mitteln, als die der Mainstream-Pornografie, zu zeigen.

Filmästhetik von LOVER

In ihrem erotischen Kurzfilm LOVER arbeiten sie mit warmem Licht, einer bewegten Kamera und spielen mit Schärfe und Unschärfe. In Kombination mit schnellen rhythmisierten Schnitten und einer pulsierenden Musik wirkt der Film schon ganz anders, als ein 0815-Porno. Dieser lenkt die Kamera nämlich meist einfach nur gefühllos auf hell beleuchtete Geschlechtsteile.

 

Bei LOVER wird der Blick, wie im Porno, auch fragmentarisiert. Aber es werden nie Geschlechtsteile in den Nahaufnahmen gezeigt. Stattdessen erzeugen die Filmemacher Sex, Intimität und Lust über das Zeigen der Gesichter der Personen. Statt Körpern werden also Personen gezeigt. Statt Sexmaschinen werden tatsächliche Paare gezeigt, die sich intim kennen. Dadurch sind die Menschen, die man sieht, nicht austauschbar. Sie haben Ausdruck und Charakter. Bilder von Mündern, Gesichtern, Händen und Schultern erotisieren die Aufnahmen also und setzen die Imaginationskraft bei den Zuseher*innen frei. Dieser verschleierte Blick spart das Wesentliche der sexuellen Handlung aus und lenkt die Aufmerksamkeit auf verschwommen wahrgenommene Körperstellen und kleine Gesten, die das Geschehen andeuten.

 

 

Während des Orgasmus der Paare, erreichen alle sich bisher rhythmisch steigernden filmischen Mittel gemeinsam ihren Höhepunkt. Dabei werden hauptsächlich die Gesichter der Frauen fokussiert. Direkten Zugang zum Geschehen bietet das Stöhnen einer Frau, das in die Musik miteinbezogen wurde. Der Film arbeitet folglich mit einem Ästhetik- und Kunstanspruch, den der Porno nicht hat.

 

„We wanted to make a film that wasn’t about watching sex, but instead, triggered memories of the way you felt when emotionally surrendered with a partner. That moment where you let go of judgment or self-consciousness and just open yourself up to impulse and desire.” –  Hoffmann/Metoyer

 

 

Wieso funktioniert das?

Das erotische Erlebnis beim Ansehen eines Films zeichnet sich durch den Reiz der Abwechslung des Gezeigten und Nichtgezeigten aus. Das Knistern entsteht also „zwischen Bild und Ton, On und Off – Leinwand und Publikum“. In unseren Köpfen, angestoßen durch einen Stimulus oder eine Stimmung, läuft dann das Ungezeigte als Fantasievorstellung ab. Erotik ist folglich geheimnisvoll und unfassbar, „wie ein Filmbild, das einen Wimpernschlag lang aufflackert“, was LOVER tatsächlich umsetzt. Pornografie arbeitet im Vergleich dazu nur mit dem Gezeigten. Dadurch kann kein Wechselspiel zwischen Sehen und fantasievollem Ergänzen stattfinden. Der Eindruck kann sich deshalb nicht entwickeln, weil er bereits mitgeliefert wird.

 

 

Das Geheimnisvolle der alternativen Pornografie

Die Verschleierung und das Geheime werden in alternativen pornografischen Darstellungen stark thematisiert, so wie auch LOVER beweist. Sie grenzen sich dadurch von den explizit detaillierten Bildern des Mainstream-Pornos ab. Stattdessen zeigen sie erotische und kunstvolle Bilder. Die Abgrenzung zu dezidiert pornografischen Bildern versetzt sie in einen erotischen und kunstvollen Kontext. Durch eben dieses Nicht-Zeigen der entscheidenden Berührung bzw des sexuellen Geschehens, wird ein Raum für Fantasie geöffnet. Im Mainstream-Porno wird alles so genau gezeigt, dass für eigene Vorstellungen kein Platz mehr bleibt. Der sinnliche Ansatz alternativer Pornografie und Erotikfilme öffnet hingegen einen Imaginationsraum. Die eigenen Fantasien und Vorstellungen sollen die alternative Pornografie ausfüllen.

 

If your only goal is to arouse someone then you should make porn. If you want to try to make someone think or feel something else, you have to create a different set of rules, most of which we made up along the way. – Metoyer/Hoffmann

 

 

 

Quellen:
Hoffman Will/ Julius Metoyer, „Love and Lust in LA“, https://www.nowness.com/story/love-and-lust-in-la.
Zitate von: Maurer, Andreas, „Editorial“, Erotik (CINEMA 51), 2006, S.7.
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Wo bleibt das Verhütungsmittel für Männer, auf das wir schon so lange warten?

Ein Mann * sucht einen Sexualtherapeuten auf und schildert folgende Situation: Er möchte keine Kinder haben und Verhütung ist ein wichtiges Thema für ihn. Wenn er mit einer Frau Geschlechtsverkehr hat, benutzt er immer ein Kondom. Er tut sich jedoch schwer mit Kondomen, damit in Erregung zu kommen stellt für ihn nahezu eine Unmöglichkeit dar. Welche Alternativen hat der Mann in diesem Moment, um zu verhüten? Und hat all dies Auswirkungen darauf, wie er sich als Mann wahrnimmt?

Dieses Gedankenexperiment habe ich zum Anlass genommen, um darüber nachzudenken, auf welche Verhütungsmittel Männer zurückgreifen können. Für Frauen gibt es ja so einige, von der Anti-Baby-Pille zur Hormonspirale und vom Verhütungspflaster zum Diaphragma (um nur einige zu nennen und ohne auf die Problematik von hormonellen Verhütungsmitteln einzugehen). Die Auswahl für Männer fällt im Gegensatz dazu geringer aus. Warum gibt es außer dem Kondom und der Vasektomie – die eher als endgültige Entscheidung angesehen wird – keine Verhütungsmittel für Männer? Ja warum wurde bis heute kein chemisches Verhütungsmittel für Männer auf den Markt gebracht? Und wieso ist es – Gott verdammt noch einmal – das Problem von Frauen, keine Kinder zu bekommen?

Die Hoffnung

Schon in den 1970er Jahren wurde in Indien von Sujoy Guha, Professor für Medizintechnik am Indian Institute of Technology, eine Methode namens RISUG (Reversible Inhibition of Sperm Under Guidance) entwickelt, die „kostengünstig, minimal invasiv und vollständig rückgängig zu machen ist“, wie ein Artikel vom Mai 2015 auf Motherboard, dem Technik-Ableger von Vice, erklärt. 2010 hat eine amerikanische Stiftung das Patent gekauft und arbeitet seit dem an Vasalgel, einer „leicht abgeänderten Variante des Patents“.
Das chemische Verhütungsmittel Vasalgel wird dabei in die Samenleiter injiziert und wirkt dort wie ein Filter, Flüssigkeit kann passieren, Spermien jedoch nicht. Die blockierten Spermien werden in Folge abgebaut und stellen kein weiteres Risiko für den Körper dar. Das Gel verbleibt dort für fünf bis zehn Jahre und kann mittels einer Lösung wieder rückgängig gemacht werden.
Es gibt unzählige Meinungen zu Vasalgel. Einerseits wird von der hohen Sicherheit berichtet, andererseits jedoch wiederum von unerwünschten Nebenwirkungen, die bei Studien aufgetreten sind. Ein weiterer Grund, warum es Vasalgel noch nicht auf den Markt geschafft hat, ist die Einstufung einiger Komponenten der Polymer-Verbindungen des Gels als krebserregend. Und fraglich ist überhaupt, ob sich die Forschungskosten rentieren werden, denn wenn das Gel einige Jahre in den Samenleitern verbleibt, sind keine wiederholten Besuche beim medizinischen Fachpersonal notwendig. Es wird aber auch viel Positives über die Methode gesagt, die als die Zukunft der Verhütung für Männer angesehen wird. So berichtet zum Beispiel Motherboard in diesem Artikel aus dem Jahre 2016, dass es Vasalgel noch 2018 auf den Markt schaffen wird. Und dann, knapp ein Jahr später, wird von den neuesten Erfolgen berichtet: an einer Gruppe von Rhesusaffen „funktionierte das Gel genauso, wie es sich die Forscher gewünscht hatten“. Man(n) darf gespannt bleiben!

Und wie sieht das ein Experte?

Um eine weitere Sichtweise zu diesem Thema zu erhalten, habe ich mit dem Psychologen und Klinischen Sexologen Wolfgang Kostenwein über die Notwendigkeit einer alternativen Verhütungsmethode für Männer gesprochen. Das Thema Verhütung werde zwar immer wieder von seinen Klienten angesprochen, so Kostenwein, es sei aber nicht der ausschlaggebende Grund, warum Männer zu ihm in die Sexualtherapie kommen. Manchmal tauche durchaus die Frage auf, wie Männer selber verhüten können, „und da gibt’s einerseits das Kondom, das für Männer sehr oft eine Störanfälligkeit in der sexuellen Funktionalität darstellt und eben die Vasektomie“. Eine Alternative zum Kondom, die gleichzeitig keine endgültige Entscheidung wie die Vasektomie ist, wäre für viele Männer „attraktiv“.
Männer haben weniger Möglichkeiten zur Verhütung – das ist richtig, hier besteht eine Benachteiligung. Andererseits sollte klar sein, dass es auf jeden Fall das Vorrecht der Frau ist, zu entscheiden, wann sie schwanger werden will und wann nicht, schlussendlich ist sie die prioritär Betroffene von einer Schwangerschaft. Frauen müssen die Möglichkeit haben, diese Entscheidung für sich selbst treffen zu können, denn die Konsequenzen müssen in erster Linie sie tragen. „Viele Männer äußern jedoch dasselbe Bedürfnis und sagen, sie hätten auch gerne die Sicherheit zu wissen, wann sie ein Kind zeugen und wann sie das nicht tun“, so der Sexologe. In dieser Situation können Männer einzig und allein auf das Kondom zurückgreifen. Wolfgang Kostenwein hat in seiner langjährigen therapeutischen Tätigkeit immer wieder die Erfahrung gemacht, dass das Kondom auf mehreren Ebenen zu Probleme führen kann: Es muss einerseits unmittelbar vor dem Geschlechtsverkehr angewendet werden und andererseits entsteht eine Reizreduktion, was zur Folge haben kann, dass „Männer, die diesen Reiz benötigen, nicht in Erregung kommen“. All diese Faktoren können als Störfaktor wirken und benötigen hohe Handlungskompetenz, um mit Kondom zielführend zu verhüten.

Ein weiteres Thema, das in der Sexualtherapie immer wieder, wenn auch nicht direkt, angesprochen wird, sind Konstruktionen von Männlichkeit  – zum Thema Männlichkeit wurde bereits an dieser und dieser Stelle des Blogs etwas gesagt. Verhütung für Männer spielt dabei zwar nur am Rande eine Rolle, trotzdem gibt es auch Situationen, in denen Verhütungsentscheidungen das Bild von der eigenen Männlichkeit verändert, so der Therapeut. Wenn die eigene Zeugungsfähigkeit eine Erregungskomponente für einen Mann darstellt, kann eine Vasektomie auf psycho-sexueller Ebene zu einer Krise führen. Ab und zu kommen Männer aus diesem Grund in die Sexualtherapie: sie berichten von einer durchgeführten Vasektomie und einer darauffolgenden Instabilität in ihrer Sexualität – auch wenn sie das vielleicht selbst nicht so formulieren würden. Hat der Glaubenssatz Ich erlebe mich als zeugungsfähigen Mann und das ist Teil meines sexuellen Potentials im Erregungssystems eines Mannes große Bedeutung, „kann das System zu kippen beginnen“, erklärt Wolfgang Kostenwein aus seiner langjährigen Erfahrung.

Oft finden aber auch andere Fragen Platz, die zeigen, dass einige Klienten große Unsicherheiten in ihrem Mann-Sein erleben. „Wie soll ich mich als Mann verhalten“ bzw. „was darf ich als Mann und was nicht“ sind Fragen, die darauf hinweisen. Diese Männer sind meist sehr gerichtet auf ihr Gegenüber, überaus empathisch und einfühlsam, „sie nehmen sich selber nicht mehr wahr, weil sie nur mehr wahrnehmen, was die anderen wahrnehmen und so in eine Instabilität gelangen“. Problematisch ist besonders, dass Männern fast ausschließlich gesagt wird, wie sie nicht sein sollen, was sie alles nicht tun sollen, „aber es sagt ihnen niemand in derselben Konkretheit was sie dürfen und wie sein sollen“, stellt Kostenwein immer wieder fest. Er erkennt in dieser Situation eine Chance, um aus diesem Antagonismus – ignorantes Arschloch vs. einfühlsamer Kerl – auszusteigen und „ein positives Männlichkeitsbild, das eine Verankerung in ihnen selbst und eine Identität, die nicht ein Gesellschaftskonstrukt ist, sondern die mit ihrer Körperlichkeit übereinstimmt, darstellt“.

Vorteile für alle

Das Gespräch mit dem Sexologen und Psychologen Wolfgang Kostenwein hat gezeigt, dass die Zeit reif wäre für ein weiteres Verhütungsmittel für Männer, dass einerseits Männern die Möglichkeit gibt, aktiv und selbstbestimmt zu verhüten, andererseits jedoch auch die Verantwortung, die bisher hauptsächlich der Frau übertragen wurde, aufzuteilen und beide Geschlechtspartner_innen gleichermaßen in Verhütungsentscheidungen miteinzubeziehen. Eine ausgeglichene Beziehung zwischen Männern und Frauen, die geprägt ist von Gleichwertigkeit und Vertrauen, ohne hierarchischen Geschlechtszuschreibungen, würde viele positive Veränderungen mit sich bringen – sowohl beim Thema Verhütung, als auch bei Männlichkeitskonstruktionen. Gäbe es eine zusätzliche Verhütungsmethode für Männer, wäre Verhütung nicht mehr (fast) ausschließlich Frauen-Sache und andererseits würde diese Handlungserweiterung auch Männern selbst zugutekommen. Bis dahin können wir nur hoffen und warten!

P.s.: Dass bis heute noch kein chemisches Verhütungsmittel für Männer zur Verfügung steht, hat sicherlich mehrere Gründe. Wichtig ist mir in diesem Zusammenhang jedoch schon auch, kritisch dem System als großem Ganzen gegenüberzustehen. So sollte auf jeden Fall die Frage gestellt werden, warum die Forschung an einem Verhütungsmittel für Männer tatsächlich bis heute nicht abgeschlossen und ein Präparat für Männer immer noch nicht zugelassen wurde. Da diese Entwicklungen nicht im luftleeren Raum entstanden sind, sondern auch dieses Feld von Machtstrukturen und hierarchischen Beziehungen durchzogen ist, muss kritisch hinterfragt werden, ob dahinter möglicherweise auch – patriarchale – Interessen stehen, die sich gegen jegliche Art von Gleichstellung wehren und weiterhin Verhütung als Aufgabe der Frau ansehen wollen.


Wolfgang Kostenwein ist Psychologe, Klinischer Sexologe und hat die Psychologische Leitung des Österreichischen Instituts für Sexualpädagogik inne. Er bietet Sexualpädagogische Workshops für Jugendliche und MultiplikatorInnen an, ist Lehrgangsleiter des Ausbildungslehrgangs Klinische Sexologie Sexocorporel, hat Lehrtätigkeiten an mehreren Hochschulen und arbeitet mit jugendlichen und erwachsenen Sexualstraftätern. Außerdem forscht er zu Jugendsexualität. Außerdem bietet er Sexualtherapie für Männer an.

* Mir ist bewusst, dass ich durch die explizite Differenzierung zwischen Mann und Frau das Bild einer dichotomen Zweigeschlechtlichkeit reproduziere, das den Eindruck vermittelt, es wäre hier von natürlichen Kategorien die Rede. Dieses Ziel verfolge ich in keinster Weise, gibt es mir hier lediglich die Möglichkeit, jene Menschen zu adressieren, die auch gemeint sind.

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Alle hassen GENDER STUDIES?

Alle hassen Gender Studies? Was ist an einem wissenschaftlichem Feld so unangenehm, dass es die Gemüter so erregt?

Entstanden sind die Gender Studies im Zuge der feministischen Bewegung. Frauen waren von Bildung lange Zeit ausgeschlossen. Vor allem der Ausschluss von höherer Bildung hielt sehr lange an. Der Frauenbewegung ist die Öffnung von Bildungsinstitutionen zu verdanken. Als Frauen studieren konnten, reichte ihnen das aber nicht.Nicht nur Männer können Subjekt der Wissenschaft sein – Frauen wollten auch Wissenschaft betreiben. Und sie wollten die Verhältnisse unter die Lupe nehmen, welche sie so lange davon abgehalten haben. Die Frauenforschung war geboren.

 

 

Wie haben sich die Gender Studies entwickelt?

Die Frauenforschung entwickelte sich über die Jahre zu den Frauen- und Geschlechterstudien und schließendlich so ca. ab den 90er Jahren zu den Gender Studies. Das passt sowohl zu den Strömungen innerhalb des Feminismus, wie dem Wandel vom Second Wave zum Third Wave. Die erste Welle war noch identitätspolitisch auf starke Kategorien fixiert, was politisch auch gut mobilisieren konnte. Andererseits steckte man in starren Mann-Frau Dichotomien fest, reproduzierte zum Teil sexistische Annahmen. Mit aufkommen der LGBTQ-Bewegung und Diversity als gesellschaftlicher Notwendigkeit, entwickelte sich ein Third Wave. Dieser erkennt Geschlecht stärker als Konstrukt. Das passt auch gut zu den Entwicklungen der jeweiligen Wissenschaftlichen Paradigmen, wie der vom Strukturalismus zum Poststrukturalismus. So haben sich Queer Studies entwickelt. Auch ist mittlerweile kritische Männlichkeitsforschung Teil der Gender Studies, wie auch ein männlicher Feminist denkbar geworden ist.

 

Sabine Hark über das Verhältnis von Feminismus und Gender Studies:

 

Was machen Gender Studies?

Die Gender Studies analysieren gesellschaftliche Verhältnisse, die auf Geschlecht bezogen sind. Sie haben ein rein auf das Verstehen bezogenes Interesse, wenn sie auch kritisch forschen. Politik betreiben sie nicht, das macht der Feminismus. Dieser leitet seine Politik gerne aus den Schlüssen der Gender Studies ab. Ebenso werden viele Menschen, die Gender Studies betreiben, mit feministischen Forderungen sympathisieren. Dasselbe sind sie aber dennoch nicht. Man könnte sagen, es wären zwei Seiten derselben Medaille. Die Analytische und die Politische.

Nun ist nicht jede These richtig und nicht jede Studie eine gute wissenschaftliche Arbeit. Das ist in der Wissenschaft aber auch normal. Die Gender Studies müssen sich Kritik also schon gefallen lassen. Das ist in der Wissenschaft ja auch unumgänglich. Aber als Ganze lässt sie sich aber nicht verwerfen. Genau genommen ist sie nämlich gar keine einheitliche wissenschaftliche Disziplin. DIE einen Gender Studies gibt es gar nicht. Deshalb verwendet man ja den Plural. Es handelt sich um ein offenes Forschungsfeld. Das wird interdisziplinär bearbeitet. Zum Beispiel von der Soziologie, der Linguistik oder der Medizin. Die Forschungstreibenden sind also ganz verschiedene Menschen, mit unterschiedlichem Hintergrund. Methoden und Grundlagen unterscheiden sich genauso drastisch.

Man kann also einzelne Studien oder Thesen verwerfen, die Gender Studies als Ganzes aber nicht. Außer man hasst die Wissenschaft als solche. Beispielsweise weil sie den eigenen politischen Zielen Wiederspricht (Stichwort „FAKE NEWS“). Mit ihren Argumenten werden wir uns schon auseinandersetzen müssen, wenn wir in einer offenen Gesellschaft leben wollen.

Deshalb brauchen wir die Gender Studies!

 

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Patrick Catuz, Autor, Feministische PornographiePatrick Catuz ist Autor, Filmemacher und Kulturarbeiter und lebt in Wien. Er ist Doktorand an der Universität für angewandte Kunst Wien.
Er ist Autor des Buches „Feminismus fickt!“, das sich mit den Perspektiven feministischer Pornographie beschäftigt und produziert gegenwärtig bei Arthouse Vienna feministische, queere und künstlerische Pornographie.

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Themen der Männlichkeitsforschung

Männlichkeitsforschung, Patrick Catuz, R.W. Raewyn Connell

Männlichkeitsforschung ist eine interdisziplinäre Wissenschaft. Sie setzt sich mit dem Thema Männer und Männlichkeit auseinander. Genauso wie die Frauenforschung ist es in die Gender Studies einzuordnen. Der Begriff der Critical Masculinity oder Kritischen Männerforschung hat sich etabliert. So soll eine kritische Auseinandersetzung mit Männlichkeitskonstruktionen ausgedrückt werden. Aber auch ein selbstreflexiver Bezug zur männlich dominierten Wissenschaft und Forschung. Das bedeutet für männliche Forscher ein Hinterfragen der eigenen Rolle. Doch das sollte der Name des Forschungsfeldes eigentlich schon vorwegnehmen.

Das Feld ist noch jung und im deutschsprachigen Raum noch nicht wirklich sehr stark etabliert. Aber man kann gewisse Themenbereiche ausmachen, die wohl noch länger aktuell sein werden:

 

 

Globale Männlichkeiten

Man kann historisch nicht nur von einem Männerbild ausgehen. Es ist im Wandel begriffen. Man kann aber auch zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht nur von einem Bild von Männlichkeit ausgehen. Männlichkeit unterscheidet sich in verschiedenen Kulturen oder auch Gruppen. Durch die Globalisierung werden Männlichkeiten über Massenmedien global verbreitet.
Aber nicht nur das. Auch Männer selbst. Denn die Globalisierung setzt auch neue Migrationsbewegungen in Gang. Ja, auch die sogenannte „Flüchtlingskrise“. So finden sich verschiedene Männlichkeitskonstruktionen an einem Ort wieder. So entstehen neue Hierarchisierungen unter den Männergruppen. Schwarze Männlichkeiten sind beispielsweise weißen untergeordnet. Innerhalb schwarzer Männlichkeiten gibt es wiederum Hierarchien. Muslime Männer werden anders bewertet als christliche.
Rassismus spielt hier genauso rein. Klassenverhältnisse auch. Man wird eine Reihe neuer Verbindungen zwischen dem Lokalen und dem Globalen herstellen müssen.

 

 

Körper und Körperlichkeit

Männlichkeit schreibt sich über gewisse Praktiken in die Körper ein. Es gibt vermeintlich ’softe‘ Aspekte. Das wären körperlicher Praktiken wie Körpersprache, Körpermodulation (Sport, Bodybuilding, Tattoos, …), Kleidung (die Körper und vor allem das Gefühl für den eigenen Körper auch stets mitformt).
Geschichtlich betrachtet unterlagen Männerkörper aber meist drastischen Einwirkungen. Zuallererst waren Männerkörper als Ressource, als Produktionsmittel relevant. Schwere körperliche Arbeit und Kriege haben immer etwas mit Männerkörpern gemacht. Aber auch mit dem Körpergefühl von Männern. Und mit ihren körperlichen Wertmaßstäben. Training, Muskelaufbau, Kampffertigkeit, physische Belastungsfähigkeit sind zentral für das gesellschaftliche Idealbild männlicher Körper.
Andere Themen in diesem Bereich sind aber auch männliche Gesundheit und Lebenserwartung. Denn die leiden meist darunter, dass Männer sich nach diesem Ideal zu formen versuchen. Männer sterben mittlerweile nicht mehr früher, weil sie in den Krieg ziehen. Auch nicht mehr, weil sie so hart arbeiten. Immer mehr werden zu Schreibtischtätern. Sie schinden ihre Körper mehr nach dem männlichen Idealbild. Und zwar nicht nur über Belastungen, die positiv konnotiert sind, wie Sport. Auch durch das Ausharren gegenüber schädlichen Einwirkungen. Männer rauchen und trinken mehr, gehen nicht so schnell zum Arzt, holen sich kaum psychische Unterstützung. Das führt uns zum nächsten Punkt.

 

Lebensführung und Normalbiographie

Darunter lassen sich praktische Belange zusammenfassen. Sie sind jedoch nicht weniger maßgeblich. Gesundheitsbewusstsein und Gesundheit fallen darunter. Es gibt weitaus weniger Gesundheitsvorsorgeprogramme für Männer. Dabei ist das Gesundheitsbewusstsein bei Männern weitaus geringer. Sie rauchen und trinken statistisch betrachtet häufiger und mehr. Sie neigen aber auch eher zu risikoreichen und selbstgefährdeten Verhalten. Sowohl in der Wahl der Hobbies, als auch in Ausnahmesituationen. Das wirkt sich auch auf die Lebenserwartung aus. Denn Männer sterben immer noch sechs Jahre früher.
Die seelische Gesundheit ist in diesen Überlegungen auch inbegriffen. Burnout und Suizidraten sind bereits in jüngerem Alter bei Männern wesentlich höher. Gleichzeitig tun sich Männer schwerer, nach Hilfe zu fragen und sie anzunehmen. Schon der kleine Junge hat gelernt, der „Indianer kennt keinen Schmerz“.
Fragen zur beruflichen Laufbahn sind auch relevant. Sie verknüpfen sich mit den anderen. Das Männlichkeitsbild setzt immer noch den Mann als Versorger voraus. Er muss erwerbstätig, besser noch beruflich erfolgreich sein. Das beinhaltet Vollzeiterwerbstätigkeit mit starker Überstundenbereitschaft, um die Karriereleiter hochklettern zu können. Gleichzeitig hat er kein (gesetzliches) Anrecht auf seinen Anteil am reproduktiven Feld. Väterkarenz ist noch weit davon entfernt, Standard zu sein. Der Papamonat ist ein schwacher Abklatsch. Selbst der ist immer noch stark in der Diskussion. Das schneidet ihn von sozialen Verknüpfungen weitgehend ab, was sich auf die Psychohygiene auswirkt. Es könnte aber auch andere Lösungsmuster oder kompensatorisches Verhalten in Gang setzen (Rauchen, Trinken, Gewaltbereitschaft). Was wiederum der Gesundheit schadet.

 

 

Intersektionalität

Intersektionalität erkennt gleichzeitig bestehende Ungleichheitsverhältnisse an. Das betrifft Fragen von Geschlecht, Rasse, Klasse, Herkunft, Ethnie, Religion, uns so weiter. Diese Verhältnisse bestehen nicht unabhängig voneinander. Mittlerweile sind wir weit davon entfernt, mit simplen Mann-Frau Opositionspaaren arbeiten zu können. Es gibt und gab immer schon viele verschiedene Männlichkeiten. Einerseits durch Migration. Aber auch ganz ohne diese Bewegungen würden wir im Bürgertum ein anderes Bild von Männlichkeit finden, als in der ArbeiterInnenschaft. In homosozialen Bereichen ein anderes, als in gemischten. Homosexuelle Männlichkeitsbilder unterscheiden sich von heterosexuellen. Bei jenen mit Migrationshintergrund zeigen sie sich anders, als bei über mehrere Generationen autochthonen. Zu guter Letzt können mehrere dieser Faktoren für neue Situationen sorgen.

 

 

Männlichkeitsforschung und Ökonomie

In den Sozial- und Kulturwissenschaften wohl ein Stiefkind, so ist die Ökonomie ein wichtiges Thema. Sie ist starkes ordnendes Element in der Gesellschaft. So auch in der Geschlechterordnung. Ökonomische Überlegungen sollten wohl in alle Untersuchungen miteinbezogen werden. Es stellen sich Fragen, welchen Platz Männer im System einnehmen. Es ist auch relevant, wie innerhalb von männlichen Gruppen hierarchisiert wird. Genauso gilt es zu fragen, wie Männerkörper als Ressource zirkuliert.
Wer profitiert hier? Und von wem? Welche Privilegien und welche Nachteile ergeben sich dadurch? Welche Konsequenzen hat es für verschiedene Gruppen?

 

Die „Krise der Männlichkeit“ wird indes immer mehr zum Thema. Hier ein Beitrag von Kultur heute im ORF zum Anlass der Premiere von „Angry Young Men“ des Aktionstheater Ensembles in Wien: 

 

Natürlich sind noch viele andere Themenblöcke oder Untersuchungen möglich. Im deutschsprachigen Raum ist es noch ein relativ neues Menu am akademischen Speiseplan. Wir können aber durchaus noch ein Zeitchen von diesen Hauptbereichen ausgehen.

Es gibt also noch jede Menge zu tun. 

 

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Mehr zu Grundlagen und Forschungsfeldern der Masculinity Studies:

R.W. Connell, The Men and the Boys, Männlichkeitsforschung, Masculinity Studies

 

 

R.W. Connell: The Men and the Boys.
University of California Press, Berkeley/Los Angeles. 2000.

 

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Patrick Catuz, Autor, Feministische PornographiePatrick Catuz ist Autor, Filmemacher und Kulturarbeiter und lebt in Wien. Er ist Doktorand an der Universität für angewandte Kunst Wien.
Er ist Autor des Buches „Feminismus fickt!“, das sich mit den Perspektiven feministischer Pornographie beschäftigt und produziert gegenwärtig bei Arthouse Vienna feministische, queere und künstlerische Pornographie.

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Wohlfühlorte im Tal des Schreckens

 

Seit einiger Zeit beschäftige ich mich mit der Frage, ob dieses ominöse Internet auch Orte bereithält, in denen mensch sicher ist vor Anfeindungen oder Shitstorms und die einen Rückzugsort vor dem bösen Feind dem Kapitalismus darstellen – dort wo weder Leistung erfordert wird, noch Konkurrenzdenken zueinander unsere Existenz bestimmt? Wenn ja, wo verstecken sie sich und warum sind wird andauernd mit Diät- und Fitness-Werbung konfrontiert, aber nicht mit Content dieser Art?

Ein paar dieser Orte hab ich gefunden und für bequem und ganz wunderbar erachtet. Deshalb möchte ich euch hier eine kleine Selektion meiner liebsten Instagram-Wohlfühlorte vorstellen. Dort wo radical softness in seiner schrillsten Ausprägung zelebriert wird, wo Geschlechterklischees, der Tabuisierung der Monatsblutung und der Pathologisierung von psychischen Erkrankungen der Kampf angesagt wird. Beginnen möchte ich diese Artikel-Reihe mit Menschen, die Kunst mit Body Positivity, Selbstakzeptanz und Feminismus vereinen und ganz wunderbare und schön anzusehende Dinge mit ihren Händen (oder Computern – wer weiß das heute schon?) (er)schaffen:

 

The Vulva Gallery

Die Künstler_in hinter diesem Account malt Vulven in all ihren Ausprägungen, Formen und Farben – einmal mit großen, dunklen inneren Labien, einmal mit einer kaum sichtbaren Klitoris, einmal mit kurz rasierter Intimbehaarung, einmal mit krauser. Die Zeichnungen der Vulven sind so unterschiedlich wie wir Menschen auch – und genau darum geht es hier: aufzuzeigen, welch unfassbar große und schöne Vielfalt existiert und dass ALLE Vulven wunderschön und genau richtig sind, so wie sie sind!

 

You’re Welcome Club

Bei diesem Account steht das Vorhaben, körperliche Vielfalt  in den Fokus zu rücken und sichtbarzumachen, was es noch so alles gibt abseits der Normschönheit. Hier sind Illustrationen von People of Colour, Transpersonen, Menschen mit BeHinderung, dicken, dünnen, großen, kleinen, haarigen, stoppeligen, starken, tattowierten… Menschen zu finden, die allesamt aufzeigen, dass wir alle so unterschiedlich und trotzdem bzw. gerade deshalb so schön sind.

https://www.instagram.com/p/BcCxujEH8kf/?taken-by=yourewelcomeclub

 

Frances Cannon

Oh Frances! Damit das hier nicht zu einem heimlichen Liebesbrief mutiert, nur ein paar knappe Worte. Ich finde Frances´ künstlerische Arbeiten ganz groß und finde mich in vielen ihrer Illustrationen wieder. Ein immer wiederkehrendes Motiv ihrer Auseinandersetzungen ist der dicke – im Sinne einer lediglich körperlichen Beschreibung und keiner negativen Zuschreibung – Frauenkörper und seine Enttabuisierung, die sie mit Repräsentation und Sichtbarmachung anstrebt.
Frances Cannon arbeitet stilistisch sehr unterschiedlich. Einerseits zeichnet sie minimalistisch und verwendet lediglich schwarzen Fineliner, andere Kunstwerke stechen durch ihre bunte Wasserfarben hervor.
Meiner Meinung nach eine gelungene Kombination von Kunst und Aktivismus, die jedem Menschen gut bekommt!

 

Recipes for Self-Love

Recipes for Self Love schafft, wohltuende und empowernde Sprüche mit trendy Design und hippen Farben zu verbinden. Auch hier wird großen Wert auf die Repräsentation von Vielfalt gelegt und Körper jenseits von (bloß) weiß, cis, hetero finden Platz in diesen Illustrationen. Neben der großartigen graphischen Aufmachung, schaffen die Sprüche und Phrasen eine Atmosphäre, die Zuversicht und Anerkennung sich selbst gegenüber ermöglicht und so ehrlich und wahr sind, dass mensch bzw. zumindest ich, ein wenig beruhigter in diese Welt hinausgehen kann. Gegen kapitalistische Leistungsmaximierung, für mehr Selbstakzeptanz und Wertschätzung!

 

Slinga Illustration

Slingaillustration ist der Account einer furchtlosen Leipzigerin, die mit ihren Zeichnungen auf Stoffsackerln, Stickern oder T-Shirts ganz schön Eindruck hinterlässt. Auf humorvolle Art und Weise wird hier gegen Stigmatisierungen und Klischees angekämpft. „Pizza Rolls! Not Gender Rolls“ ist einer der vielen Kampfansagen von Slinga. Eine Ode an den Nonkonformismus und bereits seit einiger Zeit fester Bestandteil meiner schönen Instagram-Bubble.

https://www.instagram.com/p/BVoxNeqj_jj/?taken-by=slingaillustration

 

Love Yourself First Project

Aus dem Abschlussprojekt Loveyourselffirst ist so viel mehr geworden – mittlerweile zählt das Projekt mehr als 24 000 Abonnent_innen. Die Graphikerin Laura Klinke thematisiert in ihren Posts Geschichten und Gedanken, mit denen sich ihre Follower_innen an sie gewendet haben und macht daraus hübsch anzusehende Kunst mit Mehrwert. Sie bringt nicht nur individuelle Erlebnisse und Erfahrungen aufs Papier, sondern auch gesamtgesellschaftlich relevante Themen wie die Sichtbarmachung von sexueller Gewalt durch den Hashtag metoo oder die Problematik von Schönheitsidealen, mit denen Menschen im Allgemeinen und Frauen im Besonderen konfrontiert sind. Ein super cooles Projekt, das künstlerisch, wie auch inhaltlich einen wichtigen Beitrag zur Body-Positivity-Bewegung beiträgt.

"Ich bin jung Mutter geworden und zwar mit 21 Jahren, was an sich schon eine Herausforderung ist. Ich war schon immer zierlich & schlank und hatte recht schnell nach der Geburt mein altes Gewicht wieder (was mich sehr glücklich gemacht hat). Aber man sieht meinem Körper an, dass ein Leben darin gewachsen ist. Das ist okay für mich. Jeden dieser Dehnungsstreifen liebe ich. Und dass mein Bauch nicht mehr so straff ist, wie bei den Instagram-Fitness-Models ist auch okay. Aber dann gab es einen Tag im letzten Sommer, an dem ich mit meiner kleinen Familie im Freibad war. Eigentlich wollten wir nur die Sonne genießen, aber ich merkte schnell, wie die Leute mich von oben bis unten musterten. Dann hörte ich Getuschel: "Wie kann die denn einen Bikini anziehen?" oder "Man, das ist ja voll ekelhaft, ein Badeanzug wäre besser bei dem Bauch". Für mich war das so schlimm. Mir wurde jedes Selbstbewusstsein genommen. Jetzt, ein Jahr später denk ich: Scheiß drauf! Ich zieh an, was ich will, denn jeder Mensch ist wunderschön, so wie er ist!" – Dem After-Baby-Body wird so enorm viel Aufmerksamkeit geschenkt und es wird sich wie die Geier darauf gestürzt, wer wann wieder was für einen Körper nach der Geburt des Kindes bekommt. Dabei sollte es um das Glück gehen und die Liebe und all das. Nicht darum, wer am Schnellsten wieder wie vorher aussieht. Und wenn sich der Körper verändert und danach einfach anders aussieht, dann ist das auch nicht schlimm, sondern ganz normal in Anbetracht der Tatsache, was er für ein Wunder vollbracht hat. Das ist doch etwas Tolles! Warum wird das durch diese ganzen Oberflächlichkeit so herab gestuft? Wie seht ihr das? Habt ihr diesen Druck selbst spüren müssen? Habt ihr das Gefühl, es wäre ein Wettkampf (auf Instagram und im realen Leben?). #loveyourselffirstproject

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Fembroidery

Hier wird Kunst und Empowerment neu gedacht. In detailreicher Handarbeit werden in neuem-alten Stil Holzrahmen mit Stoff bespannt, um sie anschließend mit Worten zu bezaubern. Eindrucksvolle Verzierungen spielen dabei eine wichtige Rolle – nur unschwer lässt sich erkennen: jeder Stich sitzt! Die Leitgedanken der Künstlerin – fight racism, smash patriarchy and be a rebel girl – finden sich auch in den Stickereien wieder. Ziemlich große Sache!

Your productivity doesn't define your worth.

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Das war die erste Runde, but: there is more to come! Es war unmöglich, euch von allen Menschen in einem Post zu erzählen, deshalb wird’s eine kleine aber feine Artikel-Serie geben. Früher oder später erfährt ihr hier mehr über meine Lieblings-Instagramseiten– bis dahin:

take care of yourself and be proud of yourself!

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Wenn Frauen nur sexy Lampen sind

Frauen sind im Film unterrepräsentiert. Während der Befassung mit Filmwissenschaften und Gender Studies wird aber deutlich, wie verschroben die Rolle der Frau im Film tatsächlich ist. Deshalb wurden einige Tests entwickelt, mit deren Hilfe auf diese Problematik aufmerksam gemacht werden soll. Mit dem Bechdel-Test, dem Mako Mori-Test und dem Sexy Lamp-Test möchte ich euch in diesem Beitrag bekannt machen. 

Wozu überhaupt diese Tests? Die Stereotypisierung der Frau im Film soll durch solche Tests verdeutlicht werden. Sie sollen darauf hinweisen, wie viele Frauen im Film nur passive Platzhalter sind. Sinn der Tests ist vor allem eine Kritik an der Filmindustrie auszusprechen, ein Bewusstsein für die Darstellung der Frau zu wecken und damit eine Diskussion zu eröffnen.

Aber Achtung: Filme, die die Tests bestehen, sind nicht automatisch qualitative oder feministische Filme. Die Tests geben keine Auskunft über den Gesamtgehalt des Films. Sie sollen lediglich die absurden Umstände bei der Darstellung der Frau im Film aufzeigen.

Der Bechdel-Test

Der Bechdel-Test wurde von Liz Wallace konzipiert. Erstmals hat er jedoch Aufmerksamkeit erfahren, als er im Comic ‚The Rule‘ aus „Dykes To Watch Out For“ (siehe weiter unten) von Alison Bechdel thematisiert wurde.
Der Bechdel-Test kann auf jeden Film angewandt werden und besteht aus drei einfachen Fragen. Wenn die Fragen positiv beantwortet werden können, hat der Film den Test bestanden.

1. Gibt es mindestens zwei Frauenrollen?

2. Sprechen sie miteinander?

3. Unterhalten sie sich über etwas anderes, als einen Mann?


Obwohl die Fragestellungen und Anforderungen des Bechdel-Tests sogar fast lächerlich einfach wirken, bestehen ihn viele Filme, wie beispielsweise Step Up All In, Fantastic Four oder die gesamte Lord Of The Rings Trilogie, nicht. Das zeigt auf, wie männerzentriert der Blick der Filmindustrie ist und wie passiv und abhängig Frauen folglich inszeniert werden. Filme wie  Goodfellas, Some Like It Hot oder Black Swan bestehen den Bechdel-Test aber sehr wohl.
Eine ausführliche Liste aller Filme, die den Test bestanden und nicht bestanden haben, findet sich hier. Außerdem hat die Seite pass the bechdel test ein Bechdel-Test-Quiz bereitgestellt. Bei dem Quiz kann man versuchen zu erraten, welche bekannten Filme den Test wohl bestehen und welche nicht. Am Ende gibt es dann die Auflösung. Hier gehts zum Quiz.

Der Bechdel-Test konzentriert sich darauf, die einfachsten Grundlagen der Filmindustrie zu verdeutlichen. Die folgenden zwei Tests fokussieren sich aber mehr darauf, welche Relevanz die weibliche Figur in der Handlung bekommt. Manchmal tauchen Frauen im Film nämlich nur als Sexobjekte auf. Für die Geschichte sind sie dabei völlig irrelevant. Der Mako Mori-Test und der Sexy Lamp-Test fragen deshalb nach der Einarbeitung der Frau in den Plot. Der Bechdel-Test fragt vergleichsweise nach der grundlegenden Anwesenheit der Frau im Film.

Der Mako Mori-Test

Der Mako Mori-Test wurde 2013 von der Tumblr Userin Chaila auf Grundlage des Films Pacific Rim entwickelt. Der Film hatte den Bechdel-Test nicht bestanden, obwohl die dynamische Frauenfigur Mako eine starke Story darin hatte. Deshalb erweiterte Chaila den Bechdel-Test. Dabei konzentrierte sie sich mehr auf die Relevanz der Frau im Film.

1.  Gibt es mindestens eine weibliche Figur im Film? 

2. Hat sie ihren eigenen Handlungsstrang? 

3. Geht es in diesem Handlungsstrang um sie selbst oder unterstützt sie doch nur die Geschichte des männlichen Helden?

Die Repräsentation der Frau steht beim Mako Mori-Test also im Mittelpunkt und der Test berücksichtigt folglich weibliche Storylines. Der Test zeigt, dass es wichtig ist, dass auch eine Frau dieselbe heldenhafte Reise durchlebt, die normalerweise nur bei männlichen Protagonisten erzählt wird. Der Mako Mori-Test hebt dadurch Filme wie beispielsweise Pacific Rim, Star Wars und Gravity hervor, die wichtige Frauenfiguren erschaffen haben, den Bechdel-Test aber dennoch nicht bestehen.

In folgendem Video erklärt Rowan Ellis nochmal genauer den Unterschied zwischen dem Bechdel- und dem Mako Mori-Test und hebt ihre Pros und Contras hervor:

Der Sexy Lamp-Test

Der Sexy Lamp-Test wurde von Kelly Sue DeConnick aus einem Witz heraus entwickelt und bezieht sich auf die Lampe aus dem Film A Christmas Story. In Fragen der Objektifizierung der Frau ist der Test jedoch nützlich geworden. Bei diesem Test geht es darum, dass weibliche Charaktere manchmal keine Relevanz für die filmische Handlung haben und somit machtlos sind. Die Frau wird dabei nur als das aufreizende Accessoire inszeniert und soll sexy für den Blick des Mannes und des Zuschauers sein. Der Sexy Lamp-Test besteht deshalb aus einer einzigen Frage:

Wenn du den weiblichen Charakter mit einer sexy Lampe ersetzt, funktioniert die Story in ihren Grundlagen trotzdem?  

Durch den Test fällt auf, dass viele weibliche Charaktere in Filmen nichts handlungsrelevantes machen oder sagen. Ihre Charaktere sind billig zusammengewürfelt und haben keine Wirkung in der Handlung. Sie werden nur als Objekt in den Blick der Kamera genommen. DeConnick will mit dem Test darauf aufmerksam machen, dass beim Filmemachen in Hollywood grundlegende Probleme auftreten, die nicht auftreten müssten, wenn man realistischere Figuren entwerfen würde. Frauen sollten integrale Bestandteile der Geschichte sein, so dass ihre Abwesenheit die Story verändern würde.

Obwohl bei den Avengers beispielsweise Natasha und Maria nicht miteinander sprechen, sind sie relevant für das Geschehen. Ohne ihren Handlungen würde der Film nicht funktionieren können. Der Film besteht den Test.
Filme, die den Sexy Lamp Test aber beispielsweise nicht bestehen sind: The Great Gatsby, Killers und Man of Steel.

„As an industry, we have to make more female-led books that are actually worth buying. Nevermind the Bechdel test, try this: if you can replace your female character with a sexy lamp and the story still basically works, maybe you need another draft. They have to be protagonists, not devices. [Before anyone flips out on me, can I point out that I said we need to make “more.” I didn’t say we’re not making them. We’re making them. Industry-wide, we are making them–but we need to make more.]“ Kelly Sue DeConnick

Hier bespricht DeConnick ihre Meinung zu starken Figuren in Filmen:

Zusammen sind wir stark

Die Tests selbst an Filmen auszuprobieren, ist sehr interessant. Meiner Meinung nach funktionieren sie am aufschlussreichsten, wenn sie alle gemeinsam angewendet werden. Sie balancieren sich gegenseitig aus und bieten in ihrer Kombination einen sehr deutlichen Blick auf die Darstellung der Frau im Film. Der Bechdel-Test achtet darauf, dass nicht nur eine starke Frau neben fünfzig starken Männern im Film eingesetzt wird. Der Mako Mori-Test achtet andererseits darauf, dass die repräsentierten Frauen eine Relevanz und Unabhängigkeit im Film haben. Und der Sexy Lamp-Test setzt die Grenzen zwischen Requisite und Mensch, Handeln und Bezirzen und gibt damit einen klaren Rahmen vor.
Schlussfolgernd zeigt allein die Existenz dieser Tests, dass wir mehr Filme brauchen, in denen Frauen als die menschlichen Wesen inszeniert werden, die sie sind. Filme, in denen Frauen die Relevanz zugestanden wird, die sie im wahren Leben haben. Und Filme, die Frauen zeigen, dass sie repräsentiert werden.

 

 women are more than props. 

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Jungs, mit Schnurrbart lebt ihr länger! #movember

Im sogenannten MOvember tun wir etwas für Männergesundheit. Und dagegen, dass Männer so früh sterben! Die sogenannte Krise der Männlichkeit umfasst nämlich auch das Gesundheitsbewusstsein. Genau dafür setzt sich die Movember Foundation ein.

 

 

Der Begriff Movember setzt sich aus November und Moustache, der französischen Bezeichnung für Schnurrbart, zusammen. Der Schnurrbart ist ein männliches Symbol. Er soll im Aktionszeitraum November getragen werden. Durch den Aufruf soll Awareness für das Thema Männergesundheit erhöht werden. Denn die Lebenserwartung der Geschlechter klafft weit auseinander. In der Kriegs- und Nachkriegsgeneration überlebten Frauen ihre Männer oft um ein oder sogar zwei Jahrzehnte. Die Unterschiede sind aber längst nicht mehr auf Kriege und harte körperliche Arbeit zurückzuführen. Wir sterben immer noch durchschnittlich sechs Jahre früher. Dagegen müssen wir etwas unternehmen!

 

 

Männliches Bewusstsein

Gesundheitsbewusstsein lautet das Stichwort. Frauen gehen weitaus häufiger und früher zum Arzt. Und das betrifft nicht nur den regelmäßig Gang zum Gynäkologen (ab Mitte 40 wird übrigens auch Männern eine regelmäßige urologische Vorsorgeuntersuchung stark empfohlen). Frauen nutzen auch weitaus mehr gesundheitsfördernde Maßnahmen und Programme.  Das Bewusstsein für Ernährung, Gewichtsreduktion, psychische und emotionale Gesundheit ist bei Frauen um einiges höher. Ähnlich verhält es sich bei den Gefahren: Männer konsumieren weitaus mehr Alkohol, Zigaretten und Cholesterin und wehren sich häufiger gegen gesundheitliche Empfehlungen.

Gesundheitsverantwortung liegt in der klassischen Rollenaufteilung eher bei der Frau. Nicht nur für die Kinder, sondern auch für sich selbst. Das männliche Selbstbild verlangt noch zu sehr, auch zu offenkundigen Gefahren zu trotzen und sich gegen gesundheitliche Empfehlungen zu wehren. Das betrifft allgemeine Risikobereitschaft (im Verkehr wie bei Hobbies), aber auch Ernährung und Work-Life-Balance. Es ist jedoch wichtig, in medizinischen wie psychischen oder emotionalen Fragen Hilfe zu suchen oder annehmen zu können! In diesen Sachen können wir noch einiges lernen. Genauso aber auch, unseren männlichen Freunden und Kollegen mit Verständnis und Unterstützung zu begegnen.

 

Genau dafür wirbt der Movember. Dafür trage ich doch gerne einen Schnurrbart!
(Zumindest 30 Tage im Jahr  :-p  )

 

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Patrick Catuz, Autor, Feministische PornographiePatrick Catuz ist Autor, Filmemacher und Kulturarbeiter und lebt in Wien. Er ist Doktorand an der Universität für angewandte Kunst Wien.
Er ist Autor des Buches „Feminismus fickt!“, das sich mit den Perspektiven feministischer Pornographie beschäftigt und produziert gegenwärtig bei Arthouse Vienna feministische, queere und künstlerische Pornographie.

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Du bist der Typ in der dunklen Gasse (#metoo)

Sexuelle Übergriffe sind der Alltag vieler Frauen. Ich glaube sogar fast aller. Man kann es sich als Mann kaum vorstellen. Ich konnte es nicht. Bis ich mit vielen Frauen in meinem Umfeld gesprochen habe. Nun weiß ich: Ich bin der Typ in der dunklen Gasse. 

Es ist nicht so, dass ich zuvor nichts davon gewusst hätte. Ich habe eine sehr frühe Erinnerung an die Erfahrungen meiner Mutter damit. Sie hat viel mit mir gesprochen und mir dadurch vermitteln können, was da passiert und wie es zu bewerten ist. So etwas wird oft relativiert. Sie tat es nie. Ich war mir der Sache also bewusst. Nichtsdestoweniger habe ich erst vor Kurzem verstanden, was das wirklich für Frauen bedeutet. Und mein eigenes Verhalten dadurch besser hinterfragen können.

Frauen bewegen sich anders im öffentlichen Raum. Sie haben ein stärkeres Bewusstsein dafür, Zielscheibe für Angriffe werden zu können. Sie sind dermaßen gewöhnt, darüber nachdenken zu müssen, ob sie alleine in einem Abteil sind, ob sich noch jemand im Parkhaus befindet oder welche Wege sie in der Nacht nehmen, dass es vielen fast schon normal vorkommt. Es wird alltäglich. Genauso alltäglich, wie die Erwartung, beim Ausgehen aggressiv angequatscht oder betatscht zu werden.

Männer nehmen das gar nicht wahr. Kein Wunder, ihnen geht es ja auch nicht so. Klar, kann Männern auch etwas passieren, ich wurde auch schon überfallen. Aber die Bedrohung eines Angriffes ist nicht so alltäglich, wie für Frauen.
Ich muss mich nicht fürchten, wenn ich alleine in der U-Bahn bin. Ich muss beim Ausgehen nicht die ganze Zeit meinen Drink im Auge behalten. Wenn ich die Familie besuche, nehme ich nach dem Ausgehen häufig einen 15-minütigen Weg in fast vollkommener Dunkelheit. Da trifft man eigentlich nie jemanden und wenn, dann ist es ein betrunkener Typ. Ich höre sogar meistens Musik und wäre ein leichtes Ziel. Nur: Männer sind halt kein Ziel. Manchmal ist mir dabei vielleicht etwas mulmig, wirklich Angst habe ich nicht.
Nicht, weil Männer keine Angst haben. Sondern, weil sie keine Angst haben müssen.

Frauen haben jedoch gute Gründe dazu. Freundinnen und Bekannte haben mir erzählt, dass sie auf der Straße, der Schlange vor dem Klub, und sogar bei Tageslicht und selbst in öffentlichen Verkehrsmitteln von Männer bedrängt, betatscht, verfolgt werden. Sie lauern ihnen auf, klettern über Toilettenwände, holen den Penis raus (vor allem Öffis sind scheinbar ein beliebter Raum für diese fragwürdige Freizeitbeschäftigung).
Auch wenn nicht immer ein physischer Angriff passiert: Es ist bedrohlich. Dabei sind es fast ausschließlich immer Männer. So werden Männer zu etwas Bedrohlichem. Wegen Männern, die zu weit gehen. Männern, die aggressiv sind. Männern, die Frauen nicht ernst nehmen. Männer, die Grenzen nicht akzeptieren. Männern, die nicht zuhören, wenn sie „Nein“ sagen.
Außer vielleicht anderen Männern, auf die sie hören würden, wie folgendes Posting zeigt. Vielleicht sollten deshalb auch mehr Männer damit anfangen, anders über diese Themen zu reden.

 

Aber ich bin doch gar nicht so einer

Was konnte ich daraus lernen? Ich bin und war doch nie so ein Mann. Dennoch gehöre ich zu der Gruppe, die diese Angriffe verübt. Ich profitiere von den Privilegien, die sich daraus ergeben, ein Mann zu sein. Ich bin aber auch von den Fehlleistungen betroffen, denn ich gehöre dazu. Ich werde als ebenjene Bedrohung wahrgenommen. Davon kann ich mich nicht freisprechen (auch wenn ich es selbst nicht getan habe).

Ist das nicht ein Pauschalurteil über Männer? Weil ja nicht alle Männer so sind? Das wäre zu einfach. Klar, es sind nicht alle Männer so. Aber es sind leider fast nur Männer. Sind wir nicht auch Opfer? Es gibt ja auch (sexuelle) Gewalt gegen Männer. Ja, die gibt es leider auch. Aber die geht meistens auch von Männern aus. Die einzigen (wenigen) Male, die ich in meinem Leben von Catcalling betroffen war, sexuell bedrängt oder sogar betatscht wurde, waren (fast) ausschließlich Männer. Die Frage ist nicht nur, warum Frauen Opfer werden. Die Frage ist, warum so viele Männer Täter werden. 

Dass so viele Frauen diese Erfahrungen machen müssen, tut mir unglaublich Leid. Und ich schäme mich dafür. Es ist nicht unser Platz, uns jetzt zurückzulehnen mit dem Verweis, man habe ja (persönlich, individuell) nichts falsch gemacht. Es liegt in unserer Verantwortung, etwas daran zu ändern. Mit unserem Verhalten gegenüber Frauen, aber vor allem auch gegenüber anderen Männern.
Was soll ich gegenüber Frauen ändern, wenn ich eh nicht so ein Creep bin? Ich habe es zum Beispiel in mein Verhalten im öffentlichen Raum miteinzubeziehen. Ich kann die Straßenseite wechseln, wenn mir in einer dunklen Straße in der Nacht eine Frau entgegenkommt und sonst niemand da ist. Nicht, weil sie das sonst müsste, ich tu ja niemandem was. Aber deshalb, weil sie das nicht weiß. Sie kann nicht in meine Seele blicken. Für sie bin ich nur irgendein Typ in der Nacht. Wie einer, der vielen anderen, die sie in so einer Situation schon einmal bedrängt haben. Ich kann es nicht ändern, dass viele Arschlöcher diese Ängste geprägt haben. Ich kann nicht ändern, dass diese Erwartungshaltung jetzt mich trifft. Aber ich kann mich für sie weniger bedrohlich machen. Denn ein Mann in einer dunklen Straße ist leider eine Bedrohung für Frauen. Und das bin ich dann in diesem Moment schlicht und einfach. Ein Typ in einer dunklen Straße. 

#metoo, der Typ in der dunklen Gasse

Wir müssen uns aber auch unter Männern anders verhalten. Dahingehend, wie man (vor allem unter Männern) über Frauen spricht, aber auch über Männer, die sich falsch gegenüber Frauen verhalten. Vor allem wenn es um das Relativieren oder Entschuldigen von eigenem oder dem Fehlverhalten anderer Männer geht. Dass man ein „Nein“ nicht akzeptiert. Nicht noch fünf mal fragt, wenn sie nicht mit dir ausgehen möchte. Ihr nicht hinterherläuft. Sie nicht anmotzt oder Zicke nennt, wenn sie nicht mit dir sprechen möchte (weil du eh so ein leiwander Typ bist). Ihr glaubt, wenn sie erzählt, was ihr passiert ist. Die Schuld nicht bei ihr sucht, sondern beim Typen. Sich fragt, was man anders machen könnte.
Wir werden ernsthaft über uns selbst nachdenken müssen. Über die Größenordnung des Problems kann sich nun jedeR in den sozialen Medien selbst ein Bild machen.

#metoo

Bereits 2013 Drang die Debatte mit #aufschrei in das öffentliche Bewusstsein. Gebracht hat es schon etwas, geändert hat sich seither leider wenig. Im Gegenteil, es scheint beinahe so, als wären chauvinistische Politiker wieder in Mode. „Grab her by the pussy“ hat Trump auf seinem Weg in’s Oval Office kaum geschadet. In Österreich erwartet uns mit dem Sieg der Rechtspopulisten bei der Wahl eine Reise in die frauenpolitische Steinzeit. Es sind öffentliche Zeichen, welches Rollenbild als erfolgreich vermittelt wird. Es hat Konsequenzen. Der Archetypus starker Mann, der sich nimmt, was er möchte, scheint wieder gefragt. Das gibt jenen Aufwind, die meinen, sie könnten sich anderer bemächtigen. Sei es aufgrund ihres Geschlechtes, ihres Kontostandes, ihrer beruflichen Position oder ihres politischen Einflusses (traditionell alles eher ein white Dude).

Nun bricht das Thema wieder in das öffentliche Bewusstsein ein. Alyssa Milano rief im Anschluss an den Weinstein-Skandal dazu auf, Frauen sollten den Hashtag #metoo nutzen, wenn sie sexuelle Übergriffe erlebt haben. Aktivistin Tarana Burke ist Erfinderin der Aktion. Unzählige Frauen posteten daraufhin den Hashtag in den sozialen Medien. Es braucht offenbar immer erst eine Flut tausender öffentlicher Stimmen, damit es Gehör findet. Die feministische Autorin Anne Wizorek drückte es in ihrem Tweet treffend aus:

Es ist leider so, dass viele Menschen offensichtlich eines starken Exempels bedürfen, um sich der Größenordnung eines Problems bewusst zu werden. Nämlich, dass Frauen von Männern viel zu oft wie Freiwild betrachtet und behandelt werden. Und die Gesellschaft lässt es ihnen durchgehen. Vom Typen auf der Straße, bis hin zum mächtigsten Mann der Welt.
Es ist nicht so, als wüssten wir das alles nicht. Die Statistiken kennen wir. Nur leider reicht das offensichtlich nicht, um uns betroffen zu fühlen. In den sozialen Medien sehen wir nicht nur viele Postings, wir sehen vor allem viele Frauen, die wir kennen, mit denselben Erfahrungen. Es bedarf offensichtlich der Stimmen von Bekannten, Freundinnen, Müttern, Schwestern, Tanten, damit endlich genug Anteilnahme besteht, dass ein solches Anliegen eine breitere Unterstützung erfährt.

Ich hoffe, dass sich damit auch mehr Männer dafür gewinnen lassen, offen und direkt dagegen vorzugehen. Wir sind in der besten Position, das zu tun. Genau dort, wo das Problem seine Wurzel hat. Unter Männern.

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Patrick Catuz, Autor, Feministische PornographiePatrick Catuz ist Autor, Filmemacher und Kulturarbeiter und lebt in Wien. Er ist Doktorand an der Universität für angewandte Kunst Wien.
Er ist Autor des Buches „Feminismus fickt!“, das sich mit den Perspektiven feministischer Pornographie beschäftigt und produziert gegenwärtig bei Arthouse Vienna feministische, queere und künstlerische Pornographie.

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„You alone are enough. You have nothing to prove to anybody.“ Maya Angelou

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Der Unterschied zwischen SEXY und SEXISTISCH

Sexy oder Sexistisch? Immer wieder, wenn die Werbewirtschaft die Grenze ihrer eigenen „Sex sells“ Logik wieder einmal überspannt, entbrennt eine Debatte. Sie zeigt, wie wenig selbst JournalistInnen oder PolitikerInnen den Unterschied zwischen „sexy“ und „sexistisch“ eigentlich einschätzen können.

Die Initiative PinkStinks hat dafür Plakate und Sticker entworfen, die den Unterschied klarmachen. Tata, Überraschung: Es ist der Kontext! Auf dem Bild sitzt das Model leicht bekleidet auf einem Stuhl. Auf dem einen wird der BH beworben, die Nacktheit macht Sinn aufgrund des beworbenen Objektes, den eine potenzielle Käuferin erwerben möchte. Beim anderen geht es um den Stuhl, die Nacktheit der Frau wird selbst zum dekorativen Objekt.
PinkStinks ist eine Initiative, die sich gegen sexistische Medien, Gender Marketing und Sexismus in der Werbung engagiert und versucht, gegen limitierende Geschlechterrollen vorzugehen. Das tun sie mit eigenen Kampagnen, Aufklärung aber auch Lobbying.

Auf der Website der Kampagne erklären sie es selbst sehr anschaulich:

 

„Sexualisierung ist nicht per se diskriminierend. Sie kann aber diskriminierend sein, und dann ist es Sexismus. Immer noch scheinen sehr wenig Menschen zu verstehen, dass Sexismus nicht „irgendwas mit Sex oder nackter Haut“ ist. Im Gegenteil: In den 60er Jahren haben unsere Mütter noch hart dafür kämpfen müssen, im Minirock auf die Straße gehen zu dürfen. Es geht uns also nicht darum, nackte Haut von den Straßen zu verbannen, sondern klar zu machen, dass eine Frau noch so wenig anhaben kann oder so viel, wie sie will: Sie gehört respektiert. Mit ihrem halbnackten Körper jedoch Sessel, Hundefutter oder Würstchen zu verkaufen, ist erniedrigend. Eigentlich ist es ganz einfach: Setzen wir doch einfach einen Mann in schicker Boxershorts auf den Sessel und schreiben den Preis der Boxershorts auf. Dann probieren wir den Sessel mit seinem schönen Körper zu verkaufen. Geht nicht? Wirkt irgendwie abwertend? Eben.“

Stevie, Nils, Lisa, Annina und Anja von PinkStinks

Ein paar Beispiele aus der Werbung. Anklicken zum Vergrößern:


Wie ist es mit „sexy oder sexistisch“ im Biz?

Das Problem ist nicht die Sexualisierung selbst. Auch keine Objektivierung, die für Begehren grundsätzlich notwendig ist. Deshalb verwehren wir uns ja gegen eine pauschale Verurteilung des Porno als sexistisch. Auch wenn der Porno ganz offensichtlich mit der sexuellen Attraktivität Geschäft macht. Die Frage ist, wie es umgesetzt wird. Der Unterschied ist, dass zwischen gleichberechtigten Partnern, zwischen zwei Subjekten der Lust, wenn man so möchte, die Objektivierung gegenseitig verläuft. Ohne, dass eine Seite den Subjektstatus ganz aufgeben muss und nur noch zum Objekt degradiert wird. In einfachen Worten: Sehen und gesehen werden, begehren und begehrt werden!

Das Problem ist der Kontext, der traditionell sehr einseitigen Blickrichtung vom Mann zur Frau und der Frau, die auf ihre Objektiviertheit reduziert wird. Und der Kontext, in dem es eingesetzt wird. Vor allem in der Werbung. Diese triviale Sexualisierung ist eine Erniedrigung, welche die Frau einer Ware unterstellt. Die Frau des Porno verwendet ihren Körper immerhin noch um ihrer Lust willen. Selbst wenn ihre Lust im heterosexistischen Mainstream oft gänzlich verkannt und der männlichen unterstellt wird.  In der Werbung dient ihr sexualisierter Körper aber tatsächlich allein dem Kommerz, dem Absatz der Ware. Vielleicht sogar als Ware, als eben jener Dekogegenstand auf dem Stuhl.

Gleichzeitig haben wir einen zuwiderlaufenden Trend. Die Werbung konnte früher noch offener sexistisch werben, wohingegen Nacktheit und Sexualisierung deutlich zugenommen haben. Ein Trick der Werbewirtschaft ist es, uns Sexualisierung als Empowerment zu verkaufen. Das kann sie auch sein, ist sie aber nicht per se. Wenn Nacktheit oder Sex an sich nicht das Problem sein kann, so kann sie auch nicht ein Heilsbringer sein. Und wir werden uns von Fall zu Fall den Kontext ansehen müssen.

Und wie PinkStinks zeigt, ist es eigentlich gar nicht so schwer.

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Meine Lieblingsbeleidigungen im Netz

Beleidigungen im Netz, Internettrolle

Ich bin nun schon seit einigen Jahren Public Speaker zu bestimmten Themen. Ich werde dazu eingeladen, Vorträge und Workshops zu halten, aber auch, um in Diskussionsrunden zu debattieren. Vom Publikum vor Ort bekommt man eigentlich meist positives Feedback oder sehr sachte formulierte Kritik – selbst wenn es beispielsweise um Feminismus in eher konservativem Umfeld geht. Sicher nicht, weil ich so toll bin. Ich glaube, das passiert, weil die meisten Leute eher positive Kontakte suchen, sich wohl eher hinterrücks das Maul zerreißen als im Angesicht. Im Netzzeitalter landet immer mehr davon als Video in den sozialen Medien. Und da sollen die Leute mit den Inhalten interagieren. Das tun sie auch. Und wie!

Vor allem bei unpopulären Themen wie Feminismus oder kritische Männlichkeit ruft man eine ganze Trollarmee auf den Plan. Ich habe vor ein paar Jahren einen kontroversen Tedx Talk zum Thema „I’m a man. I’m a feminist. I do porn.“ gehalten und YouTube hasst mich dafür. Mich? Kleiner Scherz. Ich weiß recht gut, dass ich das nicht persönlich nehmen muss. Das Internet hasst Feminismus. Und doch spiegelt das nur die allgemeine Stimmung in dem rechtskonservativen Backlash, den wir die letzten Jahre erleben. Nur im Netz kann sich dieser Hass offen entladen.

Überall dort, wo die Menschen meinen, es gäbe keine Konsequenzen für ihr antisoziales oder aggressives Verhalten, finden sich offenbar genug Leute, die nicht einmal im Ansatz an einer sachlichen Debatte interessiert sind. Sie sehen es viel eher als Gelegenheit, ihre eigenen Frustrationen abladen zu können. Umso negativer ein Thema in der Gesellschaft besetzt ist, umso mehr schafft dies einen Raum, rücksichtslos um sich zu treten. Das sehen wir in der Flüchtlingsdebatte, so auch im Feminismus.

Ich beschwere mich ja gar nicht! Ich bekomme bei so einem unbeliebten Thema wie Feminismus schon genug Schulterklopfen, weil ich ein Mann bin, der sich dafür einsetzt. So wie Mütter für die Kindesobsorge nicht gelobt werden, ein Mann der aber einmal Windeln wechselt gleich als Hero gefeiert wird. Dennoch ist nicht alles nett, was einem da entgegenschlägt. Ich nehm’s mal mit Humor.

 

Meine Lieblingsbeleidigungen in Internet:

 

„Pussy whipped“
(Klingt doch heißt, wenn ihr mich fragt)

 

„ungevögelter Sack“
(Sack könnte stimmen)

 

„feminazi“
(Feminismus ist – noch – keine Nationalität)

 

„Du bist eine Schande für den stolzen Typus Mann“
(Make a man great again!)

 

„dumb as fuck“
(fuck as dumb klingt irgendwie nach ’ner besseren Idee)

 

„Du bist so ein ekelhaft verschwulter lappen“
(Kennen wir uns?)

 

„…werd wieder das was du bist, ein Mann.“
(Ich soll werden, was ich bin? Philosophisch!)

 

„Junge Junge, lass dir Eier wachsen…“
(Am Eierbaum?)

 

„der ist doch einfach nur schwul!“
(ich hab auch nichts dagegen, als hetero verwechselt zu werden!)

 

„gush du tschusch“
(Meint er den ehemaligen amerikanischen Präsidenten George Gush?)

 

„schlimmer als die ISIS“
(Vielleicht ein klein wenig hinkender Vergleich)

 

„mangina“
(ist das, wenn ein Mann ’ne Angina hat? War etwas verkühlt aber sonst geht’s gut, danke der Nachfrage!)

 

„pretentious hipster douchebag“
(ok, ich glaub das war ein Kompliment!)

 

Ein besonders großer Stein des Anstoßes war dieser Talk aus dem Jahr 2015. Auf YouTube geht’s ja bekanntlich voll ab, was Trolle betrifft. Und er wird wohl noch weiterhin für Feedback sorgen:

Alles in allem bin ichTEDxKlagenfurt dankbar, dass sie das Video immer noch online lassen, obwohl es ihnen wohl nicht viele neue Subscriptions bringt. Damit ist die Message noch draußen!

Und ich kann mich wieder meinem Hauptberuf widmen, meine Hipster-Douchebagness zu kultivieren  😉

 

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Patrick Catuz, Autor, Feministische PornographiePatrick Catuz ist Autor, Filmemacher und Kulturarbeiter und lebt in Wien. Er ist Doktorand an der Universität für angewandte Kunst Wien.
Er ist Autor des Buches „Feminismus fickt!“, das sich mit den Perspektiven feministischer Pornographie beschäftigt und produziert gegenwärtig bei Arthouse Vienna feministische, queere und künstlerische Pornographie.

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Mythos Jungfrau

Der Mythos um das Jungfernhäutchen hat sich lange gehalten und auch heute sprechen noch viele davon. Als handle es sich dabei um die Krone der weiblichen Sexualität. Dieses Siegel der Jungfräulichkeit gibt es aber gar nicht und hat es auch nie gegeben. Es existiert lediglich ein vaginales Korona. 

 

Vaginales was?  

Die Vorstellung, dass eine dünne Haut die Vagina „verschließt“ und beim ersten Geschlechtsverkehr vom Penis durchstoßen wird, geistert noch in vielen Köpfen herum. Das Bild einer jungfräulichen, durch ein dünnes Häutchen versiegelten Vagina ist schlichtweg falsch und erfordert eine Richtigstellung. Anatomisch kann viel eher von einem vaginalen Korona gesprochen werden. Es handelt sich um einen Begriff der in Schweden schon 2009 in den offiziellen Sprachwortschatz aufgenommen wurde. In diesem Video, das in Zusammenarbeit mit dem Verein Holla e.V. und der Youtuberin Lu Likes von Pinkstinks entstanden ist, wird klargestellt, dass das Vaginale Korona alias „Jungfernhäutchen“ in den meisten Fällen nicht den Scheideneingang abschließt, sondern lediglich ein mehr oder weniger stark ausgeprägter Schleimhautkranz ist, der ein evolutionäres Überbleibsel darstellt.

 

 

Dieser Schleimhautkranz kann unterschiedlich aussehen. Das ist ganz normal. Problematisch wird es, wenn das „Hymen“ so ausgebildet ist, dass es die Vagina (fast) vollständig abschließt und somit verhindert, dass Menstruationsblut abfließen kann. Durch den Verschluss entzündet sich das Blut und verursacht Beschwerden. Die sind ähnlich wie beispielsweise Bauchschmerzen. Diese Situation bedarf einer gynäkologischen Abklärung und möglicherweise eines operativen Eingriffes. Problematische Ausprägungen der vaginalen Korona sind jedoch die Ausnahme und stellen auf keinen Fall die Mehrheit dar.

 

Jungfrau bis zum ersten Mal?

Die neue Sicht auf das „Jungfernhäutchen“ hilft nicht nur Frauen* selbst, ein anderes Bild über ihren Körper zu bekommen, sondern wirkt sich auch positiv auf das mystifizierte erste Mal aus. Ohne Jungfernhäutchen gibt es das erste Mal nämlich nicht. Ein erstes Mal würde bedeuten, dass es einen „Startpunkt“ der Sexualität gibt. Das Durchstoßen dieses ominösen, nicht vorhandenen Jungfernhäutchens würde dann den Anfang dieser Ära einläuten. Es wird aber mit dem ersten Geschlechtsverkehr nicht der Beginn der eigenen Sexualität eingeläutet. Die beginnt nämlich schon im Mutterleib, wenn das kleine Früchtchen erkennt, dass es Spaß macht, mit dem eigenen Geschlechtsteil zu spielen.

Diese neuen Erkenntnisse lassen auch das problematische und verstörende Gerede, dass es ersten Mal aufgrund des Durchstoßens des „Jungfernhäutchens“ weh tun muss, in Luft auflösen. Es kann beim Geschlechtsverkehr auch mal zu (leichten) Schmerzen oder einem Ziehen kommen. Das soll aber auf keinen Fall überwiegen. Sollten es zu Schmerzen bei sexueller Interaktion, Petting oder ähnlichem kommen und zum dauernden Begleiter werden, ist es sinnvoll, den Rat einer Gynäkologin oder eines Gynäkologen einzuholen.

Daran schließt auch die Frage an, ob Mädchen/Frauen beim ersten Mal, dass es eigentlich gar nicht gibt, bluten (müssen)? In Studien konnte erforscht werden, dass es nur bei 50% der Mädchen/Frauen beim ersten penetrativen vaginalen Geschlechtsverkehr zu Schmierblutungen kommt. Bei einer stärkeren Blutung ist zumeist eine Verletzung in der Scheide die Ursache. Oft ist es aus unterschiedlichen Gründen erwünscht, beim ersten Mal zu bluten. Da dies aber nicht erzwungen werden kann, wird auch mal mit Kunstblut Abhilfe geschaffen werden. Eine Hymenrekonstruktion, die nie dagewesenes wiederherstellen soll, liegt erschreckenderweise stark im Trend. Immer mehr Mädchen entschließen sich zu dieser Operation. Diese Prozedur zählt zu den Schönheits-OPs und findet unter Vollnarkose statt. Nicht ausgeschlossen sind dabei unterschiedlich starke Nebenwirkungen. Jungen Mädchen und Frauen wird vorgegaukelt, durch diesen Eingriff erhielten sie ihre Jungfräulichkeit wieder zurück. Die erfolgreiche Rückgewinnung von etwas, das man nie hatte.

 

Nichts gerissen?

Da es kein Jungfernhäutchen gibt und sich das Konzept Jungfräulichkeit auch nur jemand ausgedacht hat, kann NIEMAND – auch keine Gynäkologin bzw. kein Gynäkologe – erkennen, ob jemand schon einmal, oder wie oft, Geschlechtsverkehr hatte. Wie auch? Ist ja nichts da, das „reißen“ oder sich in seiner Form verändern könnte. Die Schleimhautfalten, alias das vaginale Korona, sind so ausgebildet, dass sie sich problemlos dehnen und wieder zusammenziehen können.

Viele Frauen* fühlen sich unsicher über das Aussehen ihrer Vulva (die äußeren Teile des weiblichen Geschlechtsorgans). Das muss aber nicht sein. Genau wie jeder anderer Körperteil sehen auch Vulven unterschiedlich aus. Die inneren und äußeren Labien, die Klitoris oder der Venushügel, können in Form, Farbe und Größe variieren. So wie auch Nase, Ellbogen und Bauchnabel von Person zu Person anders aussieht.

 

All Clits are beautiful! 

 

 

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Mehr dazu: 

Die aktuelle Printausgabe des Missy Magazines widmet sich in einem ausführlichen Artikel diesem Stückchen Haut und schmeißt die alten Mythen beim Fenster raus. Das interkulturelle Frauen und Mädchen Gesundheitszentrum Holla e.V. aus Köln beschäftigt sich mit diesem Thema und brachte die Broschüre „Mythos Jungfernhäutchen“ heraus.

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Sophie König ist ausgebildete Sexualpädagogin und macht den Master in Gender Studies an der Universität Wien.

Sie beschäftigt sich mit Themen wie Bodyimage, Sex und Geschlechterparität.

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Feminismus und Gender Studies, eine Zerreißprobe?

Das Verhältnis zwischen Feminismus und Gender Studies wird gerade kontrovers debattiert. „Sargnagel der Frauenemanzipation“ nannte die EMMA die Gender Studies. DieZeit wollte daraufhin prompt den War of the Giants heraufbeschwören. Wie ist das Verhältnis zwischen Feminismus und Gender Studies? Wie ist es historisch gewachsen? Gender-Bashing kennen wir ja vom Stammtisch, aber warum kommt da jetzt so harsche Kritik ausgerechnet von einer feministischen Seite?

Feminismus und Gender Studies – Politik und Forschung

Wenn Feminismus das politische Projekt der Emanzipation ist, so sind die Gender Studies ihr analytisches Standbein, so die Soziologin Sabine Hark. Sie sind ein Teil des Feminismus, wenn auch nicht im politischen Aktivismus. Sie sind historisch betrachtet aus der Frauenbewegung entstanden. Frauen forderten lange eine Teilhabe an akademischen Institutionen, auch als Wissenschaftssubjekt. Damit wollten sie auch die Dekonstruktion der Geschlechterordnung auf den Plan bringen. Was in den 70er Jahren als Frauenforschung etabliert wurde, entwickelte sich zu Frauen- und Geschlechterstudien und wurde schließlich in den 90er Jahren zu den Gender Studies. Das passte zum wissenschaftlichen Diskurs, zum damals stark rezipierten Poststrukturalismus und der Konjunktur der Cultural Studies. Andererseits passte die Entwicklung auch immer zum jeweiligen politischen Paradigma. Hatte sich der Second Wave des Feminismus in den 70er Jahren noch an einen  Identitätsbegriff „Frau“ gewandt, so wurde die Perspektive mit der Third Wave um einiges komplexer. Neue Themenfelder kamen hinzu.

Dass der Feminismus ab den frühen 70er Jahren akademisch geworden ist, liegt also an den Bemühungen der Frauenbewegung. Es ist ein feminist turn in der Wissenschaftsgeschichte und ein academic turn im Feminismus. Sabine Hark schlüsselt die Geschichte dieser Institutionalisierung in ihrem Buch Dissidente Partizipation auf. Es war eine wichtige und notwendige feministische Errungenschaft. Teilhabe ist überhaupt erst Voraussetzung dafür, etwas verändern zu können. Sollte auch im Wissenschaftsapparat gegen Sexismus gearbeitet werden, musste er feministisch besetzt werden. An immer mehr Universitäten konnte ein entsprechendes Kursangebot realisiert werden. Der Wandel von Frauenforschung zu Gender Studies passt zu jenem vom Differenzfeminismus des Second Wave zum intersektionalen Feminismus des Third Wave. Beide Seiten haben sich ganz offensichtlich immer gegenseitig beeinflusst.

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Die Soziologin Sabine Hark zum Verhältnis von Feminismus und Gender Studies: 

Sabine Hark, Gender Studies und Feminismus, purpurr.atSabine Hark ist Soziologin und Leiterin des Zentrums für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung (ZIFG) an der TU Berlin. Sie beschäftigt sich beispielsweise mit der Institutionalisierung des Feminismus, Grenzen lesbischer Identitäten oder feministischen Perspektiven auf Prekarisierung.

Sie bloggt auf feministische-studien.de

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Gender-Bashing ausgerechnet aus dem Feminismus?

Bekämpft der Feminismus nun seine eigene Errungenschaft? Im Gender-Bashing der EMMA heißt es in etwa „Im Gender-Clan herrscht einzig ein Judith-Butler-Monolog“, „Warum untersuchen die Gender-Studies nicht das Frauenbild von Moscheepredigern?“ oder auch „Das Studium der Gender Studies macht die Studierenden nicht schlauer“. Nun ist weder Judith Butler Dauerthema in den Gender Studies, noch ist es so abwegig, dass das Frauenbild in spezifischen Bereichen der muslimen Community tatsächlich untersucht wurde. Bei all den Untersuchungen, die über Jahrzehnte auf der ganzen Welt stattfanden, ist davon sogar stark auszugehen. Die Themenvielfalt der Gender Studies ist immens. Ich selbst lehrte fast zwei Jahre lang zu Pornographie. Und es war wahrlich kein Judith Butler Lesekreis.

Davon auszugehen, dass Gender Studies nicht schlauer machen würden, ist aus feministischer Perspektive fatal. Die Gender Studies sind das Forschungsprojekt des Feminismus. Dort wird keine Politik betrieben, sondern versucht, Politik zu dekonstruieren – Geschlechterpolitik nämlich. So wie sie in Kultur, Gesellschaft, Medien erkennbar ist. Es ist ein institutionalisiertes Werkzeug, aus dem politische Maßnahmen und Strategien abgeleitet werden können. Mehr aber auch nicht. Politik ist nicht Aufgabe der Wissenschaft. Sie forscht. Doch das ist schon wichtig genug. Denn Gender Studies zerlegen gesellschaftliche Verhältnisse in ihre Einzelteile. Sie erklären uns, wie das Ganze zusammengesetzt ist und wie es funktioniert. Sie schlüsseln Ungleichverhältnisse auf und zeigen Schwachstellen im System (zum Beispiel, dass nicht alles naturgegeben ist). So können wir herausfinden, wo wir ansetzen müssen. Ein politisches Projekt braucht Emotionen. Ohne sachliche Grundlage verkommt sie aber zur Propaganda.

Ein feministischer Populismus entsteht

Da kommen wir dem Verständnis des Konfliktes schon näher.  Zwischen Feminismus und Gender-Studies klafft ein tiefer Graben“ schreibt die EMMA. Allerdings macht das nur Sinn, wenn Alice Schwarzer und EMMA der Feminismus sind. Viel eher handelt es sich nur um einen Feminismus. Und zwar einen weißen, reichen Mittelstandsfeminismus, der von den Tendenzen des übrigen Mittelstandes eben auch nicht gefeit ist. So geraten sie immer mehr in die Emotionslage rechten Fahrwassers. Und werden selbst zu einem populistischen Organ.

Schwarzer selbst verwendet seit Jahren Begriffe wie „die Moslems“, „der Islam“, „die Flüchtlinge“. Sie verwendet diese Worte wenig differenziert, beinahe synonym und schert alle über einen Kamm. Und das, obwohl es fast zwei Milliarden Moslems auf der Welt gibt. Selbst „Flüchtlinge“ ist viel zu pauschal, weil damit mittlerweile umgangssprachlich nicht nur anerkannte Flüchtlinge gemeint werden. Und selbst die kommen aus so vielen Ländern und aus diesen wiederum aus so vielen Schichten, Religionen, Einkommensklassen, Bildungsschichten, dass schlichtweg nicht von einer Kultur, einem Frauenbild gesprochen werden kann.
Das ist ihr alles Wurst. Alice Schwarzer argumentiert genau so undifferenziert wie der Rechtspopulismus und schürt Ressentiments. Da ist sie mit ihren Ansichten ja nicht gerade in feministischer Gesellschaft. Die AfDs und FPÖs dieser Welt klopfen ihr plötzlich auf die Schulter. Und ihr wird viel feministische Kritik zu teil. Warum tut sie das?

Womöglich schwimmt sie auf der Welle einer populären politischen Stimmung mit, um in die Medien zu kommen. Sie ist nicht mehr einziges Sprachrohr des Feminismus, da ist Aufmerksamkeit umso teurer und Populismus ein probates Mittel. Andererseits ist evident, dass sie eh rechtskonservative Feministin ist und diese Positionen genau ihr Ding zu sein scheinen. Es handelt sich ja auch um Differenzfeminismus, der pauschal von Frauen spricht. Der Second Wave des Feminismus hat viel stärker mit einfachen, starren Kategorien gearbeitet. Damit konnte politisch auch viel errungen werden. Nur ist mittlerweile die Gesellschaft stärker ausgefächert, unser Verständnis von Identität viel komplexer geworden. Insofern wird sie sich von einem liberalen, queeren oder intersektionalen Feminismus noch länger anhören müssen, islamophob, rassistisch oder homophob zu argumentieren. Denn dieser Sachverhalt liegt schlichtweg vor, wenn einer größeren Gruppe anhand eines Merkmales (wie zum Beispiel Religion, Hautfarbe, Herkunft, sexuelle Orientierung, Geschlecht, …) automatisch andere Merkmale oder Verhaltensweisen zugeschrieben werden. Dann haben wir einen -ismus. It’s as easy as that!

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Sabine Hark zu der Frage, warum jetzt ausgerechnet von feministischer Seite Antigenderismus betrieben wird: 

Divide et impere!

Alice Scharzer und die EMMA sehen sich immer noch als einzig legitimes Sprachrohr des Feminismus. Doch sie fühlen sich in ihrer Allmacht über feministische Diskurse zunehmend bedroht. Durch ihren islamophoben und populistischen Diktus wurde ihr viel feministische Kritik zuteil, vor allem von queerfeministischer Seite und den Gender Studies. Dass sie sich nicht ernsthaft der Kritik stellen, ist zwar kindisch, der Widerspruch gegenüber anderen feministischen Positionen ist dennoch legitim. Wir brauchen diese Diskussionen. Dass sie aber versuchen, Queerfeminismus und Gender Studies vom Feminismus abzuspalten, weil es ihre Deutungshoheit bedroht, ist für die Bewegung hochproblematisch. Wir werden nämlich trotz aller Differenzen wieder an einem Strang ziehen müssen, wenn es um gemeinsame Interessen geht.

Dann werden wir nämlich alle Kräfte brauchen.

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Dissidente Partizipation, Sabine Hark, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2005

Mehr zur Geschichte der Institutionalisierung des Feminismus in:

 

Hark, Sabine: Dissidente Partizipation.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main. 2005.

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Patrick Catuz, Autor, Feministische PornographiePatrick Catuz ist Autor, Filmemacher und Kulturarbeiter und lebt in Wien. Er ist Doktorand an der Universität für angewandte Kunst Wien.
Er ist Autor des Buches „Feminismus fickt!“, das sich mit den Perspektiven feministischer Pornographie beschäftigt und produziert gegenwärtig bei Arthouse Vienna feministische, queere und künstlerische Pornographie.

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„Women embracing their sexuality should never be a reason to disregard their intellect.“ —  Lauren Jauregui for Vulkan

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Was bedeutet Was? Der Sexualitäten-Guide

 

Während Sexualität ein immer offeneres Thema wird und sich dadurch ihr Rahmen erweitert, wissen viele Leute nicht, welcher Ausdruck eigentlich welche sexuelle Orientierung oder Identität beschreibt. In diesem Sexualitäten-Guide sollen die grundlegenden Begriffe verschiedenster Sexualitäten und Lebensweisen erklärt werden.

 

Heterosexualität 
Bei der Heterosexualität wird sexuelles Begehren und romantische Liebe ausschließlich für das andere Geschlecht empfunden. Mann und Frau finden dabei zueinander.

 

 

Homosexualität 
Bei der Homosexualität gilt das sexuelle und romantische Interesse, den Personen des eigenen Geschlechts. Mann trifft auf Mann, Frau auf Frau.

 

 

Bisexualität  
Bei der Bisexualität können Gefühle romantischer und sexueller Natur beiden Geschlechtern gegenüber empfunden werden. Dabei kann sich also eine Frau oder ein Mann in einen Mann, als auch in eine Frau verlieben, und mit dieser oder diesem sexuell verkehren.

 

 

Polysexualität  
Poly bedeutet viele und stammt aus dem Griechischen. Polysexualität geht folglich über das Interesse an beiden Geschlechtern (biologische Frauen und Männer) hinaus. Polysexualität bezieht sich nämlich auf das Entwickeln-Können romantischer und erotischer Gefühle gegenüber Männern, Frauen, Transsexuellen, Intersexuellen und auch Menschen, die sich selbst keiner dieser Sexualitäten zuordnen. Dabei fühlen sich polysexuelle Menschen nicht zwingend von allen – sondern meist nur von einigen – dieser Sexualitäten angezogen. Alle Sexualitäten liegen jedoch im Möglichkeitsbereich.

 

 

Pansexualität  
Pansexualität ist sozusagen die Weiterführung der Polysexualität. Pansexuelle Menschen können sich nämlich zu jeder Geschlechtsidentität hingezogen fühlen und auch für jede romantische Gefühle entwickeln. Alle Personen liegen also im Bereich des Möglichen, um für sie Gefühle von romantischem, als auch sexuellem Interesse empfinden zu können.

 


Asexualität
Asexuelle Menschen haben kein Interesse an Sex. Sie verzichten nicht freiwillig auf Sex, obwohl sie sexuelle Motivation verspüren, sondern empfinden schlichtweg keinen sexuellen Drang. Asexualität schließt jedoch romantische Nähe nicht aus. Asexuelle Personen können daher auch hetero-, homo- oder biromantisch sein. Nur erotisches Verlangen und das Bedürfnis danach fällt weg.

 


Intersexualität
Als intersexuelle Personen werden diejenigen verstanden, die wegen genetischer, anatomischer und hormoneller Gründe Merkmale des weiblichen, als auch des männlichen Geschlechts haben. Intersexuelle Menschen sind folglich biologisch gesehen, weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuzuordnen, denn sie weisen die Einzigartigkeit beider auf.

 

 

Polyamorie  
Polyamorie bezeichnet zwar an sich keine sexuelle Ausrichtung oder Geschlechts-Identität, fällt aber dennoch in den Bereich wichtiger Begriffe, wenn es um bestimmte Lebensweisen und erotische und romantische Praxen geht.
Poly kommt aus dem Griechischen und bedeutet „viele oder mehrere“. Amor aus dem Lateinischen und bezeichnet „Liebe“.  Polyamorie begründet also die Liebe zu vielen und folglich eine offene Beziehungsform, bei der mehr als ein Mensch zur selben Zeit geliebt werden kann. Wissen, Einverständnis, Kommunikation und Vertrauen sind dabei wichtige Werte, denn alle beteiligten Personen müssen die Situation kennen und sich damit wohl fühlen. Polyamoröse Beziehungen haben dabei viele verschiedene Konstellationsmöglichkeiten (zB.: eine Gruppe aus mehreren Menschen, die sich alle lieben und sexuell miteinander verkehren; oder nur eine Person die Verliebtheit und Zärtlichkeit mit zwei anderen teilt; oder Personengruppen, die nur romantische und keine sexuellen Bindungen eingehen,…). Für alle gilt, dass die Beteiligten mit der Situation einverstanden sind. Darüber hinaus ist Polyamorie offensichtlich nicht auf bestimmte Sexualitäten eingeschränkt. Menschen verschiedenster sexueller Ausrichtungen leben in polyamorösen Beziehungen.

 

Transgender und Transsexualität  

Transsexualität und Transgender werden oft zusammengefasst, obwohl die Begriffe nicht dasselbe bezeichnen. Um die beiden Ausdrücke zu erklären, ist es wichtig zwischen dem körperlichen Geschlecht (Transsexualität) und dem sozialen Geschlecht (Transgender/Gender) zu unterscheiden. Man kann beispielsweise einfach formuliert sagen, dass Sexualität eine Frage des Körpers und Gender eine der Gedanken und Einstellungen ist.
Achtung: wie man merkt, kann der Begriff gender nicht wortwörtlich als „Geschlecht“ übersetzt werden, da er viel mehr bedeutet, als das körperliche Geschlecht (englisch: sex).

Transsexualität
Transsexualität bezieht sich auf den Körper und nicht auf die sexuelle Ausrichtung. Transsexuelle Menschen verändern ihr biologisches Geschlecht, denn sie werden, in das für sie falsche Geschlecht geboren.
Ein Beispiel: Eine Person, die körperlich weibliche Merkmale aufzeigt, spürt, dass sie eigentlich ein Junge ist. Der Körper, in den er geboren wurde, stimmt mit seinem Inneren nicht überein. Ein Junge ist demnach im Körper eines Mädchens gefangen. Er war immer schon ein Junge. Die Einkategorisierung als Mädchen macht ihn nicht zu diesem.
Die Begriffe Transfrau (eine Person, die mit männlichen Geschlechtsmerkmalen geboren wurde, sich aber als Frau identifiziert) und Transmann (eine Person, die mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen geboren wurde, sich aber als Mann identifiziert) sind dabei wichtig. Personen, die sich mit dem Geschlecht identifizieren, mit dem sie geboren wurden, nennt man Cis: Cismann und Cisfrau.

 

Transgender
Gender bezeichnet hingegen das soziale Geschlecht und bezieht sich folglich auf Identität, Benehmen, Ausdruck, Selbstempfinden und Selbstgestaltung. Gender ist außerdem nicht-binär und kann daher viele Formen annehmen. Transgender (wie der Name schon sagt) bewegt sich in eben diesem fluiden und komplexen Raum, in dem es mehr als nur zwei Geschlechter (Mann und Frau) und stattdessen viele Zwischenformen gibt.
Trans-gender bedeutet folglich: eine andersgeschlechtliche oder geschlechtsneutrale Geschlechtsidentität.
Eine Person, die sich als Transgender identifiziert, kann beispielsweise ein Mann sein, der sich zu Frauen hingezogen fühlt, aber ebenfalls cross-dressing (sich dem anderen Geschlecht entsprechend zu kleiden) ausübt.
Auch wenn Transgender in vielen Formen auftreten kann, haben alle Transgender-Personen gemeinsam, dass sie alternativen und nicht-binären Konzepten von Maskulinität und Femininität folgen (wollen). Gender entspricht außerdem- so wie Transsexualität- keiner sexuellen Orientierung. Transgender-Personen können also hetero, bisexuell, homosexuell, asexuell,… sein.

 

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Internationaler Tag des weiblichen Orgasmus

Schönen internationalen Tag des weiblichen Orgasmus!

Wozu so ein Tag? Er befindet sich seit 2002 in unseren Kalendern und wurde in Brasilien ausgerufen. Er erinnert an das Recht eines jeden Menschen auf den sexuellen Höhepunkt. Es geht um einen offenen Zugang zu Sexualität und den eigenen Bedürfnissen. Es ist eine gute Erinnerung daran, dass der Orgasmus physisch, emotional, wie psychohygienisch allen Menschen gut tut. Doch mit den Bedürfnissen wird nicht immer gleich umgegangen. Männern wird mehr zugestanden. Weit verbreitet ist leider immer noch die Annahme, der Orgasmus wäre für die Frau weniger wichtig als für den Mann. Heterosexuelle Paare finden es oft weitaus gewöhnlicher, dass sie öfter nicht oder sogar nur selten kommt, als dass er auch nur ein mal keinen Orgasmus hätte. Der Sex wird allgemein am Mann ausgerichtet, der Sex endet mit seinem Orgasmus (im Porno übrigens auch).
Die weibliche Lust führt in unserer Gesellschaft immer noch ein Dasein im Schatten des männlichen Begehrens. Das geht bis zu Klischees, nur Männer wären an Sex interessiert (oder Männer nur an Sex interessiert) und Frauen an Liebe und Bindung. Frauen sollten sich ihrer Lust nicht schämen müssen, sondern darüber sprechen, sie ausleben können und sie kultivieren!

Lange Zeit wurde Frauen überhaupt die Lust abgesprochen. Damit einher ging, dass ihr Geschlecht quasi unsichtbar gemacht wurde.

 

Umdeutungen des weiblichen Genitalen

Ich habe mich dafür entschlossen, ein Bild mit etwas saftigem, fruchtigem zu wählen. Welch schönes Sinnbild! Doch es ist auch historisch relevant: Die Feige ist ein altes Symbol für das weibliche Genitale. Vom Lateinischen Wort für Feige (fica) kommt auch das deutsche Wort für „ficken“ oder das Englische „to fuck“.
Die Feige stand lange für die Vulva. Die Vulva ist ein Begriff, der sich auf das Sichtbare der weiblichen Geschlechtsorgane bezieht, also auf Klitoris und Lippen. Es deutet etwas Lustvollen und Lebendiges an.

Früher wurde das weibliche Geschlecht als Kraft- und Lebensspender betrachtet. Im Christentum wurde es symbolisch umgedeutet. Primäres Symbol wurde das Herz, die weibliche Lust als leidend und schmerzhaft konnotiert. Man sieht es daran, dass die Mutter Maria ab diesem Zeitpunkt häufig mit Schwertern im Herzen dargestellt wurde. Hierher rührt die semantische Verwandtschaft mit dem Ausdruck der Scheide auch für das weibliche Genitale. In unserer Kultur ist es noch weit verankert die weibliche Sexualität als schmerzhaft und kompliziert wahrzunehmen. Weit verbreitet ist auch der Mythos, das erste Mal tue immer weh oder es sei normal, dass Frauen öfter beim Sex Schmerzen haben. Sinnvoller wäre es zu überlegen, ob wir vielleicht falsch mit Sex und unseren Körpern umgehen. Und ob es angenehmere, lustvollere Wege gäbe, uns zu begegnen.

So wurde der Frau aber nicht nur ihre Lust geraubt und symbolisch durch einen Leidensweg ersetzt, ihr wurde gleich ihr ganzes Geschlecht genommen. Gebräuchliche Worte und Symbole richteten sich fortan nicht mehr an die Vulva aus. Wir beziehen uns zumeist auf die Vagina. Diese bezeichnet aber einen unsichtbaren Part, einen im Inneren, nämlich jenen, zwischen Eingang und Gebärmutter. Die Unsichtbarkeit des weiblichen Geschlechts spiegelt ihre Marginalisierung in der Gesellschaft wieder und ist Sinnbild für unseren misogynen Umgang mit weiblicher Lust. Letztendlich aber auch mit Sexualität im Allgemeinen, ist erfüllter Sex doch ein Geben und Nehmen, um für alle Teilnehmenden eine schöne Erfahrung zu sein.

Deshalb: Gehen wir auf eine Reise zur weiblichen Lust, zum weiblichen Genitalen und zu einer genussvollen, saftigen Sexualität!

 

Viva la Vulva!

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Auf einmal heißt es „große Töchter“? Frauenfußball in Österreich

Frauenfußball, das ÖFB-Team erfolgreich bei der EURO

Die EURO der Frauen hat eine regelrechte Euphorie ausgelöst. Frauenfußball scheint in Österreich einen Durchbruch geschafft zu haben. Gleichzeitig kam es zu umso größeren sexistischen Reflexen. 

Wie Martin Blumenau treffend festgestellt hat, kamen die schlimmsten Rülpser dieses mal aber nicht unbedingt von den Rechtskonservativen, die sofort das Fähnchen im Wind wendeten und sich im Erfolg sonnten. Der Chauvinismus kam aus dem liberalen oder linken Bereich. Einen Fehlgriff leistete beispielsweise der Falter. Dieser betonte die Unterschiede zu den Männern und stellte den Frauen ein sportlich mangelhaftes Zeugnis aus. Er erwähnt nicht, dass unser Herrenteam meilenweit von einem EURO-Halbfinale entfernt ist, ja auch noch nie ein Spiel bei einer Europameisterschaft gewinnen konnte. Es wird ein Unterschied in Physis, Taktik oder Technik behauptet, um die männliche Überlegenheit zu betonen. Und damit letztlich die eigene, die Kommentatoren sind nämlich auch immer Männer. Der betreffende Autor ist übrigens kein Sport-Analytiker, sondern schreibt beispielsweise über das Maibaumstehlen, Man-Caves (männliche homosoziale Räume für Hobbies) oder Guns N’Roses.

Frauenfußball darf scheinbar nicht für sich stehen

Man würde weder beim Skisport noch beim Tennis einen Vergleich anstrengen. Für sich genommen war die EURO äußerst spannend, der Fußball taktisch hochklassig (wie bei Mannschaften wie Österreich oder Dänemark) oder physisch stark, dynamisch und schnell (wie bei England oder Holland). Kann man das so stehen lassen? Ist der Frauenfußball nur „das Andere“ des Männerfußballs? Muss man über männliche Leistungen auch dann noch reden, wenn es um Frauenfußball geht? In der Leichtathletik kommt auch niemand auf die Idee, Leistungen zu vergleichen. Es stimmt, dass Männer in manchen Bereichen die höheren Spitzenwerte erreichen, geht es in etwa um Schnelligkeit oder Kraft. Bei Beweglichkeit ist es beispielsweise umgekehrt. Aber interessieren diese Daten? Und was sagen sie aus? Spitzenwerte spezifischer Männer drücken nicht aus, dass jeder Mann schneller oder stärker oder unbeweglicher als jede Frau sei. Außerdem drückt es nicht technische oder taktische Finesse aus. Für die Beurteilung selbiger ist die breite Masse des Publikums und leider auch des hiesigen Journalismus ohnehin nicht kompetent genug, um ein qualifiziertes Urteil treffen zu können.

Es drückt auch nichts darüber aus, was für das Publikums- und Medienspektakel Fußball genauso relevant ist: Emotion und Spannung. Und beides war definitiv gegeben. Das sahen bei diesem Turnier viele Menschen so. Zumindest wenn das eigene Land beteiligt ist und man bei den Siegerinnen sein kann. Endlich einmal. Vielleicht kamen diese unsinnigen Diskussionen, die letztlich nur sexistische Annahmen hinter dem Schleier sachlicher Argumente sind, genau deshalb weit seltener von rechtskonservative Seite. Von Jeannée bis Gabalier feuerte man das Team an und war stolz auf die „großen Töchter“.

Unsere großen Töchter

Soll ich das „unsere“ oder das „große Töchter“ in Anführungszeichen stellen? Frauenfußball hat diese Leute nie interessiert. Jetzt, wo es Siege zu feiern gab, sind es auf einmal „unsere“ Erfolge. Das kennt man ja. Aber „große Töchter“? Das spielt doch auf eine bestimmte Kontroverse an?! Dieser Begriff wurde damit von ebenjener Seite in’s Spiel gebracht, der so erbittert an der alten Hymne festhielt und um chauvinistische Kommentare nicht verlegen war. Gabalier weigerte sich einst, die Töchter in der Hymne zu besingen. Nun sagte in einem Facebook-Video, Österreich sei ein Land „großer Töchter“ und „…des muss man jetzt wirklich einmal sagen!“
Hat der Erfolg des Teams etwa sogar den Hymnenstreit beigelegt? Wir werden sehen.

Eher zu erwarten ist, dass es blanker Nationalismus war und weniger mit der Anerkennung weiblicher Leistungen zu tun hatte. Das könnte sich bei nächster Gelegenheit wieder mehr als deutlich zeigen, vielleicht sogar beim Thema Frauenfußball, sollten die Leistungen wieder abfallen. Ich würde in dieser Sache lieber unrecht behalten. Jedoch hat Gabalier sein Video auch wieder gelöscht.

Auf jeden Fall haben ganz viele Menschen festgestellt, dass es Spaß machen kann, Frauenfußball zu schauen. Und das macht die Sache für Frauen, die Fußball spielen wollen, in Zukunft hoffentlich noch ein Stückchen leichter. Vielleicht haben einige Mädchen gesehen, wie cool es ist, Fußball zu spielen. Und einige Eltern, dass es ok ist, wenn Mädchen das wollen. Fußball ist gut für das Selbstbewusstsein, lehrt Respekt vor anderen, stärkt den Kampfgeist, lehrt Niederlagen zu akzeptiert und vermittelt Teamgeist. Das sind keine männlichen Tugenden. Es sind menschliche.

Frauen spielen Fußball. Wenn du Frauen respektierst und Sport respektierst, so kannst du nur Respekt vor Frauenfußball haben.

 

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„I am definitely a feminist. I am fucking disgusted by the way women are treated.“
Kurt Cobain
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Why I started doing porn!

Von der Opernsängerin zur Pornoproduzentin: Mit Arthouse Vienna ist Adrineh Simonian einen radikalen Berufswechsel eingegangen und erklärt in ihrem VLOG die Hintergründe ihrer Entscheidung. 

 

In der ersten Folge ihres VLOGS spricht Adrineh mit Selbsthumor über ihre Karriere, ihr Interesse an Pornografie, und ihre Arbeit an der alternativen Pornoseite Arthouse Vienna.
Mit Hilfe des VLOGS möchte sie tabuisierten Themen eine Plattform geben, um besprochen und gehört zu werden. Viele Leute wissen nur wenig über Sex und noch weniger über ihre eigene Sexualität. Durch den VLOG soll diese Lücke geschlossen werden und auch verpönte Themen sollen offen und ehrlich behandelt werden. Also: stay tuned!

 

„I want to break the silence and give an input to talk about sex.“

 

 

 

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Wie funktioniert der Mainstream-Porno?

Wir hören zwar immer wieder die Begriffe Mainstream-Porno und Mainstream-Pornografie, aber was macht eigentlich einen Mainstream-Porno zu einem Mainstream-Porno? Welche Filme sind damit gemeint, und welchen Regeln folgen sie?

Die Grundpfeiler des Mainstream-Pornos

Zunächst wird der Mainstream-Porno auch als Hardcore-Porno bezeichnet. Er „richtet sich […] an den Geschmack einer großen (männlichen und heterosexuellen) Masse und behandelt daher keine speziellen Themen wie beispielsweise Sadomasochismus (S/M) oder Fäkalspiele (Natursex oder Kaviar), die wiederum eigene Subgenres bilden.“ (Lüdtke-Pilger)
Die wichtigsten Praktiken des Mainstream-Pornos sind: Vaginal-, Oral- und Analsex. Fisting beziehungsweise die Penetration mit der Hand und doppelte Penetration sind zwar im Standardmotiv der Mainstream-Pornografie nicht enthalten, aber trotzdem üblich. Der Mainstream-Porno findet meist im heterosexuellen Rahmen statt, Sequenzen zwischen Darstellerinnen boomen dennoch.

Der folgende Grundsatz des Mainstream-Pornos ist jedoch am wichtigsten: Er basiert auf der „Frau, die immer will“ und dem „Mann, der immer kann“ (Lüdtke-Pilger). Während der Mann im Mainstream-Porno vor Potenz strotzt, will die willige und sexhungrige Frau immerzu befriedigt werden. Die Signale dieser Eigenschaften werden beispielsweise durch das ununterbrochene Stöhnen der Frau im Porno demonstriert, die gar nicht genug bekommen kann. Der Mann hingegen kann sich dabei ihrer immer wieder bemächtigen und ihre Grenzen durchbrechen.

 


Die drei Kategorien des Mainstream-Pornos

Laut Werner Faulstich kann anhand der Kategorien von Konkretheit, Wirklichkeitspräsentanz und Strukturiertheit das Schema der Mainstream-Pornografie zusammengefasst werden:

1. Konkretheit

Konkretheit bezieht sich auf die direkte sexuelle Handlung und den sofortigen Beginn des Sex im Porno ohne jegliche vorangehende Spannungsentwicklung. Die Darsteller*innen sind dabei auf ihre bloße Geschlechtlichkeit reduziert.

„Pornografie ist blosse Oberfläche. Anonymität. Frigidität. Eine Rein-Raus-Routine, bei der das Dargestellte das Vorgestellte dominiert.“ (Maurer)

Die gezeigten Körper und ihre sexuellen Interaktionen werden also so explizit und plötzlich gezeigt, dass sie jeglichen Raum für Fantasie wegnehmen. Wegen der Orientierung der Mainstream-Pornografie an Körpern (und nicht an Individualität) werden die Darsteller*innen austauschbar, anonym und beliebig. Sie sind de-personalisiert. Um also zu kaschieren, dass sich die Handlung in jedem Mainstream-Porno eigentlich immer wiederholt, werden immer neue Darsteller*innen herangezogen, um die Illusion einer Neuigkeit aufrecht zu erhalten.

Bei diesem Schema zeigt sich die Paradoxie der männlichen Funktion: Der Mann führt im Porno zwar den Blick des Nutzers und ist Träger der Handlung, seine Individualisierung würde dem Zuseher jedoch im Weg stehen. Der Mann im Porno ist deshalb lediglich dadurch charakterisiert, einen Penis zu besitzen. Er ist also auf seinen Penis reduziert. Der Rezipient identifiziert sich mit der Handlung und nicht den Eigenschaften des Mannes. Die Darstellung des restlichen Körpers wird also überflüssig. Denn je geringer sich die Individualisierung des männlichen Darstellers hält, desto eher kann der Zuseher ihn in seiner Fantasie durch sich selbst ersetzen. Dadurch wird das Gefühl erweckt, als würden beide mit der selben Frau verkehren. Frauen werden hingegen stark durch äußerliche Merkmale (Brüste, Haare, Dessous,…) herausgehoben, und stehen im Blickmittelpunkt, um als begehrtes Objekt funktionieren zu können.

 

 

2. Wirklichkeitspräsentanz

Die Wirklichkeitspräsentanz des Mainstream-Pornos zielt auf die tatsächlich ausgeführte sexuelle Praktik. Alles wird detailliert gezeigt, immerhin findet der Sex zwischen den Darsteller*innen tatsächlich statt. Dadurch rutscht der Mainstream-Porno in eine Art Dokumentation, ist aber gleichzeitig eine Inszenierung. Eben diese Mischung aus wirklich Dargestelltem und Inszeniertem ist Teil der Ästhetik des Mainstream-Pornos. Im Mainstream-Porno ist also der Begriff „pseudo“ gut zu gebrauchen: er ist nämlich „pseudo-authentisch“

 

3. Strukturiertheit

Die Strukturiertheit bezieht sich als dritter ästhetischer Punkt auf die Fragmentarisierung des Körpers. Der Körper wird also durch filmische Möglichkeiten ganz nah an die Zuseher*innen gebracht. Sex wird dadurch so nah und detailliert wie möglich gezeigt. Sehr direkte Großaufnahmen von Geschlechtsteilen sind die beliebtesten Kameraeinstellungen, die in nahezu jedem Mainstream-Porno Oberhand halten. Vor allem der cum shot, der die extrakorporale Ejakulation des Mannes zeigt, wird fast immer sehr direkt und nah gezeigt.

 

Der Ansatz alternativer Pornografie

Mainstream-Pornografie stützt sich also auf einen Exzess im Zeigen und in der Handlung. Sie deckt durch verschiedenste Methoden die grundlegende Schaulust des Mainstreams, also der Masse, ab. Sie bietet folglich ein realitätsfernes Extrem an, bei dem die Reduktion des Menschen auf seine Oberflächliche, als auch die Fokussierung expliziter Aufnahmen sexueller Handlungen, im Mittelpunkt stehen.
An eben dieser Stelle setzen alternative Porno-Produzent*innen an, die die Regeln der Mainstream-Pornografie umzuwerfen versuchen, um realitätsnähere und ästhetischere Formen von pornografischen Filmen entstehen lassen zu können.

“Porn seems to be a style of filmmaking that is focused solely on sexually graphic and explicit imagery. People love it and it’s proven its popularity, but its specific representation of sex makes all sex seem like this dirty thing. If your only goal is to arouse someone then you should make porn. If you want to try to make someone think or feel something else, you have to create a different set of rules […].“ (Hoffman/ Metoyer)

 

 

Quellen:
Faulstich, Werner, Die Kultur der Pornografie. Kleine Einführung in Geschichte, Medien, Ästhetik, Markt und Bedeutung, Bardowick: Wissenschaftler – Verlag 1994.
Hoffman Will/ Julius Metoyer, „Love and Lust in LA. Going under the covers in the search for real sex and intimacy“, Nowness , 17.6.2015, https://www.nowness.com/story/love-and-lust-in-la  Zugriff: 24.8.15.
Lewandowski, Sven, Die Pornografie der Gesellschaft , Bielefeld: transcript 2012.
Lüdtke-Pilger, Sabine, Porno statt PorNO!. Die neuen Pornografinnen kommen, Marburg: Schüren Verlag GmbH 2010.
Maurer, Andreas, „Editorial“, Erotik (CINEMA 51) , 2006.Abbildung: Abbildung: Penetration staged for maximum visibility; Williams, Linda, screening sex, Durham and London: Duke University Press 2008, S. 5.
Bildquelle: Diesel Werbung xXx 

 

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„i have always been the woman of my dreams.“

Nayyirah Waheed

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Du willst ein Blind Date? So geht’s

Bei Arthouse Vienna haben wir eine neue Form des Blind Dates erfunden, die seither heiß begehrt wird. Die Kategorie Blind Date öffnet nämlich einen reflektiven, ästhetischen und vor allem blinden Zugang zu Sexualität. Doch wie kann man mitmachen und was passiert hinter den Kulissen?

 

1. WAS?
Die Personen, die sich bei unserem einstündigen Film Blind Date begegnen, haben Sex miteinander ohne sich vorab je gesehen zu haben, noch miteinander gesprochen zu haben, geschweige denn etwas übereinander zu wissen. Das pikante Detail: sie werden sich auch während des Aktes nicht sehen können, da ihnen die Augen verbunden werden. Sie sind reduziert auf ihr Gehör, den Geruchssinn und ihren Tastsinn. Es gibt kein Skript und keine Vorgaben, nur zwei Menschen in einer außergewöhnlichen Situation. Wie sie damit umgehen ist einzig und alleine das Resultat der Persönlichkeit der Einzelpersonen, der Chemie zwischen ihnen und ihrer jeweiligen einzigartigen Dynamik. Wir wollen wissen: wie funktioniert die Psychologie des Sexes?
Um die Gedanken der Personen vor dem Experiment einzufangen, werden sie interviewt, und sprechen dabei unter anderem über ihre Zweifel, Hoffnungen und sexuellen Erwartungen.

 

 

2. WER? 
Um bei Blind Date mitzumachen, solltest du keine Scheu vor dem Gespräch haben, da du dich in einer Interview-Situation wiederfinden wirst. Du kannst folglich auch nicht anonym bleiben und musst damit einverstanden sein, dein Gesicht zu zeigen. Außerdem sollte dir bewusst sein, dass du während der Drehs durchwegs von der Arthouse Vienna-Crew umgeben sein wirst.

 




3. WIE? 
Ganz einfach! Wenn du das einzigartige Erlebnis von Blind Date ausprobieren möchtest, dann meldest du dich am besten bei uns auf Facebook  oder unter office@arthousevienna.at
Nachdem du Kontakt aufgenommen hast, werden wir uns die Zeit nehmen, dich kennen zu lernen, und all deine Fragen zu klären.
Wir werden im Lauf der Zeit folgende Anforderungen an dich stellen:
Wir brauchen einen Nachweis dafür, dass du keine sexuell übertragbaren Krankheiten hast, weshalb wir dich vor dem Dreh zu einem Test schicken werden.
Außerdem lernen wir die Beteiligten gerne vorab bei einem Blackbox-Dreh kennen, um zu sehen, ob sie sich vor den Kameras auch wohl fühlen. Klicke hier um mehr über den Blackbox-Dreh zu erfahren. Wenn sich bei dir kein Blackbox-Dreh zeitlich ausgeht, dann fragen wir dich meist nach Fotos von dir und deinem Körper. Denn wer uns keine Nacktfotos zusenden kann, der wird auch keinen Sex vor der Kamera genießen können.

 

4. WO UND WANN?
Die Location und der Zeitraum sind nicht fix festgelegt. Bei jedem Blind Date-Film werden wir neue Orte für die Interviews und den Akt wählen.

 

 

5. DER DREH 
Der Dreh wird aufgeteilt in den Dreh für das Interview und in den Dreh des sexuellen Akts, die an zwei aufeinanderfolgenden Tagen stattfinden. Beide Drehs finden ohne jegliche Vorgabe und ohne Skript statt. Sowohl das Interview, als auch der Akt, sollen aus dem Moment heraus entstehen und authentisch sein.
Vor beiden Drehs wirst du von unserer Stylistin zurechtgemacht.
Bei beiden Drehs ist außerdem die Arthouse Vienna-Crew im Raum und steht hinter den 4 Kameras bereit, um die schönsten Bilder vom Geschehen einzufangen.
Sobald ihr euch Ertastet und gegenseitig genossen habt und fertig seid, könnt ihr die Augenbinden abnehmen und sehen, was dann passiert.

 

6. WOW WOW WOW 
Wir schneiden das Material zusammen und präsentieren dir eine spannende neue Episode von Blind Date. Im Lauf der Zeit laden wir sie auf unserer Homepage hoch. Jetzt bist du ein Teil von Arthouse Vienna, danke!

 

 

Kontakt über office@arthousevienna.at oder unsere Facebook-Seite.

Making Of:

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Frauenvolksbegehren unterstützen!

Frauenvolksbegehren 2.0

In weniger als zwei Wochen endet das Crowdfunding für das neue Frauenvolksbegehren. Über 90.000€ sind schon gesichert, 100.000€ sind notwendig, oder die gesamte Kohle geht zurück an die Spendenden. Wir werden es noch fleissig weiterverbreiten müssen, wenn wir wollen, dass es durchkommt!

 

Forderungen noch immer nicht erfüllt

Es ist eine Neuauflage des ersten Frauenvolksbegehrens aus dem Jahre 1997, bei dem 650.000 Menschen unterschrieben hatten. Die Politik hat diese breite Unterstützung nicht genutzt, viele Forderungen sind immer noch offen.

 

Die Forderungen umfassen kostenlose und flächendeckende Kinderbetreuung, Ausbau von Gewaltschutzzentren und Frauenhäusern, kostenlose Beratung und Zugang zu Verhütungsmitteln und Schwangerschaftsabbrüchen, Armutsbekämpfung bei Alleinerzieherinnen, Anpassung der Karenz bei Selbstständigkeit, Einstufung der Pflege als selbstständige Arbeit, Anpassung der Notstandshilfe und Mindestsicherung nach individueller Berechnung, Schließen der Einkommensschere, Arbeitszeitverkürzung auf 30 Stunden bei vollem Lohnausgleich, Erhöhung des Mindestlohn, Regulierung sexistischer Abbildungen in der Öffentlichkeit, Beratung, Kompetenzfeststellung und Kinderbetreuung für asylberechtigte Frauen und Hilfe zur Aufnahme der Erwerbstätigkeit, Frauenquote für Leitungsgremien staatlicher und börsennotierter Unternehmen, Bildungs- und Lehrmaterialien ohne Rollenklischees für Kinder und eine Staffelung der Parteienförderung gemäß der Beteiligung an Frauen bis zur Beteiligung von 50%.

Hier könnt ihr alles einzeln genauer nachlesen. 

 

Erst wenn eine Finanzierung sichergestellt ist, geht es an das sammeln der Unterschriften.
Das sollte uns doch am zwanzigsten Jahrestag des Frauenvolksbegehrens gelingen!

 

Hier geht es zur Crowdfunding-Kampagne!

 

(c) Kristina Satori, 22.4.2017, Sprecherinnen Shooting

(c) Kristina Satori

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Was soll das ganze „gendern“?

Was umgangssprachlich mit „gendern“ gemeint wird, bezieht sich eigentlich auf die Verwendung geschlechtersensibler Sprache. Das heißt, darauf zu achten, ob es um Männer oder Frauen oder beide geht. Es bedeutet damit auch das zu bezeichnen, worüber man spricht. Das Wort des „Gendering“ alleine schon drückt eine Vergeschlechtlichung der Sprache aus, also Geschlechteraspekte zu berücksichtigen, die zuvor vernachlässigt wurden. 

Alles Männer, auch die Frauen

Es war lange Usus nur das männliche Fürwort zu verwenden. Früher gab es ja häufig tatsächlich nur (männliche) Politiker oder Ärzte. Frauen waren nicht nur lange von spezifischen Berufen ausgeschlossen, sondern auch von den Möglichkeiten, die entsprechende Bildung zu erfahren. Dass sie es nicht durften, wurde zynisch zu der Behauptung, dass sie es ja nicht könnten.
Nachdem sich Frauen erst nur langsam Zutritt in diese Bereiche verschafften, sah man lange wenig Notwendigkeit, sie nicht einfach auch weiterhin in einer generalisierenden männlichen Bezeichnung „mitzumeinen“.

Das ergibt keinen Sinn mehr. Doch ist das Grund genug, das zu ändern?

Ja. Wer vielleicht einmal zum Geschlechterverhältnis bei Ereignissen vergangener Epochen forschen musste, wird festgestellt haben, dass einige Verwirrungen durch unpräzisen Sprachgebraucht entstehen können. Ob es immer Männer waren, oder gemischte Gruppen, es wurde immer die männliche Form verwendet. Wodurch eben unklar ist, ob denn nun Frauen dabei waren oder es sich um eine rein homosoziale Geschichte handelt. Eine Gleichmacherei.
Vor allem in der wissenschaftlichen Forschung sollte außer Frage stehen, dass man sich klar ausdrückt. Dass die Intentionen eine solche durchzusetzen folgerichtig auch aus dem akademischen Feld kamen, erklärt sich aus der Notwendigkeit der sprachlichen Präzision in der Wissenschaft. Doch das kommt nicht bei allen an.

Aktionsgemeinschaft FAQ zum Thema "gendern"

Aktionsgemeinschaft FAQ zum Thema „gendern“

 

RFS sieht "Genderwahn"

RFS sieht „Genderwahn“

Wo kommen diese Ressentiments her? Woher die starken Emotionen zu einer so schlichten und einfachen Angelegenheit?
Entweder bedarf es einer Verbesserung der Sprachkenntnisse, um diesen Leuten tatsächlich zu vermitteln, welche Begriffe mit einem klaren Artikel versehen sind und welche angepasst werden können oder müssen, oder aber es hat andere Gründe. Viele scheinen die präzise Sprachwahl als Affront zu betrachten. So sehr, dass eine Ministerin wegen der Änderung von ein paar wenigen Worten in der Hymne Morddrohungen erhält. Ebenso eine andere, die einen mittelprächtigen Musikanten an den richtigen Text erinnert.

So groß die Emotionen der männlichen Empörung, so groß ist auch ihre sprachliche Verwirrung:

Genderwahn, Formulierungen, gendern, geschlechtersensible Sprache

 

Es geht mir um’s Partizip!

Sprache hat sich immer schon geändert und es wurde auch immer schon darüber gejammert. Auch das wird sich legen. Früher oder später wird es niemanden mehr jucken. Nun muss ich aber zugeben, dass ich mit geschlechtersensibler Sprache auch nicht ganz glücklich bin. Allerdings fühle ich mich durch sie weder beschnitten, noch stört es meine Lesekompetenz. Da finde ich Comic Sans viel irritierender.

Mit gefällt zum Beispiel nicht, dass nun manchmal die sexuelle Orientierung markiert wird. Im Englischen setzt sich aus diesen Gründen mehr und mehr das „partner“ durch. Das ist im Deutschen nicht ganz so einfach. Ich persönlich bevorzuge geschlechtsneutrale Sprache, also Begriffe, die das Geschlecht gar nicht markieren. Substantivierte Adjektive und Partizipien lösen das Problem, sie haben im Plural keine Genusunterscheidung. Zum Beispiel „Entscheidungstragende“, „Unterstützende“, …ganz ohne Binnen-I, Queerstrich oder Sternchen. Das gefällt mir persönlich optisch besser, aber das ist ja nicht die wichtigste Sache. Und manchmal muss man kleine Umwege nehmen. Denn bevor wir in der Sprache nur mehr von Menschen sprechen, ohne uns auf das Geschlecht beziehen zu müssen, ist es wohl nötig, jene miteinzubeziehen, die vom gängigen Sprachgebrauch unsichtbar gemacht werden.

Als Zwischenschritt, wenn man so will. Und das aus Prinzip!

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Wozu ein Weltfrauentag?

Patrick Catuz, Weltfrauentag, Feminismus braucht Solidarität und keine Blumen

Die Blumen müssen warten. Wozu brauchen wir einen Weltfrauentag? Wozu ein Tag, der uns an eine Gruppe Menschen erinnert, die knapp mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmachen? Eben weil sie eine Minderheit ist. Klingt komisch, ist aber so. Denn Minderheiten zeichnen sich politisch betrachtet nicht durch ihre Anzahl aus, sondern durch ihren Anteil an der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Mitbestimmung. Der Weltfrauentag ist vor über hundert Jahren entstanden und kommt ursprünglich aus den USA. Er wurde als Kampftag um das Wahlrecht der Frau begründet. Initiiert wurde er von Arbeiterinnen, bürgerliche Frauen schlossen sich an. Eine Frauenbewegung über Klassengrenzen hinaus. Heute sagt man Feminismus.

Unter den Nazis wurde er verboten, die standen mehr auf den Muttertag. Das passte besser zu ihrem Frauenbild. Frauen hatten in erster Linie zu gebären und Hausarbeit zu verrichten. Dafür gab es auch Blumen. Nach der Befreiung wurde er wieder eingeführt und fand seither ununterbrochen statt, auch wenn er immer noch als Muttertag missverstanden wird. Viele Menschen fragen sich, wozu wir so einen Tag brauchen. Vor wenigen Jahren plädierte Alice Schwarzer dafür, ihn abzuschaffen. Man solle aus dem Frauentag doch 365 Tage für Menschen machen. Also nichts, denn 365 für Menschen, das ist das Jahr bereits, seit es den Kalender gibt. Alice Schwarzer ist Feministin. Allerdings eine rechtskonservative. Ja, auch das gibt es. Weil es ihr gut geht, braucht sie so einen Tag vielleicht nicht mehr. Andere Frauen haben aber immer noch massive Probleme. Die muslime Frau ist aktuell gerne Feindbild. Aber Muslime basht Frau Schwarzer lieber in der Bild-Zeitung. Das Wahlrecht gab es nur durch Solidarisierung aller Frauen. Und auch die Solidarität der Männer brauchte es dafür. Denn das Wahlrecht für die Frau war in der Schweiz in allen Kantonen überhaupt erst Anfang der 90er Jahre eingeführt, weil eben nur Männer darüber abstimmen durften, weil Frauen ja – welch ein Zufall – kein Wahlrecht hatten. Nicht alle Männer nahmen schließlich Vernunft an, im letzten Kanton mussten die Frauen ihr Stimmrecht einklagen. Man erinnere sich daran, wenn man das nächste mal direkte Demokratie abfeiert. Vor allem bei Minderheitenrechten geht das ganz schön in’s Auge.

Also: Schönen Weltfrauentag! Wo sind die Blumen? Die gibt’s später. Erst nutzen wir den Tag dafür, uns daran zu erinnern, warum wir Feminismus immer noch dringend brauchen:

Der mächtigste Mann der Welt ist ein Typ, der wörtlich gesagt hat, dass man als berühmter Mann mit Frauen machen könne, was man wolle. Man könne sie auch einfach zwischen den Beinen begrapschen. Er hat das unflätiger ausgedruckt, ich wiederhole das lieber nicht. Ihr kennt ja das Video. Auch in Österreich sind antifeministische Ideologen wieder stark. Der Präsidentschaftskandidat Hofer gab ein Buch heraus, dass Frauen daran erinnern sollte, „Brutpflegetrieb“ über Selbstverwirklichung zu stellen. Man sehe sich auch die Emotionen an, welche die Änderung von wenigen Worten in der Hymne ausgelöst haben. Für das Würdigen unserer Töchter hat die Bundesministerin Morddrohungen erhalten. Woher kommt diese zerstörerische Wut?

Genderwahn, Formulierungen, gendern, geschlechtersensible Sprache

Genderwahn, Formulierungen, gendern, geschlechtersensible Sprache

Nein, der Weltfrauentag endete nicht mit dem Wahlrecht, es war erst der Anfang! Gründe, den Feminismus für überholt zu erklären, gibt es nicht. Es sieht sogar recht düster aus. Doch erst im Dunkeln sehen wir, wie hell unser Feuer brennt. Denn bei dieser Gelegenheit konnten wir feststellen, wie stark wir eigentlich sind! Weltweit demonstrierten nach der Amtsübernahme von Trump abertausende Frauen für ihre Rechte. Der Feminismus ist nicht nur wieder um einiges notwendiger geworden, er erlebt auch viel massiveren Zulauf. Und entfaltet eine beeindruckende Stärke. Ein Grund für Optimismus.

Women's March against Trump, Collage

Aber warum haben Frauen Frauen weltweit demonstriert, wenn die Sachen teilweise gar nicht in ihrem Land passiert sind? Aus Solidarität. Aus demselben Grund, aus dem sich schon vor hundert Jahren bürgerliche Frauen den Märschen der Arbeiterinnen angeschlossen haben. Wenn sich nur direkt Betroffene dazu berufen fühlen, werden wir es nicht schaffen, etwas zu ändern. Es ist ein bisserl wie mit der Schweiz: Es ist letzten Endes an den Männern gescheitert, dass das Ganze nicht früher über die Bühne gebracht wurde. Sie können aber auch wichtige Mitstreiter sein, um das Ruder letzten Endes rumzureißen. Es finden sich viele Männer da draußen, die anders denken. Männer, die sich mit feministischen Ideen anfreunden können oder sie gut finden. Sie haben nur noch nicht alle verstanden, dass es sie etwas angeht. Dass sie etwas dafür tun können. Weil es nicht nur die Möglichkeiten für Frauen erweitert, sondern auch die eingeschränkten Rollenbilder für Männer lockert. Und natürlich aus Solidarität. Feminismus ist eine Menschenrechtsbewegung.

Warum ich als Mann ein Feminist bin? Weil es alle Menschen sein sollten.

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Dieser Kommentar erschien ursprünglich in einer leicht abweichenden Version in:
Woman Frauenmagazin

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Patrick Catuz, Autor, Feministische PornographiePatrick Catuz ist Autor, Filmemacher und Kulturarbeiter und lebt in Wien. Er ist Doktorand an der Universität für angewandte Kunst Wien.
Er ist Autor des Buches „Feminismus fickt!“, das sich mit den Perspektiven feministischer Pornographie beschäftigt und produziert gegenwärtig bei Arthouse Vienna feministische, queere und künstlerische Pornographie.

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Das Frauenbild der Flüchtlinge

Frauenbild der Flüchtlinge, BILD, Tim Wolf, Titanic

Foto: Tim Wolff, Titanic Magazin

Das Frauenbild, dass mit den Flüchtlingen die Balkanroute den Weg nach Europa finde, würde uns noch um die Ohren fliegen. So hört man es selbst von Linken und sogar manchen Feministinnen. Die Rechte wünscht uns währenddessen Vergewaltigungen an den Hals. Dabei zeigen beide Seiten eines sehr deutlich: Ihren Rassismus. Und wie wenig sie eigentlich über unsere sexistische Gesellschaft verstanden haben. 

Menschen haben nicht einfach ein bestimmtes Frauenbild und nehmen es in der Hosentasche mit in die Arbeit, auf Reisen oder zu Besuch zu Freunden und Bekannten. Menschen bewegen sich in sozialen Räumen. Diese schätzen sie ein und wägen ihr eigenes Verhalten darin ab. Ich bin daheim, bei der Familie, in der Arbeit, im Büro, bei Geschäftspartnern, auf einer Party, im Club, im Stadion … je mehr (und diverses) kulturelles Kapital, aber auch interkulturelle oder soziale Kompetenz ich habe, desto besser komme ich in vielen dieser Räume zurecht. Menschen nehmen den sozialen Raum, in den sie eintreten, entsprechend wahr, schlüpfen in verschiedene Rollen. Mitunter benehmen sie sich sehr schlecht, schreien beispielsweise im Stadion wüste Beschimpfungen auf das Spielfeld oder geraten in Barschlägereien. Und kehren danach zurück in ihre gewohnte Umgebung, als nette Familienväter, introvertierte Brüder, aufmerksame Söhne, liebe Enkerl. Natürlich betrifft das nicht nur Männer, aber über die sprechen wir gerade.

 

Wird denn ein Gutmensch zum Pograpscher?

Die moralische Biegsamkeit ist individuell verschieden, genauso wie der Hang, gruppendynamisch verleitet zu werden. Was es wohl braucht, um über gewisse Grenzen zu gehen, ist zweifelsohne eine misogyne Haltung, eine sexistische Grundstruktur. Sind wir beispielsweise der marokkanischen Öffentlichkeit voraus, was die Sicherheit von Frauen ohne Begleitung auf Straßen und öffentlichen Plätzen angeht? Ja, das kann man vermutlich sagen. Sind wir deswegen weniger sexistisch? Nicht unbedingt. Sexismus ist nicht so einfach zu messen.

Die Reduzierung von Frauen auf ihre sexuelle Attraktivität und eine Grundhaltung, sich diese im Zweifelsfall zugänglich machen zu dürfen, ist auch in unserer Gesellschaft stark vorhanden. Ich kann es wöchentlich in Clubs beobachten, aber auch tagsüber auf offener Straße machen Frauen diese Erfahrung. Was deutet an, ein solches Verhalten wäre tolerabel? Eine solche Haltung wuchert nur so in unserem popkulturellen Reservoir. Ob, bzw. eher wie weit es ausgelebt wird ist eine Frage aufrechter Safe Spaces, doch eine Durchlässigkeit gibt es auch hier immer. Bei uns werden Übergriffe grundsätzlich heruntergespielt und häufig erotisiert. Das gibt ein schlechtes Beispiel.

 

Wenden wir uns mal wortwörtlich „unseren“ Frauenbildern zu: 

 

 

 

 

Frauenbilder und Parallelgesellschaften


Sind diese Bilder mein Frauenbild? Sind sie deines? Nein. Und die Flüchtlinge haben auch nicht „ein“ Frauenbild.
 Sie haben verschiedene Religionen, Nationalitäten, Schichten, Bildungsstände, … Blieben wir im allgemeinen Kontext des Bildes der Frau hierzulande, weicht das feministische nicht auch stark ab von jenem, das Konservative haben? Und von jenem, dass man bei Rechtsnationalisten findet?

„Auf daß der Mann sich als Mann setzt, muß er die Frau zum Ding bzw. zur ‚Ware‘ herabsetzen.“ Und dann wird es wirklich befremdlich: „Mitunter lieben es Frauen, von einem ‚wildgewordenen’ Penis ‚überfallen’ zu werden. Hierzu als Mann die Zustimmung einzuholen, wäre genau der Verlust dieses Reizes“.
Wilfried Grießer (Kandidat für die FPÖ bei den Gemeinderatswahlen 2015)

Die Wahrheit ist, dass wir alle in Parallelgesellschaften leben. Es sind soziale Räume, in denen die Menschen unterschiedliche Werthaltungen zeigen und unterschiedliche Dinge tun. Und wir alle sind teil von mehreren davon. Manche werden heute „Bubble“ genannt.

 

Vom Guten des Schlechten und umgekehrt


Die Berichterstattung über die Vorkommnisse in Köln hat durchaus etwas gebracht.
Wir haben uns ja Ausnahmesituationen geschaffen für den Exzess. Nachtclubs, Karneval, Silvester, Rotlichtviertel, … Manche sind mehr, manche weniger akzeptiert. In Köln wurde seit den Silvesterübergriffen ein Anstieg der Anzeigen gegen sexuelle Übergriffe verzeichnet. Lag das an den Flüchtlingen? Nein. Die Kölner Polizei geht davon aus, dass nur die Bereitschaft Anzeige zu erstatten seit der starken Berichterstattung um die Vorkommnisse massiv gestiegen ist. Das leiten sie zumindest von den Tätern aus den Anzeigen ab, die nicht überwiegend aus Flüchtlingen bestehen, sondern sich aus der allgemeinen Bevölkerung zusammensetzen. Das gilt übrigens für die meisten Statistiken von sexuellen Übergriffen: Sie drücken nicht zwingend aus, wieviel tatsächlich geschieht. Es kann auch für Sensibilisierung und Anzeigebereitschaft sprechen. Die Dunkelziffern hier sind in der Regel sehr hoch.

Vielleicht passen einfach mehr Menschen darauf auf, dass bestimmte Grenzen gewahrt bleiben. Das könnte die Anzeigenstatistik ausdrücken. Dass die Debatte für den Fremdenhass und politisches Kleingeld des Rechtspopulismus instrumentalisiert wurde, hätten wir uns sparen können. Die Statistiken dazu sind übrigens eindeutig.

 

Wir sind noch lange nicht fertig. Wir werden noch viel über das Frauenbild diskutieren müssen, über Rape Culture, über tatsächliche Übergriffe oder übergriffige oder verharmlosende Sprache. Wir werden immer wieder darüber reden müssen, wie wir uns auch mit rechtlichen Regelungen und behördlichen Maßnahmen schützen können. Ein anderes Thema, das uns wohl auch nie verlassen wird, ist jenes, wie wir mit Migration umgehen. Aber es ist gut, zu verstehen, dass es sich dabei nicht um ein und dasselbe Thema handelt.

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Porno im Theater

Porno im Theater, Ateliertheater, Arthouse Porn

Porno im Theater? Auch das noch! Nachdem wir Porno in’s Museum gebracht haben und damit Rekorde gebrochen wurden, bringen wir Porno jetzt in’s Theater. Und zwar in das Ateliertheater in Wien.

Am Samstag den 25.02. fand dort die Veranstaltung „Dirty Silence“ statt. Die Reihe stellt ein Forum zum Thema „Erotik in der Kunst“ dar, die unterscheidliche Aspekte der Pornographie beleuchtet, vorstellt und zur Diskussion stellt. Gezeigt wurden mehrere Kurzfilme von Arthouse Vienna. Allerdings anders, als im Netporn-Zeitalter üblich, sieht man die Pornoclips nicht von der Mattscheibe des eigenen Laptops auf dem Sofa oder im eigenen Schlafzimmer, sondern ganz in der Manier einer klassischen Vorführung im Stummfilmzeitalter mit live Performances zum Screening.  Das Ateliertheater Kammerensemble spielte live die eigens komponierte Musik von Mike Wagner. Anschließend stellen sich Adrineh Simonian und Patrick Catuz den Fragen des Publikums.

Bei den gezeigten Videos handelte es sich um Werke aus der Reihe Blackbox. Es sind ästhetisch und rhythmisch geschnittene Clips, welche die Grenzen zwischen Kunst und Pornographie verwischen lässt. Es geht nicht um maximale Sichtbarkeit von Körperfunktionen oder Authentizitätsmythen, sondern um die künstlerische Vermittlung eines sexuellen Selbstausdruckes der Menschen.

Wir freuen uns auf diese Anerkennung, über diesen wichtigen Schritt in der Aufwertung der Pornographie in Popkultur und Kunst und natürlich auch auf Sex und Porno im Theater.

 

Hier ein Videobeitrag zur Veranstaltung mit Porno im Theater:

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Frauen wachsen Körperhaare – get over it!

Video Kristina Lang ze.tt, behaarte Frauen, Körperhaare

Foto: Still aus dem Video für ze.tt

Körperhaare teilen sich in der Heterowelt in eine männliche und eine weibliche Hemisphäre auf. Haben tun sie beide. Auf der einen Seite jene, die sich nicht um sie kümmern (Männer). Auf der anderen Seite jene, die sie entfernen (Frauen). Es gibt gute Gründe, dies zu tun oder zu lassen. Doch warum sollte sich das am Geschlecht orientieren? 

 

Gegenderte Körperhaare

Während Frauen am Kopf möglichst lange Haare haben sollten, dürfen sie ansonsten möglichst nirgendwo sprießen. Beides beinhaltet sehr viel Arbeit, und zwar täglich. Das lange Haupthaar muss vor dem austrocknen geschützt werden, die Spitzen gepflegt und, soll es etwas gleichschauen, braucht es auch mehr morgendliche Zuwendung als ein knackiger Buzz-Cut. Die Entfernung der übrigen Körperhaare kostet einiges an Zeit. Wir kommen da zusammengezählt auf einige Stunden im Monat.

Ich persönlich rasiere mir Achsel- und Schambereich und den Oberkörper. Das kostet mich jeden morgen Zeit. Dabei bin ich auf der Seite des Spektrums, der nicht nur der Besitz, sondern auch das Zurschaustellen von Körperbehaarung verziehen wird. Wenn es nicht sogar meine Geschlechtsidentität fördert. Männer sollten dafür zwar gut geschoren sein, das Haupthaar also eher kurz tragen, müssen sich dafür anderswo eher kaum um ihre Haare kümmern. Das spart immens Zeit. Zeit, um sich „wichtigeren“ Dingen widmen zu können. Denn tatsächlich geht es um die Pflege unterschiedlichen Kapitals. Macht, Geld, Stärke wird traditionell als männliches Kapital betrachtet, körperliche Attraktivität und Sex als weibliches. Das heterosexistische Geschlechterverhältnis wird durch ein Tauschgeschäft besiegelt.

 

Die Fitnessbloggerin Morgan Mikenas hat aufgehört sich die Körperhaare zu rasieren. Und testet damit Umfeld und Öffentlichkeit auf Reaktionen. 

 

Gute Gründe dafür oder dagegen finden wir genug. Es ist unsinnig darüber zu streiten, denn daran ist nichts Logisches. Man kann es lassen, wenn es einem gleichgültig ist, man die Prioritäten anders setzt oder man Körperhaare attraktiv findet. Man kann es machen, wenn man es schöner findet, man sich gepflegter fühlt oder sich oder anderen manche Sexualpraktiken angenehmer gestalten möchte. Alles in Allem handelt es sich um persönliche Vorlieben. Wenn man ein netter Mensch ist, wendet man zunächst auf sich selbst an, was man von anderen erwarten möchte. Ansonsten ist man womöglich Sexist. Und sehr wahrscheinlich ein Arschloch.

 

Zwei Schritte vorwärts, einen zurück

Nun gut, ganz so in der Vergangenheit leben wir nun nicht mehr. Der Soziologe Otto Penz hat mir einmal erklärt, dass sich das vor allem für die Generation ab ’90 schon sehr anders darstellt. Wir sind mittlerweile schon länger gewohnt, dass Frauen studieren und Chefposten einnehmen. Sie können  Kanzlerinnen werden um um Präsidentschaften kandidieren. Und doch hat es erst ab dieser Generation ein anderes Selbstverständnis erreicht. Es geht damit einher, dass Frauen dieser Generationen nicht nur traditionellere Formen dieses Kapitals selbstverständlicher für sich beanspruchen. Sie erwarten von Männern auch stärker, anderes Kapital zu liefern. In anderen Worten: Eine dicke Brieftasche oder ein guter Posten allein reichen seltener als früher – Männer müssen fescher sein, wenn sie bei Frauen Erfolg haben wollen.

Wir sprechen hier aber nicht von etwas, das einfach in nackten Zahlen greifbar ist. Wir sprechen von Tendenzen. Es mag sich schon viel geändert haben, die alten Muster haben wir deshalb immer noch im Kopf. Wir sehen neue Arten von Weiblichkeit und Männlichkeit. Der Mainstream neigt aber immer noch – wenn auch weniger rigoros – zu Vereinheitlichung von Schönheitsbildern. Körperbehaarung ist wohl eine Sache, die wir nicht schnell entspannter wahrnehmen werden. Denn auf eine etwas andere H&M Kampagne kommen dutzende, die sich wieder an das alte Muster halten. Auch im Porno tut sich was. Wobei das selbst im Alternative Porn übrigens immer noch fast ausschließlich in der DIY oder Queer Porn Szene bearbeitet wird. Warum sehen wir das nicht im Mainstream? Warum so selten bei den größten Fem Porn Produktionen? Würde die Kundschaft abspringen? Ist die Akzeptanz für behaarte Frauen so niedrig?

 

Feministische Experimente

Die Bloggerin Kristina Lang hat ein Experiment gewagt und sich ein Jahr lang die Körperhaare wachsen lassen. Sie dokumentierte, wie es ihr dabei ging, wie das Umfeld oder auch fremde Menschen reagieren. Und natürlich auch den Haarwuchs an sich. Dabei reflektiert sie die Optik und die Erwartungshaltung in der Kluft zwischen behaarter und gleichzeitig nach gängigem Schönheitsideal attraktiver Cis-Frau.

Ze.tt hat ihren Versuch in einem Video zusammengefasst:

 

 

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„I wasn’t interested in just making the same old, typical, boring pornography some of which was degrading and ugly. I wanted it to be something that had dignity that was pleasing to look at, that women could enjoy and relate to and that couples could enjoy and maybe learn a few things about making love and what their partners wanted and needed. I wanted to do it my way, and that was very important to me. I had no interest in putting out the same old boring crap that was out there forever. I wanted to give it a woman’s voice, and I wanted to provide some good information for couples to actually benefit from.“

Candida Royalle

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„You can never laugh too much or have too many orgasms.“ Michael Faudet

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DU WILLST IN DIE BLACKBOX? SO GEHT’S

Bei der Kategorie Blackbox bei Arthouse Vienna mitzumachen, finden Viele spannend. Doch wie genau läuft das ab? Wer darf mitmachen und mit wem kann man in Verbindung treten? Bekommt man Partner*innen zugeteilt? Kann man anonym bleiben und schauen eigentlich alle vom Team beim Akt zu? Hier sind die wichtigsten Fragen zum Ablauf unserer Blackbox-Filmdrehs für dich beantwortet:

 

1. WAS?
Blackbox ist eine Kategorie von Arthouse Vienna, die mit Schattenspielen und ohne Regie oder Kameramann oder Kamerafrau arbeitet.


2. WER?
Bei uns mitzumachen ist ganz einfach und erfordert eine einzige Voraussetzung: Interesse!
Die Blackbox handelt in erster Linie von Authentizität und individuellem Selbstausdruck. Jeder Mensch ist daher vor der Kamera willkommen. Je einzigartiger umso besser. Ob alt oder jung, groß oder klein, dick oder dünn, hetero oder queer und so weiter und so fort sind alle bei uns willkommen, die Lust haben ihre Sexualität bewusst und vor einer Kamera auszuleben.
Jede*r, der*die das möchte, hat die Möglichkeit vor der Kamera zu masturbieren, und folglich alleine seine*ihre Sexualität zu genießen, oder eine*n Partner*in (oder gerne auch mehrere) mitzunehmen. Wir vermitteln auch gerne Personen, wenn diese nicht alleine vor der Kamera sein wollen, aber keine*n Partner*in haben.
Wir bieten außerdem absolute Anonymität an, wenn es sich um Masturbationsszenen handelt. Dabei richten wir die Kameras so ein, dass das Gesicht von vornherein abgeschnitten ist. Bei Paaren können wir die Anonymität wegen der größeren Bewegungen nicht so gut kontrollieren und daher nicht zu 100% gewährleisten. Wir bieten aber diverse Masken an, die dabei helfen können.

 

 

 

3. WO?
In einer geräumigen Wohnung bauen wir unser Set auf, das eine Black Box bildet. Mit Hilfe von schwarzem Stoff und schwarzen Laken kreieren wir für die Kamera einen schwarz verkleideten Raum. Das sieht ästhetisch aus und lenkt den Fokus auf die Person, die zu sehen ist, und nicht auf den Raum.
Das Set besteht im Grunde aus drei Kameras, Scheinwerfern und einem Bett. Mithilfe der Scheinwerfer entstehen schöne Schattenspiele im Bild.
Vor dem Loslegen verlassen wir den Raum, so dass diejenigen vor der Kamera ihre absolute Ruhe haben, und sich entfalten können. Somit wollen wir die Authentizität erhöhen und ein schönes und einzigartiges Erlebnis anbieten. Bei Paaren bitten wir darum im Raum bleiben zu können, um trotz der größeren Bewegungen, im Vergleich zu Masturbations-Sszenen, schöne Bilder gewährleisten zu können.


4. WANN?
Wir drehen für Blackbox in Etappen. Das bedeutet, dass wir immer wieder einen bestimmten Zeitraum auswählen, in dem wir mehrere Videos aufnehmen können.



5. WIESO?
Ganz einfach: es ist für viele ein außergewöhnliches Erlebnis. Diese Gründe und Intentionen haben diejenigen angegeben, die schon mitgemacht haben:
Ein schönes Video von sich oder von sich und seinem*r Partner*in zu haben, ästhetische und alternative Pornografie unterstützen, sich ein Mal ganz bewusst mit der Sexualität auseinandersetzen, die Kameras im Raum werden als anregend empfunden, Sich-Ausleben-Können, ein prickelndes Gefühl erleben, in einer neuen Atmosphäre einen neuen Zugang zum Körper erforschen, sich Zeit nehmen um sich zu spüren, eine Plattform haben, die jedem Menschen mit jedem Aussehen, jeder Sexualität und jeder Genderzugehörigkeit diese Möglichkeit anbietet.

 

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6. WIE?
Wenn das alles für dich ansprechend wirkt, kannst du dich bei uns auf Facebook melden oder unter: office@arthousevienna.at
Wenn du noch unsicher bist und Fragen hast, werden wir uns bemühen dir alle weiteren Details zu erklären und dir Beispiele zu zeigen. Wir können einander auch gerne treffen, wenn du dich damit wohler fühlst. Im letzten Schritt vereinbarst du mit uns einen Termin für deinen individuellen und hoffentlich aufregenden-entspannenden Dreh.


7. VORBEREITUNG?
Du darfst dir natürlich gerne Spielzeug mitnehmen und was auch immer dir sonst Lust bereitet. Dessous finden wir natürlich auch toll, sie sind aber kein Muss. Du kannst nackt starten oder angezogen – wie du möchtest. Wenn du gerne mit Kleidung/Dessous starten möchtest, dann wäre es großartig, wenn du zwei, drei Kleidungsstücke zur Auswahl mitnehmen könntest. Da wir uns in einer Black Box befinden, sind schwarze Kleidungsstücke meist unvorteilhaft. Tattoos oder andere individuelle Körpermerkmale darfst du natürlich gerne überkleben oder mit Kleidung verdecken.

 

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8. DER DREH
Am Tag des Drehs planen wir Zeit für ein Anfangsgespräch ein. In dieser Zeit sollst du dich zurechtfinden, runterkommen und wohlfühlen. Wir zeigen einige Filmbeispiele und das Set her. Außerdem legen wir dir einen Vertrag vor, der versichert, dass dein Video erst veröffentlich wird, wenn du damit zufrieden bist.
Sobald du oder ihr euch bereit fühlt, geht’s los. Wenn während des Drehs ein unangenehmes Gefühl entsteht, kann alles sofort abgebrochen werden! Wir möchten, dass du dich wohl fühlst. Das ist die wichtigste Regel für uns. Du darfst dir außerdem so lange Zeit lassen, wie du möchtest.
Anschließend kannst du gerne das Bad benutzen und duschen.


9. WOW WOW WOW
Dein Video ist fertig und wurde mit einer eigens komponierten musikalischen Installation versehen. Wir stellen dein Video im Laufe der nächsten Monate auf unsere Homepage. Jetzt bist du ein Teil von Arthouse Vienna, danke!

 

Kate & Adrian BB

 

Kontakt über office@arthousevienna.at oder unsere Facebook-Seite.

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31 reasons to feel body-positive

Ein positives Körperbild zu haben, hat wenig mit dem Körper und viel mit den eigenen Gedanken zu tun. Diese Liste mit 31 Tipps und Denkanstößen soll dabei helfen, die Sicht auf den eigenen Körper zu verändern, und ihn schätzen und lieben zu lernen. 


Viele Menschen kämpfen täglich mit Selbsthass wegen ihres eigenen Körpers. In einer Zeit, in der Medien so präsent sind und uns so viele Beauty-„Ideale“ vorsetzen, ist es auch schwierig sich selbst nicht in Frage zu stellen. Die meisten der „perfekten“ Bilder, die wir tagtäglich betrachten, sind aber keine Abbildungen echter Menschen, sondern retuschierte und computertechnisch perfektionierte Menschen. Selbstliebe und Selbstakzeptanz geht immer mehr verloren, obwohl das „Ideal“ nicht ein mal existiert und Photoshop heißt.

Jeder Mensch ist schön, so wie er ist. Das Aussehen des Körpers bestimmt nicht den Wert des Menschen. Im Gegenteil! Weder das Gewicht, noch die Prozente des Fettanteils oder Cellulite, Akne, Behaarung, keine Behaarung, schiefe Zähne oder Dehnungsstreifen noch Hautfarbe oder Brustgröße, Penisgröße, Haarfarbe, Narben oder Behinderungen und so weiter und so fort bedeuten, dass jemand mehr oder weniger wert ist. Im Gegenteil zeigen all diese sogenannten „Fehler“ eigentlich das, was am Allerallerallerschönsten an uns ist. Lasst uns uns selbst feiern, so wie wir sind, und einander gegenseitig bestärken, anstatt abzuwerten. Let’s spread Body-Positivity!

 

1. „Hello body you look lovely today and I promise to treat you with love.“ 

 

2. You are allowed to have the body you have now. All bodies are good bodies

 

3.  Fight the idea that there’s only one type of beauty

 

4. Stop apologizing for your body

 

5. Don’t be mean to yourself. You don’t deserve it. You are wonderful!

 

6. If you feel hungry. Eat. And eat what you want. If anyone lectures you about it. Let them go! Or eat them too

 

7. Thank your body for making your life possible, don’t destroy it for not looking like photoshopped models

 

8. Don’t feel pressured to absolutely adore every inch of yourself. Just try to focus on the good things

 

9. Let go of other peoples expectations and judgement

 

10. Celebrate your flaws. They make you awesome

 

11. Life happens now. And you are allowed to live it. You don’t have to wait for it

 

12. Do the things you are passionate about and don’t limit yourself

 

13. Strech marks and skin colorations are lovely

 

14. You don’t need toxic people in your fantastic life

 

15. Your body doesn’t exist to please others

 

16. You are more than enough. You are worthy

 

17. To be yourself is to be beautiful

 

18. Dessert goes to the heart not to the stomach!

 

19. If you want to look good naked. Get naked. You look sexy

 

20. Stop comparing yourself to anyone else

 

21. Throw your scale out of the window

 

22. Put on the clothes that make you happy

 

23. Refresh yourself with body positivity and appreciate your fabulousness (every day)

 

24. All humans have body hair

 

25. Don’t compare yourself to 5-years-ago-you. Fitting into those jeans won’t make you a better person

 

26. Learn to take a compliment

 

27. You are so magical. A number on a scale can’t take your power away

 

28. Allow yourself to grow and bloom

 

29. You are allowed to eat no matter how much you ate yesterday

 

30. Recognize that you are a masterpiece

 

31. You are allowed to love yourself n o w

 

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„No woman gets an orgasm from shining the kitchen floor.“

Betty Friedan

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I am a Man. I am a Feminist. I do Porn.

Patrick Catuz, tedx Klagenfurt, I'm a man, I'm a feminist, I do porn

„Hi, I am Patrick, and I am a Feminist!“

Das Wort „Feminismus“ scheint immer noch als Schimpfwort verstanden zu werden. Das merkt man in feminist Hipstertown vielleicht nicht immer, aber wenn man aus seiner feministischen Blase einmal einen Moment rausschaut, wird man feststellen, dass man durchaus in Erklärungsnot gerät. Während es bei Frauen noch eher verstanden wird (wenn auch deshalb nicht zwangsläufig wohlwollender aufgenommen), so ist man als Mann schon ein exotisches Tierchen, wenn man sich Feminist nennt. Man muss da schon von vorne anfangen. Von ganz vorne.

Dabei könnte man die ganze Sache auch anders angehen. Umgekehrt gefragt: Warum fühlen sich so wenig Männer dafür zuständig? Sind wir etwa nicht in der Pflicht? Warum glauben alle, Männer würden damit an dem Ast sägen, auf dem sie sitzen? Welche Positionen werden dem Feminismus attribuiert? Und wie spannend ist das Projekt eigentlich, wenn es mittlerweile nicht nur ganz selbstverständlich männliche Feministen, sondern auch feministische PornographInnen gibt?

 

Ich wurde zu einem TEDx Event in Klagenfurt eingeladen um darüber zu sprechen. Hier das Video:

TEDx Talk: „I am a Man. I am a Feminist. I do Porn.“

 

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Patrick Catuz, Autor, Feministische PornographiePatrick Catuz ist Autor, Filmemacher und Kulturarbeiter und lebt in Wien. Er ist Doktorand an der Universität für angewandte Kunst Wien.
Er ist Autor des Buches „Feminismus fickt!“, das sich mit den Perspektiven feministischer Pornographie beschäftigt und produziert gegenwärtig bei Arthouse Vienna feministische, queere und künstlerische Pornographie.

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Was sind Porn Studies?

Porn Studies Conference

Porn Studies bezeichnet das akademische Arbeitsfeld der Pornographie aus einer kulturtheoretischen oder kulturwissenschaftlichen Perspektive. Sie geht interdisziplinär vor und betrachtet vielfältige Aspekte der Pornographie konzentriert. Film und Gender Studies spielen da eine große Rolle. Nach schwerem Start und wenig Anerkennung der Scientific Community hat sich ein lebendiges Feld entwickelt. Und trotzdem passierte mir es einst, dass ein Rektor meine Präsentation an einer Konferenz zudrehen wollte, weil ich explizites Material zeigte. Anerkannte Wissenschaft ja – doch immer noch NSFW.

 

Aller Anfang ist weiblich: Porn Studies Pionierin Linda Williams

Pionierin der Porn Studies ist zweifellos Linda Williams. Die Filmwissenschafterin der Universität Berkeley hat sich ursprünglich mehr mit dem Musical und dem Melodram beschäftigt und dann angefangen, ihre Theorien auf Pornographien umzulegen. Sie begann mit der Annahme, dass gewisse Filme den Body Genres angehören. Body Genres sind Genres, die körperliche Reaktionen erzeugen können. Komödien bringen uns zum Lachen, Dramas zum Weinen, Horrorfilme zum Fürchten und Pornos erregen sexuell. In einem weiteren Schritt tätigte sie die erste profunde Pornoanalyse.

Vom Musical zum Porno? Das hat gut geklappt. Es gab dort bereits eine starke Theorie, welche das Verhältnis aus Narration und Nummern betrifft. Narrationen sind quasi Teile der Geschichte, in den Nummern wird gesungen und getanzt. Ob es sich um getrennte Welten hält oder beides fließend ineinander übergeht, lässt weitreichende Interpretationen zu. Das wendete sie erfolgreich auf Pornographie an. Mit einem Augenzwinkern könnte man meinen, der Begriff der „Nummern“, der hier die Sex-Akte meint, hätte das schon vorausgesagt. Ihre Bücher „Hard Core“ und „Porn Studies“ fehlen in keinem Bücherschrank Porn Studies Treibender.

 

Ursprünge: Die Cultural Studies aus Birmingham

Porn Studies hat sich aus den Cultural Studies entwickelt. In ihrer Tradition stehen alle Studien, die sich nach diesem Schema benennen, wie auch die Gender Studies, Queer Studies, Film Studies, Postcolonial Studies, etc. An sich steht es allerdings für eine akademische kritisch analytische Denkweise, die sich nicht an Traditionen hält. Angewendet werden Theorien, Methoden, etc. die am besten zum Gegenstand der Untersuchung passen.

Geboren wurden die Cultural Studies am Contemporary Centre for Cultural Studies (CCCS) in Birmingham, das 1964 von Richart Hoggart gegründet wurde und damit das Feld der Cultural Studies eröffnete. Damit war ein starker Cocktail aus Soziologie, Kultur- und Medientheorie geschaffen, die bisherige Annahmen von rigider Unterteilung in aktive ProduzentInnen und passive KonsumentInnen ins torkeln brachte. Das ist auch zu einem guten Teil dem mittlerweile verstorbenen Stuart Hall zu verdanken. Menschen werden nicht wie in der alten Propagandatheorie von Medien manipuliert, sie verwenden Medien, eignen sie sich mitunter sogar widerständig an.
Das Centre zeigt sich auch verantwortlich für die Subkulturforschung und damit im allgemeinen dafür, dass Jugend- und Subkulturen ein ernstzunehmender Gegenstand wurden. Das bedeutete auch, dass diesen Bewegungen eine höhere gesellschaftliche Anerkennung entgegenkam, als zuvor. Man wollte sie einst noch als faule, destruktive und fehlgeleitete Jugendtrödeleien abtun. Nun konnten sie auch als Motor gesellschaftlicher Veränderung betrachtet werden. Von der Soziologie, von der man sich abgespalten hatte stets skeptisch beäugt, wurde das unliebsame Zentrum 2002 unter weltweiten Protesten geschlossen.

 

Das Stiefkind des Stiefkindes: Porn Studies und die CS

Trotz starker Offenheit für Popkultur blieben Blindspots. Jüngere VertreterInnen kritisierten zunehmend, dass man zu zögerlich dabei sei, sich der Pornographie anzunehmen. Während die älteren Semester der CS und damit die etablierten Wissenschaffenden zwar mit ihrer popkulturellen Offenheit rühmten, was beispielsweise Hip-Hop angehe, zeigten sich beim Porno starke Ressentiments. Darin sind sie ihrer intellektuellen Elterngeneration, der klassischen Soziologie, zwar ein Stückchen voraus, die sich eher für harte, zählbare Fakten sozialer Phänomene interessiert. Sie konnten erstmals auf Bedeutungskonstruktionen und Zirkulation von Jugend- oder Subkulturen zugreifen. Vor der Pornographie machten sie aber halt. Dann auf einmal doch zu Dirty. Ich selbst wurde dafür angefeindet. In meiner frühen Tätigkeit meinte ein etablierter Prof, einer der bekanntesten Namen der CS im deutschsprachigen Raum, ich würde doch nur Marketingtricks einer millionenschweren Industrie auf den Leim gehen. Heute hat sich das Forschungsgebiet weitgehend etabliert, beim Filmforum Udine/Gorizia gibt es eine eigene Porn Studies Sektion auf der jährlichen Konferenz .

Porn Studies MagazinEs gibt mittlerweile auch ein Magazin mit dem gleichnamigen Namen Porn Studies, dass Pornographie als Forschungsgegenstand etabliert und zeitgenössische Ansichten und Ergebnisse in Umlauf bringt. Es wurden von Feona Attwood und Clarissa Smith gegründet.

 

 

Unser Ruf ist gut in schlechten Kreisen

Aller Anfang ist schwer. Gehen die Porn Studies in ihr drittes Jahrzehnt, so muss die Anerkennung unserer Arbeit hart erkämpft und laufend verteidigt werden. Ich trug auf einer Konferenz im Hauptsaal vor, als der Rektor der dortigen Universität bei der Panelleiterin intervenieren wollte, meine Präsentation augenblicklich zu stoppen. Man könne im Hauptsaal einer Universität keine Pornos zeigen. Ich hatte meine Argumente mit Anschauungsmaterial unterlegt. Wenn man etwas studieren möchte, so muss man mindestens hinsehen können. Im Line-Up einer Konferenz sind wir gern gesehen, wir füllen die gähnende Leere der Hörsäle. Wir kriegen zwar die Slots, die volle Anerkennung wird aber wohl noch etwas auf sich warten lassen. Das geht Hand in Hand mit der Anerkennung der Pornographie als mehr denn Masturbationsvorlage, nämlich als kulturelles Phänomen in der Gesellschaft. Bis dahin trösten wir uns damit, die Rock-Stars der Scientific Community zu sein. Unbeliebt, zensiert, skeptisch beäugt und doch Publikumsliebling auf jeder Konferenz. Ich kann mir Schlimmeres vorstellen.

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La femme machine – Körpermaschinen im Porno

Bildquelle: Illustration „Preparing for battle“, Sophie Moates, 2016



Die Pornoindustrie will einerseits die „Wahrheit“ hinter körperlicher Lust finden, andererseits bezeichnet „la femme machine“ den weiblichen Körper als Maschine, der funktionieren und leisten, aber dabei erotisch bleiben muss. Wie lassen sich diese beiden Ansprüche verbinden?

Dressur und Kontrolle

Das Ziel der Pornografie liegt darin einen Betrachter durch die Darstellung von Körpern und Körperlichkeit sexuell zu erregen. Die gezeigten Körper be- und entstehen im Rahmen disziplinierter Dressurakte. Körperdisziplin und Selbstbeherrschung begleiten also den Alltag professioneller Pornodarsteller*innen. Der Körper soll dem Bewusstsein gehorchen und unerwünschte Empfindungen in den Hintergrund drängen, um die Psyche der Akteure zu schützten und von dem Geschehen am Set abzutrennen. Sexuelle Erregung soll beispielsweise während des offensichtlichen Sexualakts zwar inszeniert, aber die Erregung an sich unterdrückt und kontrolliert werden.  Das führt zu einer sehr überspitzen und gespielten Ausstellung der Sexualität, wodurch die Privatperson hinter dem*der Pornodarsteller*in jedoch bewahrt werden kann. Andererseits würde das Ausbleiben echter Reaktionen auf den Sexualakt, wie zb den des männlichen Orgasmus, den Erfolg der Pornografie mildern. Ein Paradoxon entsteht.

Paradoxe Wahrheit

Die Darsteller*innen werden zwar als dressierte Körpermaschinen inszeniert, aber das eigentliche Ziel der Körperdisziplin in pornografischen Filmen liegt in ihrem Bruch. Das Nicht-Einhalten-Können der geforderten Selbstbeherrschung sichert also den eigentlichen Reiz und Erfolg. In dem Moment des Körperverlustes verwandelt sich die bewusste Regie in körpergesteuerten Instinkt. Der Moment in dem die Darsteller*innen ihre eigentlichen Empfindungen nicht mehr verstecken können, und für einen Moment tatsächliche Reaktionen bemerkbar werden (also die Selbstkontrolle verloren geht), eröffnet sich Wahrheit und Echtheit hinter dem Körper. Die Selbstdisziplinierung der Akteure soll gezielt durchbrochen werden, wobei der Verlust der Selbstkontrolle paradoxer Weise Disziplinierung voraussetzt. Das Provozieren dieser Momente und der damit einhergehende Drang nach Authentizität und Wahrheit, erreicht ihren Höhepunkt in ihrer Beobachtbarkeit. Der Moment der Wahrheit, der durch den Verlust der Selbstdressur sichtbar wird, stellt ein körperliches Geständnis dar, das als lustvoll rezipiert wird. Die Nutzung vieler Kameras während eines Pornodrehs soll den Moment dieser Wahrheit festhalten und den Moment des Durchbruchs der willkürlich handelnden und gleichzeitig maschinellen Darstellerin erfassen.

La femme machine

La femme machine bezeichnet also einen weiblichen Körper, der zum Objekt gemacht und dressiert wird, und im richtigen Moment die Selbstkontrolle über ihren Körper loslassen soll.
Pornografie setzt einige Praktiken gezielt ein, um die Darstellerinnen an ihre Grenzen zu bringen und ihnen echte Reaktionen zu entlocken. Die extrakorporale Ejakulation, der gang-bang, die mit ihm einhergehende double-penetration, und gagging als Erweiterung des deep-throat sind einige Beispiele dafür. All diese Extremsituationen können klitzekleine Momente auslösen, in denen der Körper reflexartig reagiert und die Herrschaft über das Bewusstsein an sich reißt. Das Ideal der Pornografie bildet eben diese unkontrollierte Ekstase des Körpers, auf die insgeheim innerhalb des Settings hingearbeitet wird. Ein körperliches Geständnisritual ist in diesem „Rahmen“ das höchste Ziel.

Quelle: Lewandowski, Sven: „La femme machine und die ‚Wahrheit‘ körperlicher Lust“, in: Ders.: Die Pornografie der Gesellschaft: transcript 2012, S. 279-300.
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„i bleed every month. but do not die. how am i not magic.  –  the lie“

 

Nayyirah Waheed

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18 Sätze, die Frauen mit kurzen Haaren nicht mehr hören können

Manchmal ist das Leben in unserer Gesellschaft als Frau mit kurzen Haaren mit vielen (ungefragten und kategorisierenden) Kommentaren verbunden.
Vielen ist die Frisur, die man trägt egal. Anderen gefallen kurze Haare an Frauen irrsinnig gut und sie mögen sowohl die Frisur, als auch das Statement dahinter. Wieder andere empfinden das Abschneiden der Haare als Verlust der Erotik und der Weiblichkeit.
Ich selbst habe seit einem Jahr verschiedene Kurzhaarfrisuren getragen und 18 unpassende Sätze gesammelt, die Frauen mit kurzen Haaren nicht mehr hören können!

 

1. „Oh nein! Das ist doch so schade um deine langen Haare.“

 

2. „Du siehst irgendwie nicht mehr weiblich aus. Eher wie ein Junge.“
Meine Frisur entscheidet über meine Weiblichkeit, richtig.

 

3.“Bist du lesbisch?“
Einziger Grund um kurze Haare zu haben, oder?

 

4. „Aha, du bist also lesbisch!“
Gut, dass du das anhand meiner Frisur einfach feststellst. Wer braucht ein Outing? Absofort reichen Kurzhaarfrisuren!

 

5. „Zumindest ein Vorteil: Im Bad geht’s jetzt ganz schnell, stimmt’s?“
Ja, der einzige Vorteil. Ich seh jetzt zwar echt blöd aus aber zumindest brauche ich kürzer im Bad!

 

6. „Was….WIIIEEESSSOOOOOOOO???????!!?!?!?!?!!!“

 

7. „Was sagt dein Freund dazu?“
Mein Freund mag mich ja leider nur wegen meiner Haare. Deshalb hat er jetzt natürlich Schluss gemacht.

 

8. „Also ich könnte dich nicht mehr von hinten nehmen.“
Mit dieser Aussage macht man(n) sich besonders beliebt!

 

9. „Mit langen Haaren hast du mir viel besser gefallen.“
Ohne deinem Kommentar hast du mir viel besser gefallen

 

10. „Männer stehen einfach nicht auf kurze Haare.“
Männer sind eben eine große und einseitige Masse. Jeder denkt gleich. Jedem gefällt dasselbe. Und Frauen handeln nur danach.

 

11. „War das Absicht?
Nein, ich bin gestolpert und dabei mit den Haaren auf eine Schere gefallen.

 

12.  „Du lässt sie jetzt aber eh wieder wachsen, oder?“
Um dich und dein Weltbild zu beruhigen: natürlich, eh, was sonst, so kanns ja nicht bleiben!

 

13. „Verdammt, wieso schneiden sich alle Frauen die Haare kurz. Das will doch niemand sehen!“
Verdammt diese Frauen. Und um Erlaubnis fragt auch keine.

 

14. „Viel Spaß im Winter.“
Danke, ich richte es meiner Haube aus.

 

15. „Du bist so mutig.“
Ich weiß. Ich verdiene einen Preis weil ich mich getraut habe meine Haare abzuschneiden. Ich bin etwas ganz besonderes. So etwas schafft nicht jeder.

 

16. „Hast du etwa eine Trennung hinter dir?“
Natürlich! Das ist die einzige Erklärung für diesen Wahnsinn!!

 

17. „Du warst doch so hübsch davor…“
Einzig in meinen Haaren lag eben die Powerkraft der Schönheit.

 

18. „Stört es dich gar nicht, dass manche Männer längere Haare haben, als du?“

 

Liebe Frauen,
macht das, was euch gefällt. Tragt die Frisuren, die ihr mögt und haltet euch von unverschämten Menschen fern. Ihr seht sowieso immer großartig aus, wenn ihr euch selbst großartig findet!
Und wenn ihr euch die Haare schneiden wollt und einfach mal etwas Neues genießen wollt, dann denkt daran, dass ihr eure Haare ab mindestens 25cm für Perücken für krebskranke Kinder beim Verein Haarfee spenden könnt!

 

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I am worthy

Dana Falsetti strahlt trotz Übergewicht vor Selbstliebe. Sie spricht in diesem Video über die Jahre, in denen sie sich selbst wegen ihres Körpers eingeschränkt und zurückgehalten hat. Auf ihrer lebensverändernden Reise hat sie neue Sichtweisen und Möglichkeiten gefunden. 

Das Problem vieler Menschen beschäftigt sich heutzutage mit dem „perfekten“ Körperbild. Überall strahlen trainierte Körper, weiße Zähne, pralle Brüste und lange Beine von diversen Plakaten auf die Gesichter der vorbeigehenden Passant*innen. „Wenn ich erst mal 10kg abgenommen habe, dann werde ich auch so aussehen, und dann kann ich leben, dann bin ich selbstsicher, dann falle ich sicher mehr auf, dann bin ich glücklicher.“ Ständiges Warten, Mit-Sich-Kämpfen, Sich-Hassen und Einschränken durchstreift den Alltag vieler Menschen. Doch wieso wird der Körper als ein Maßstab des Glücks gesehen? Wer sagt, dass ich glücklicher bin, wenn ich weniger wiege? Wer sagt, dass ich jetzt nicht tanzen, springen und lachen kann? Wer sagt, dass ich wertlos bin, wenn ich keine unrealistische 90-60-90 habe?

 

Danas Weg zur Selbstliebe

Dana Falsetti war dem Körperwahn ebenso unterlegen wie viele Menschen und hat gehungert, verzichtet, gewartet, sich eingeschränkt und folglich tatsächlich abgenommen, nur um zu merken, dass sich dadurch nichts an ihrerer unglücklichen Situation geändert hat. Inzwischen fühlt sich Dana trotz ihres Übergewichts und trotz all ihrer früheren Zweifel merklich frischer, wohler, sicherer und wertvoll und zwar in ihrem Körper, so wie er ist. An Danas Veränderung inspiriert mich daher besonders, dass sie vor Selbstliebe strahlt, ohne dem Körper-„Ideal“ zu entsprechen.

 

„I don’t feel constricted anymore by the way that I look physically. […] I am worthy.“

 

Ihre Grenzen und Zweifel hat sie durchbrochen, als sie begonnen hat, trotz ihres Übergewichts, Yoga zu praktizieren. Inzwischen beherrscht sie die schwierigsten Yoga-Positionen. Dana dachte immer in einem Körper zu stecken, der unbeweglicher und eingeschränkter wäre, als andere. Vor allem bei körperlichen Aktivitäten vertraute sie nicht auf sich selbst und stufte sich ab. Doch das einzige, das ihr und ihrem Körper gefehlt hatte, war Selbstliebe.
Sie baute also Nähe zu ihrem Körper auf, begann ihn durch Yoga zu spüren und ihr Leben mit etwas zu füllen, das sie mag, wofür sie brennt, und das sie bereichert. Die eigen auferlegten Grenzen, hat sie in wundervolle Möglichkeiten übersetzt.

 

          „Here I am in this body that I felt like limited me my entire life and I am on my yoga
mat
 doing things that I didn’t think were possible.“

 

Danke Dana!

Ich finde Dana Falsetti irrsinnig inspirierend und genieße die Sanftheit, die sich durch ihre Worte auf mich legen. Ich kann ihre Tutorials Yoga-Anfängern und -Liebhabern empfehlen, als auch zur Selbstliebe-Erfrischung. Ich genieße es einen normalen und authentischen Körper auf meinem Bildschirm zu sehen, während ich Yoga mache, und mich nicht durch die üblichen schlanken Yoga-Vertreterinnen verunsichert zu fühlen. Da merke ich, dass ich mich dazu verführt fühle, mir selbst mehr Zuneigung und liebevolle Gedanken zu schenken.
Eigen auferlegte Grenzen und Unsicherheiten können also sehr wohl aufgebrochen werden, auch wenn es auf den ersten Blick nicht möglich scheint.

 

Dear Reader: You are worthy! You have always been worthy! You have always been strong!
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„Let’s continue this conversation in bed, she whispered, my legs can’t wait to hear what your hands have to say.“

Michael Faudet

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Feministische Filmtheorien? Hallo Laura Mulvey!

Bild: Un chien andalou, Louis Bunuel, 1929, 0’40“

 

Der Text „Visual Pleasure and narrative Cinema“ von Laura Mulvey verbindet psychoanalytische Ansätze mit narrativer Filmtradition. Auch wenn einige ihrer Ansätze inzwischen veraltet sind, ist ihr Text eine wunderbare Grundlage für Überlegungen, die feministische Filmtheorien umfassen.

 

Worum gehts?

Der gängige, narrative Film reproduziert Geschlechtsunterschiede, kontrolliert sie und arbeitet mit ihnen, während er unsere Lust am Schauen strukturiert und unsere Wahrnehmungsformen manipuliert (hat).

Die Reize der Lust zu Beobachten werden im Film angesprochen. Die Lust am Schauen blüht im Kinoprinzip auf. Obwohl das Kino paradoxer Weise zum Ansehen gemacht worden ist, vermittelt es den Zuschauer*innen in eine private Realität (eigentlich: eine Illusion) einzudringen. In dieser Konstellation lässt das Publikum seine eigene Ausdruckskraft fallen und projiziert sie auf den Darsteller. Im Film werden darüber hinaus menschliche Körper dargestellt, deren Betrachtung Wiedererkennungswerte und Neugierde auslösen.

 

Passiv und aktiv – Frau und Mann

Die Lust am Schauen wird unter dem passiven weiblichen und aktiven männlichen Blick unterteilt. Während der Mann nicht zum Sexualobjekt gemacht werden kann, da seine Körperlichkeit nicht so ausgestellt wird wie die der Frau, besteht die Intention der Frauenfigur im Film lediglich in ihrer Zur-Schau-Stellung. Sie erotisiert die Atmosphäre im Moment ihres Auftritts. Zur Handlung selbst trägt sie Nichts bei. Sie erzeugt Spannung und Begierde beim Mann, dessen Blick wir als Zuseher*innen teilen. Die kontrollierende, männliche Hauptfigur ist ein idealisierter Repräsentant der Macht. Durch die Identifikation der Zuschauer*innen mit dem Blickkontakt des Mannes zur Frau, empfinden diese daher gleichermaßen indirekte Macht und Besitznahme über die Frau, wie die männliche Figur selbst: the male gaze.

 

Das Fetischobjekt

Aus psychoanalytischer Sicht symbolisiert die Frau die Abwesenheit des Penis und löst somit den Kastrationskomplex bei Männern aus (Freud lässt grüßen). Das weibliche Abbild versetzt Männer also in eine bedrohliche Lage. Um der Angst zu entgehen, hat der Mann mehrere Möglichkeiten.
1. Abwertung der Frau
2. Entmystifizierung des Geheimnisses der Frau und folglich Bestrafung der Frau (sadistischer Weg)
3. Fetischierung – Begehren
Dabei ignoriert der Mann die Gefahr und setzt die Schönheit der Frau einem Fetischobjekt gleich, was unter dem Ausdruck der fetischistischen Skopophilie bekannt ist. Im Kino wandelt die Fetischierung der Frau die Kastrationsangst zu Begehren um und verhindert dadurch eine Distanzierung des Zusehers vor dem Filmbild.

 

Blicke, Blicke, Blicke

Der Blick der Kamera, der des Publikums- wobei diese beiden zusammengefügt werden- und, der der Figuren innerhalb eines Filmes, bilden die Spielgrundlagen. Nur durch die Unterdrückung, der ineinander verschmelzenden Kamera- und Publikumsblicke, kann der Film, die Fiktion, der narrative Film, als eine reale Wahrheit erscheinen. Die Zuschauer*innen verwandeln sich zum stellvertretenden Darsteller, mit männlich dominierenden Bedürfnissen, und können dennoch nicht in die Handlung eingreifen.

 

 

Quelle: Mulvey, Laura (1975): Visual Pleasure and Narrative Cinema. In: Screen 16,3. Oxford, S. 6-18.
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“Make sure you have your own life before becoming someone’s wife”

Beyoncé Knowles

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11 Getränke, die voll porno sind

Manche Cocktail- und Getränkenamen klingen wirklich dirty und könnten auch gut als Porno-Titel funktionieren.
Hier ist eine Liste von einigen gängigen, aber auch von eher unbekannten Getränkenamen, die auch im Kontext dieser Getränke-Als-Porno-Liste neue Bedeutung bekommen. Natürlich gibt es dabei auch Anleitungen zum Mixen für Zuhause, die als Link eingebettet sind:


1. Sex on the Beach
Wir alle kennen den Klassiker Sex on the Beach. Er besteht aus Vodka, Pfirsichlikör, Grenadine, Orangensaft, Anananassaft und Zitronensaft.


2. Blow Job
Der Shot wird ohne Hände getrunken und setzt sich aus Bailey’s, Bananenlikör oder Kahlua-Likör (also Kaffeelikör) und Sahne zusammen.


3. Screaming Orgasm
Zu einem Screaming Orgasm kommt man mit Hilfe von Amaretto, Bailey’s, Kaffeelikör, Vodka, Sahne und Eiswürfeln.


4. Lady Killer
Das ultimative Erlebnis bringen einem Gin, Aprikosen-Brandy, Orangenlikör, Ananas- und Maracujasaft.
Für alle, die eine Fortsetzung suchen, denen sei mit Lady Killer 2 geholfen: Passoa und Grapefruitsaft.


5. Nice and Long

Vieles kommt einem nice and long vor mit Gin, Kwai Feh (Lychee-Likör), Vanillesirup, Limettensaft und Lycheesaft.


6. Quick Fuck
Der Quick Fuck lässt sich schnell mixen: Bailey’s, Kaffeelikör und Melonenlikör.


7. Sweet Seduction
Eine verführerische Mischung bestehend aus Rum, Bananenlikör, Grenadine, Ananassaft und Eiswürfeln machen einen Sweet Seduction möglich.


8. Wet Pussy
Mit Himbeerlikör, Milch oder Sahne und Bailey’s kann man ja nur feucht werden.


9. Dirty Girl Scout
Eine Mischung aus Kaffeelikör, Pfefferminzlikör, Vodka, Pfefferminzblättern und Bailey’s kann höchst versaut schmecken.


10. Absolut Passion
Mmmmmmh absolute Leidenschaft bringen Vodka, Passoa und Ananassaft.


11. G’spritzter
Last but not least der G’spritzte: Weißwein und Mineralwasser. Erledigt!

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„I think every woman in our culture is a feminist. They may refuse to articulate it, but if you were to take any woman back 40 years and say ‚is this the world you want to live in?‘ they would say ’no‘.“

Helen Mirren

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Intimität im Erotikfilm

 

Über mehrere Jahre (1964-1967) drehte Künstlerin und Feministin Carolee Schneemann den stummen Film „Fuses“, der sie und ihren damaligen Freund James Tenney beim Sex zeigt.

Ihre Selbstaufzeichnungen wurden mit Hilfe von 16mm festgehalten und anschließend künstlerisch von ihr bearbeitet. Durch das Verfremden des Filmmaterials mit Mitteln wie Färbung der Filmstreifen, Überblendungen, Flecken und Brandspuren ist „Fuses“ eine spannende Kollage aus sinnlichen, erotischen und abstrakten Bildern geworden.

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Worum gehts?

Der Film basiert im Grunde auf keiner deutlichen Geschichte, sondern zeigt die Nähe zweier Menschen zueinander und spricht ihre Verschmelzung an, den Sex und die Berührungen. Sinnlichkeit, Farben, Lichtspiele, flackernde Bilder und die Erzeugung einer intimen Atmosphäre prägen den Film. Detailaufnahmen und ständige Perspektivenwechsel verhindern eine klare Sicht auf das Geschehen, während sie gleichzeitig bannen. Ein Rhythmus von ständigem Entstehen, Sich-Entwickeln und Wieder-Abbrechen wird durch Carolee Schneemanns eingesetzte Mittel spürbar.

Der Film zeigt den weiblichen und männlichen Körper in all seinen Facetten und thematisiert Begierde, Sexualität und Körperlichkeit ohne den Kunst-Kontext zu verlieren. Die freie Sicht auf entblößte Genitalien, und die folglich direkte Konfrontation mit Tabu-Themen, erzeugen zwar Radikalität und bestimmen die Stimmung, durchbrechen aber trotzdem die Ästhetik des Films nicht. Und vor allem an diesem Punkt setzt meine Bewunderung für Carolee Schneemanns Schaffen an: Es handelt sich bei „Fuses“ um einen radikalen Film, der durch einige Nahaufnahmen durchaus provoziert und Tabus bricht, und dennoch keine Sekunde seinen Kunstcharakter verliert.

 

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Der Unterschied zu Pornografie

Carolee Schneemann stellte sich der Frage, ob sich die Aufzeichnung des eigenen sexuellen Aktes von Pornografie unterscheiden würde. Die Antwort lauet in ihrem Fall definitiv: Ja! Auch wenn in feministischen Kreisen „Fuses“ nicht viel Aufmerksamkeit erlangt hat, finde ich den Film irrsinnig wichtig und spannend hinsichtlich der Frage nach der Grenze zu Pornografie. Im Gegensatz zu pornografischen Filmen wird die Frau in „Fuses“ in ihrer eigenen Sexualität dargestellt. Carolee Schneemann entwirft Sex so, wie sie ihn erlebt, wodurch das Betrachten ihres Films Intimität und Sinnlichkeit erzeugt. „Fuses“ braucht keine Unterdrückung oder Fetischisierung der Frau, um funktionieren zu können, oder um Begehren sichtbar zu machen, was ihn deutlich von pornographischen Strukturen abhebt. Das beweist schon im Jahr 1967, dass keine männlich dominierte Sichtweise notwendig ist, um sexuelle Akte ansprechend entwerfen zu können. Die Regeln der Pornografie treffen auf „Fuses“ nicht zu und visualisieren sexuellen Kontext ohne auf die üblichen Mittel zurückgreifen zu müssen. Ein erotisches Kunstwerk ist somit entstanden.

 

„…I wanted to see if the experience of what I saw would have any correspondence to what I felt– the intimacy of the lovemaking… And I wanted to put into that materiality of film the energies of the body, so that the film itself dissolves and recombines and is transparent and dense– as one feels during lovemaking… It is different from any pornographic work that you’ve ever seen– that’s why people are still looking at it! And there’s no objectification or fetishization of the woman.“
Carolee Schneemann

Das Gesehene ist also undeutlich, trotzdem sehr nah und gleichzeitig sprunghaft. Der Blick ist durch die stark verzerrenden Gestaltungsmittel verschleiert und doch sehr zielgerichtet und immer im Rahmen von Sinnlichkeit und Erotik erlebbar. Meiner Meinung nach hat Carolee Schneemann einen sehr faszinierenden Film entworfen, der Handlung durch Stimmung ersetzt, und in eine ferne und doch bekannte Welt entführt. Seht ihn an und lasst euch fallen!

Und die Moral der Geschichte: Es entsteht großartiges, wenn man sich vorgegebenen Regeln entzieht, und neue Darstellungsweisen und Formen ausprobiert.

 

 

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Weltverbesserer auf Pornomessen

“Vivimos en un país hipócrita!” – „Wir leben in einem heuchlerischen Land!“

beginnt die Pornodarstellerin Amarna Miller ihre Message (im Youtube-Video lassen sich Untertitel einschalten). Im Video für den Salón Erótico 2016 in Barcelona Apricots nimmt sie beim letzten Abendmahl die Position von Jesus ein und hat ein harsches Urteil parat für die Gesellschaft, in der sie lebt. Die Kollegin, die bereits mit Erika Lust und Lucie Blush zusammen gearbeitet hat, blickt ruhig und determiniert in die Kamera, spricht ihre Sätze entschlossen. Es geht um die Heuchlerei bezüglich den vorgegebenen Werten und die Kluft zum tatsächlichen Umgang damit – beispielsweise wie die Gesellschaft mit Sex umgeht. Sie wird gleich zu Beginn sehr persönlich.

„Die selben Leute, die mich Schlampe nennen, holen sich zu meinen Videos einen runter“

Aber Amarna Miller bleibt nicht bei der Sexualität stehen, es geht um Rassismus, Homophobie, Korruption, Stierkampf. Die Bildsprache erinnert an David LaChapelle, Komposition und Requisite äußerst gelungen, die Montage exzellent, der Einsatz von Musik stark emotionalisierend. Schon im Vorjahr hatte der Regisseur Carles Valdez mit einem Manifesto gesprochen von Mainstream-Pornodarsteller Nacho Vidal für Aufsehen gesorgt.

Am Ende doch wieder nur beschi**ene Werbung?

Die Idee ist gut, die Botschaft eine denkbar begrüßenswerte. Aber es bleibt bei Stehsätzen. Es weckt Emotionen, das war für viele kritische Bewegungen tatsächlich der Anfang. Ich gestehe, mir stellt es die Haare auf. Doch es bleibt wohl dort stehen, geht es tatsächlich nicht um einen tieferen Sinn hinter den Stehsätzen, sondern um Aufmerksamkeit für eine Erotikmesse mit Sex-Events. Ohne Augenmerk auf Sex-Ed, ohne Awareness-Raising, ohne ausreichende Repräsentation für sexuelle Minderheiten. Oder schlimmer noch, es bleibt nicht stehen, sondern versucht die Emotionen der WeltverbesserInnen aufzugreifen, an der Hand zu nehmen und an die Kassen zu bringen, nämlich Werbezwecken für ein Produkt zu verwenden. Ist das nicht die ultimative Heuchlerei?

Kann ein solcher Clip uns dennoch zum Nachdenken bringen?

Es ist eine gute Arbeit, zweifelsohne. Was wir damit machen, ist uns überlassen. Also: Ja, sie kann ein Denkanstoß sein. Wenn man sich aber schon die Mühe macht, einen so starken Impuls zu liefern, ist es allerdings schade, wenn es dabei stehenbleibt. Und wenn es wirklich nur dem Geldmachen dient, vielleicht heuchlerischer als alles, was man darin anprangert.

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Kann man Feministin und gegen Abtreibung sein?

Bank-Austria Salon, Patrick Catuz und Christine Bauer-Jelinek

Foto: ©Bank Austria Salon

Das fragte mich  Christine Bauer-Jelinek am Podium des Bank-Austria Salon. Es gibt im Feminismus ja viele verschiedene Sichtweisen. Doch es ist nicht verwunderlich, dass diese hier von außen kommt. 

Der Diskussionsabend lief sehr offen zum Thema „Gender“. So unspezifisch es klingt, so klar orientierte sich die Debatte an der Frage, ob Feminismus überhaupt noch nötig sei. Oder ob er nicht sogar schon eher schade, wie meine Mitdiskutantin befand. Früher sei sie Feministin gewesen.  Doch den modernen Feminismus hält Bauer-Jelinek für einen Rückschritt, der den Zusammenhalt der Gesellschaft bedrohe. Die Wirtschaftstrainerin promotet eine Abkehr vom Feminismus sehr hartnäckig, obwohl sie selbst meint, dass sie davon profitiert hätte. Sie ist eine erfolgreiche, bekannte und gutverdienende Frau. Vom hohen Ross erkennt man wohl schwer wie unwegsam der Boden für andere immer noch ist. Nun ist sie eine antifeministische Stimme. Und in den Positionen offensichtlich näher am Rechtspopulismus, als am jungen Feminismus.

 

Gibt es einen Feminismus, der gegen Abtreibung ist?

Die Antwort lautet nämlich „Nein, kann man nicht.“ Wie feministisch ein jeweiliger Feminismus ist, lässt sich debattieren. Auch bezichtigen sich FeministInnen noch am leidenschaftlichsten dessen, nicht feministisch genug zu sein. Zwischen Fristenlösungen und pränataler Diagnostik gibt es Grauschattierungen, die schwer ein klares, eindeutiges Urteil treffen lassen. So ist es nun mal, wenn man ethische Überlegungen anstellen muss, anstatt sich einfachen moralischen Handlungsvorgaben zu bedienen. Innerhalb dieses Rahmens ist man im Feminismus allerdings nirgendwo gegen Abtreibung. Es geht nur um den Rahmen, innerhalb dessen sich eine Frau frei entscheiden kann. Die Gegner der Abtreibungsgegner sind also auch nicht für Abtreibungen. Niemand soll abtreiben. Es geht um den Rahmen der Möglichkeit und die Selbstbestimmung der Frau über ihren Körper.

Wenn Frau Bauer-Jelinek also fragt, ob man feministisch und gegen Abtreibungen sein kann, so ist sie gegen diese Möglichkeit. Ich gab die Frage an sie zurück und meinte, sie solle es mir beantworten. Wie feministisch ist es, die Selbstbestimmung der Frau über ihren Körper per Gesetz zu unterwandern? Oder, um mich auf aktuelle Beispiele der Gesetzesentwürfe der klerikal-radikalen PiS in Polen zu beziehen: Wie feministisch kann es denn sein, Abtreibung zu verbieten, selbst wenn Gesundheit oder sogar das Leben der Frau davon abhängen? Wie feministisch ist es, eine Frau dazu zwingen zu wollen, ein Kind auszutragen, selbst wenn es Ergebnis einer Vergewaltigung ist?

Sehr geehrte Frau Bauer-Jelinek, sie wollen ja eh keine Feministin mehr sein. Das ist schade, denn Feminismus kann ganz viel bedeuten und als so erfolgreiche Frau hätten sie viel beizutragen. Aber Feministin und für ein Verbot der Abtreibung, das geht wirklich nicht.

 

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Patrick Catuz, Autor, Feministische PornographiePatrick Catuz ist Autor, Filmemacher und Kulturarbeiter und lebt in Wien. Er ist Doktorand an der Universität für angewandte Kunst Wien.
Er ist Autor des Buches „Feminismus fickt!“, das sich mit den Perspektiven feministischer Pornographie beschäftigt und produziert gegenwärtig bei Arthouse Vienna feministische, queere und künstlerische Pornographie.

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Have you ever had a taste of heaven?


Künstlerin
 Na Kim
 hält in ihren Illustrationen eine Sammlung von Alltagssituationen und Gedanken fest. In den Bildern stecken viel Ehrlichkeit, Intimität, Leere und auch Einsamkeit. Vor allem sexuelle Interaktionen und Empfindungen während zwischenmenschlicher Beziehungen werden von Na Kim thematisiert.

Viele der Bilder wirken für mich kunstvoll und abstrakt, wodurch sie für mich inspirierend und gedankenanregend sind. Eine Art Traurigkeit, Mitgefühl und auch Sehnsucht und der Eindruck von Echtheit und Selbstreflexion packt mich beim Betrachten ihrer Arbeit. Das Spiel zwischen Melancholie und Realität finde ich schön und möchte deshalb einige ausgewählte Arbeiten auch auf purpurr teilen. Die Bilder sind sehr ausdrucksstark und zeigen außerdem großartigen Mut zu Farbe und nach einiger Zeit fragt man sich plötzlich: Have I ever had a taste of heaven?

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Goodnight Moon Series, Na Kim, 2016. Gouache on paper by Na Kim 2016
Gouache on Paper, Na Kim, 2016. Na Kim 2016Gouache on Paper, Na Kim, 2016.
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Feel U, Ink on Paper, Na Kim, 2015.
the measure of our silence
Pencil on Paper, Na Kim, 2015. Na Kim 2016Gouache on Paper, Na Kim, 2016. he-longs-to-be-peeledHe longs to be peeled, Pencil and Gouache on paper, Na Kim, 2015.tumblr_o3foefcfsu1qzr633o1_1280Gouache on Paper, Na Kim, 2016. Na Kim 2016Gouache on Paper, Na Kim, 2016.

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History is Off (series), Pencil on Paper, Na Kim, 2014.na-kim-fuck-it
Na Kim, 2016.
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Blut! Kämpferisch gegen das Menstruationstabu

„Blood“ ist der erste Spot, den ich je gesehen habe, der Frauen und Menstruation nicht nur im Kontext von Scham und Hygiene darstellt, sondern als stark und kämpferisch – gerade auch während der Periode. Damit ist es ein starkes Zeichen gegen das Menstruationstabu.

Eine Bekannte hat mir einmal erzählt, dass ihr damaliger Partner sie schockiert darauf hingewiesen hat, sie solle nicht über ihre Menstruation sprechen. Das sogenannte Menstruationstabu (menstrual taboo) wird in den USA schon länger thematisiert. Es geht um jegliche Tabuisierung und soziale Stigmatisierung von Menstruation und menstruierenden Frauen. Menstruation wird dabei häufig als schmutzig oder peinlich konstruiert.

 

Öffentlich/Privat

Viele Tabus beschränken sich dabei auf die öffentliche Sphäre. Ein Bild der Künstlerin Rupi Kaur wurden von Instagram gelöscht, weil sie gegen die Richtlinien verstoßen würden. Ein roter Punkt auf Baumwolle war genug des Anstoßes. Sie wollte mit ihren Bildern gegen die Tabuisierung von Menstruation vorgehen und Instagram lieferte prompt ein eindrucksvolles Beispiel dafür.

Inhalte von Breastfeeding und Menstruation werden in den meisten sozialen Netzwerken geblockt oder gelöscht. Beides betrifft menschliche Realitäten, die sogar mit etwas so elementarem wie unserem Fortbestehen in Verbindung stehen. Da sie jedoch auch vor allem den weiblichen Körper betreffen, ist offenkundig, dass vor allem weibliche Körper und Körperfunktionen kontrolliert werden sollen.
(Nicht Nippel im Allgemeinen sind problematisch – nur weibliche Nippel sind es)

 

thank you @instagram for providing me with the exact response my work was created to critique. you deleted a photo of a woman who is fully covered and menstruating stating that it goes against community guidelines when your guidelines outline that it is nothing but acceptable. the girl is fully clothed. the photo is mine. it is not attacking a certain group. nor is it spam. and because it does not break those guidelines i will repost it again. i will not apologize for not feeding the ego and pride of misogynist society that will have my body in an underwear but not be okay with a small leak. when your pages are filled with countless photos/accounts where women (so many who are underage) are objectified. pornified. and treated less than human. thank you. ⠀⠀⠀⠀⠀⠀ ⠀ ⠀⠀⠀⠀ ⠀⠀⠀⠀ ⠀ ⠀⠀⠀ ⠀ this image is a part of my photoseries project for my visual rhetoric course. you can view the full series at rupikaur.com the photos were shot by myself and @prabhkaur1 (and no. the blood. is not real.) ⠀⠀⠀⠀⠀⠀ ⠀ ⠀⠀⠀⠀ ⠀⠀⠀⠀ ⠀ i bleed each month to help make humankind a possibility. my womb is home to the divine. a source of life for our species. whether i choose to create or not. but very few times it is seen that way. in older civilizations this blood was considered holy. in some it still is. but a majority of people. societies. and communities shun this natural process. some are more comfortable with the pornification of women. the sexualization of women. the violence and degradation of women than this. they cannot be bothered to express their disgust about all that. but will be angered and bothered by this. we menstruate and they see it as dirty. attention seeking. sick. a burden. as if this process is less natural than breathing. as if it is not a bridge between this universe and the last. as if this process is not love. labour. life. selfless and strikingly beautiful.

Ein von rupi kaur (@rupikaur_) gepostetes Foto am

 

 

Es ist hier aber nicht nur eine Sache dessen, was öffentlich als manierlich gilt. Durch unseren gesellschaftlichen Umgang damit wird Mädchen vermittelt, es sei unangebracht darüber zu reden. Vor allem nicht mit Männern, denen im allgemeinen Körperfunktionen zu verheimlichen sein, um attraktiv zu sein. Die Frage, ob man überhaupt auf’s Klo gehen sollte, wenn der Freund in der Nähe ist, geht regelmäßig bei BRAVO’s Dr. Sommer ein. Die Attraktivität von Dekoration wird ihnen in jungen Jahren als erstrebenswert vermittelt, keinesfalls jedoch die eines normalen Menschens (denn ein solcher hätte normale Körperfunktionen).

 

Das Menstruationstabu ist kulturell verankert

Es ist tief in unserer Kultur verwurzelt die Menstruation als unappetitlich und peinlich zu konstruieren (vor allem in religiösen Traditionen). Der weibliche Körper wird erneut als problematisch, unberechenbar, zerbrechlich und schmerzbehaftet bewertet. Das verweist Frauen auf einen speziellen Platz und spricht ihnen indirekt bestimmte Eigenschaften und Fähigkeiten ab. Es wäre genauso gut möglich, Frauen gerade durch die Erfahrung der Menstruation als kämpferisch und durchhaltevermögend darzustellen.

Die meisten Werbespots von Menstruationsprodukten beschränken sich jedoch darauf, die Mythen aufrechtzuerhalten. Ohne über das gewissen Etwas direkt zu sprechen, versucht man dennoch Kaufanreize zu schaffen. Ein verquerer Fall des Menstruationstabus, aber ein umso anschaulicher. Sauberkeit ist wohl wichtigstes Kriterium. Nicht jedoch, Frauen mitzuteilen, sie seien durch die Menstruation nicht schmutzig. Durch das Produkt könnten sie trotz Menstruation den Anschein wahren, sauber zu sein. Niemand wird etwas davon merken. Weder optisch, noch durch Gerüche.
Uns scheint das Menstruationsblut so unangenehm zu sein, dass sie nicht nur unrealistisch darstellen, sie ändern auch gleich die Farbe. Werbespotsverwenden stets bläuliche, klar durchsichtige und dünnflüssige Flüssigkeiten, um Menstruationsblut darzustellen.

 

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Eine Gesellschaft, die so mit natürlichen und körpereigenen Vorgängen umgeht, vermittelt den Betroffenen nichts Gutes. Das Menstruationstabu verheimlicht und sagt damit sehr viel: Damit muss ja quasi etwas nicht in Ordnung sein. Und deshalb müssen wir superawkward damit umgehen.

In My Girl (1991) hat die Hauptfigur, die kleine Vada, ihre erste Periode. Sie wird darüber aufgeklärt, was das bedeutet, allerdings nicht vor der Kamera. Das Gespräch geht nicht in den Film ein. Das Thema wird nicht mehr aufgebracht, bis Thomas sie wieder von zuhause abholen möchte. Sie stößt ihn von der Veranda und der Junge geht zu Boden. „Tauche fünf bis sieben Tage nicht mehr hier auf!“ schreit sie ihn an und wirft die Tür zu. Deine Periode ist weird, dein Körper ist weird, du bist weird. Bis zu dem Klische, Frauen seien weird. Zumindest oder auf jeden Fall, wenn sie ihre Tage haben.

Was wir von der Menstruation halten und wie wir damit umgehen ist also mehr, als die Reaktion auf ein bisschen Blut. Es geht darum, wie wir Frauen sehen und mit ihnen umgehen. Eine Umdeutung von schmutzig und unberechenbar zu kämpferisch und durchhaltevermögend ist nicht nur möglich, sondern auch naheliegend. Das Menstruationstabu ist ein zentraler Faktor unserer gegenwärtigen sexistischen Kultur. Im Aktivismus oder der Kunst kennen wir diese Versuche schon länger. Dass es mittlerweile schon in die Werbung eingegangen ist, wie im Spot „Blood“, ist umso erfreulicher.

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„We need to reclaim the word ‚feminism‘. We need the word ‚feminism‘ back real bad. When statistics come in saying that only 29% of American women would describe themselves as feminist – and only 42% of British women – I used to think, What do you think feminism IS, ladies? What part of ‚liberation for women‘ is not for you? Is it freedom to vote? The right not to be owned by the man you marry? The campaign for equal pay? ‚Vogue‘ by Madonna? Jeans? Did all that good shit GET ON YOUR NERVES? Or were you just DRUNK AT THE TIME OF THE SURVEY?“

Caitlin Moran

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Porno im Museum


Porno im Museum? Ja, tatsächlich. Arthouse Vienna ist mit einem Beitrag auf der Ausstellung „Sex in Wien. Lust. Kontrolle. Ungehorsam.“ zu sehen. Mit einer ganz neuen Art des Pornos. 

Die Ausstellung findet vom 5. September bis 22. Januar im Wien Museum am Karlsplatz statt. Die Ausstellung selbst ist eine Kooperation mit QWIEN, dem Zentrum für schwul/lesbische Kultur und Geschichte und das größte Archiv und Bibliothek Österreichs zu lesbisch/schwuler Kultur und Geschichte. Dem Zentrum ist es auch zu verdanken, dass wir als zeitgenössische Wiener Pornomachende im Museum vertreten sind.

 

Sex als Freiheit des Urbanen

In der Ausstellung geht es um die Geschichte von Sex in Wien. Urbanisierung hat geschichtlich betrachtet Umdeutungen von Körperlichkeit und Sex stark geprägt. Städte verfügen über größere Freiräume und geringere soziale Kontrolle als der rurale Raum und seine engeren Gemeinschaften. Das bot Anonymität und versprach die Erfüllung der sexuellen Wünsche, selbst wenn sie unorthodoxer waren. Aufgrund der Masse an Menschen lassen sich auch eher gleichgesinnte finden. In der modernen Stadt kommt es gar zur Szenenbildung.
Es handelt sich bei unserem Beitrag um ein Video der Reihe Blackbox, ein ästhetisch geschnittener Clip, der die Grenzen zwischen Kunst und Pornographie verwischen lässt. Wir freuen uns auf diese Anerkennung, über diesen wichtigen Schritt in der Aufwertung der Pornographie in Popkultur und Kunst und natürlich auch auf Sex und Porno im Museum.

Sex in Wien Porno im Museum

Sex in Wien Porno im Museum

 

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Boys don’t cry – Männer weinen nicht

 

Männer weinen nicht

Oder bestenfalls in Extremsituationen, einschneidenden Lebensereignissen. Tatsächlich sind sie durch die typisch männliche Sozialisation ziemlich weit von sich selbst entfernt. Das Bild von Männlichkeit verlangt Männern ab, die Kontrolle zu behalten, überlegen zu sein, da sie sonst als entmännlicht, verweiblicht, machtlos, wertlos wahrgenommen werden. Mit Scham und Schuld konfrontieren sie sich selbst, mit Spott und Hass die anderen.

Von Kindheit an ist das ein Training zur Mannwerdung, eine Sozialisation hin zur Unterdrückung der Schwäche- und Trauererfahrung. Es ist eine Unterdrückung fundamentaler menschlicher Gefühle und damit eine teilweise Abspaltung des selbst. Diese Strebungen zeigen sich nämlich trotzdem, werden jedoch in der Außenwelt verortet, wo sie dann als Probleme definiert auch gelöst werden müssen. Eine innere Strebung muss dann also im Außen abreagiert werden. Ein Gefühl der Trauer oder Frustration kann so zu einer Handlung der Gewalt oder Aggression werden.

Es ist wie eine Art Panzer, durch den kaum etwas nach innen dringt. Aber das, was da ist, bleibt da und es kommt raus, ob man möchte oder nicht. Es stellt sich nur die Frage, in welcher Art und Weise dies geschieht, was die gesündere Form für einen selbst ist, was nicht doch die besseren Konsequenzen für das Umfeld hätte, ja für die Gesellschaft insgesamt.
Dafür muss man sich einem selbst stellen und Gefühlen, die dem männlichen Selbstbild fundamental widersprechen. Es kostet sehr viel Überwindung. Selbst beim besten Willen ist es noch eine schwere, für viele sehr verhärtete Männer, vielleicht sogar unlösbare Aufgabe.

Weine!

Es ist erlösend, heilsam. Ich weine nicht, weil ich gebrochen bin. Ich weine, weil ich mich heilen kann. Der Hass, der sich gegen weinende Männer richtet, ist die eigene Wunde, die diese Menschen empfinden. Lasst euch heilen!

 

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Hi I’m a slut – Ein Slam Poem von Savannah Brown

Savannah Brown spricht in ihrem Slam Poem „Hi I’m a slut“ die unterdrückte Sexualität der Frau an. Sie beschreibt eingefahrene Gedanken über den Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Sexualität.

Sie benutzt ihre Stimme, um auszudrücken, dass Frauen nicht nur visuelle Erreger für Männer sind, oder dafür verantwortlich visuelle Lust durch das Sich-Hineinzwängen in bestimmte Körperformen und Konventionen zu erzeugen. Auch Frauen können, dürfen und sollen ihre Sexualität, so wie sie wollen, ausleben ohne dabei als „Schlampe“ bezeichnet zu werden. Frauen sind mehr als rohes Fleisch, mehr als Puppen und leere Hüllen. Frauen sind mehr als Sexualobjekte. Frauen haben eine eigene Meinung, eigene Grenzen und eigene Empfindungen. Frauen sind nicht für den heiligen, männlichen Orgasmus oder für die Erzeugung der Lust des Mannes am Leben. Savannah Brown betont mithilfe starker Worte, dass Frauen ihre eigene Lust und ihre eigene Sexualität haben, die sie einzigartig und wertvoll macht. Hier ist ihr gesprochener Text nachzulesen:

 

w o r d s / /
hi, i’m a slut. what? you can’t be surprised
when you’ve spent my entire life deciding woman equals sexualize,
in ninth grade a man told me i have good blow job eyes
hi, i’m a slut. but what does that mean
i’m unclean, i’m less pure, i sleep around, sure
but isn’t that what you were begging for?
hi, i’m a slut. and science disagrees
but let’s ignore anatomy and joke that my vagina is wide enough to fit
an entire football team or, even,
your narcissism
but no one’s is big enough for that

you think an orgasm for you is like oxygen for me
like when i am going down on you i’m actually sucking up life
retrieving my very soul from inside your stomach
and an orgasm for me is like—well, maybe. if you have time
and since you can’t see it it probably doesn’t exist anyway
i was probably faking it anyway, women don’t like sex anyway
you’re pretty sure the clitoris is just a myth
so when it comes to my pleasure no one really gives a shit
unless i can come like a man because then i’m a fetish

or if i’m a virgin. that makes me a fetish too
but doesn’t that also mean i’m a prude
everything i do is an invitation for your condemnation
regardless of the angle of the delicate arch in my back
marked down on your scale from zero to loose
and if i had learned anything that didn’t have to do with
how to make my hair fall daintily over my breasts
or how to make my lips softer and more like a graveyard
untouched and where grown men go when they feel dead inside
or how to make my aura more alluring, but not too alluring
that’s something a skank would do
i’d tell you that when two opposing forces meet they cancel
so it sounds to me like you just don’t want me to exist.

i am raw meat in a slaughterhouse
packaged according to what you are hungry for that day
i am identified by my thighs and my moans and my sighs
even though you keep telling me i shouldn’t be making noise in the first place
keep your mouth shut unless i’m the one putting something in it
it’s funny, the ones who cry whore the loudest
are the ones who are thirstiest for my blood

and my love only starts to matter and
stops being make-believe, a fantasy when you’re watching lesbian porn
but they quickly discover that actually
what they’ve been missing this whole time is your cock
you’re looking to “experiment” in the same way i must be “experimenting”
like a science fair where the prize for
equating my entire personhood to your dick
is that you get two women who are disgusted by how your
breath reeks of desperation instead of just one

you’re damn right my body is a temple
i am the god it was built for

i am the landlord
and i can let whoever i want live inside it

hi, i’m a slut and no, that doesn’t mean
i am nothing but flesh to grab
with your red stained hands
that you’ve sterilized with excuses in case i shout
so when i do you can tell everyone that
hi, i’m a slut and no
and that doesn’t mean i am nothing
but sweat and blow job eyes
hi, i’m a slut
and no that doesn’t mean i am nothing but the girl who was asking for it
hi, i’m a slut and no,
and that doesn’t mean i am nothing.

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„I don’t want fear of failure to stop me doing what I really care about.“

Emma Watson

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Don’t Stop! Der Leitfaden der Hardcore-Pornographie

Bildquelle: Illustration „The Edge“, Sophie Moates, 2016.

 

Pornographie kennt kein Ende. Sie besteht aus Wiederholbarkeit und folglich aus Endlosigkeit. Pornografie bleibt daher nur durch Überbietung vorangehender pornographischer Inszenierungen und steigender Spektakularität erfolgreich. Da ihre Kombinationsmöglichkeiten aber begrenzt sind, arbeitet sie mit Übersteigerung, indem sie immer neue Körper (also immer neue Darsteller) einsetzt, die dadurch austauschbar werden. Don’t Stop!

 

Neuheit im Überfluss

Durch die Tatsache, dass Pornographie für einen Massenmarkt produziert wird, bildet sich die Grundlage der Vergleichbarkeit, die jeder Markt hervorbringt. Ausgefallenheit und Neuheit wird nur durch Vergleiche auffällig. Um einen Untergang zu vermeiden muss in neuen Darstellungen auch Neuheit gezeigt werden, die sich durch Differenzierung und Steigerung des zuvor gesehenen charakterisiert. Der dadurch entstehende Überfluss macht es unmöglich alles zu sehen und fordert individuelle Vorlieben zu entwickeln. Weiters muss eine Differenz zu alltäglicher Sexualität geboten werden, ohne die Steigerungslogik in sich zusammenfallen würde.

Neue Körper, neue Körper, neue Körper

Der Einfluss der Massenmedien und die Einschreibung der Pornografie in ihnen verstärkt das Prinzip des Verlangens nach dem immer Neuen und immer Besseren. Um folglich die Unumgänglichkeit von Wiederholungen zu kaschieren, werden im Porno immer neue Darsteller herangezogen, die die Illusion einer Neuigkeit aufrecht erhalten sollen. Da sich Pornographie nicht an Individualität sondern an Körpern orientiert, ist Austauschbarkeit (aber keine Kopien, da kein Körper dem anderen exakt gleicht) und Beliebigkeit in Kombinationen (=De-Personalisierung) ihr wertvollster Schachzug. Die Unterwerfung der Frau, die im gang-bang gipfelt, und die einhergehende Thematisierung der Brutalisierungstendenz der Pornographie, erfüllen vermutlich die höchste Steigerung der Reduktion auf Körperlichkeit. Damit geht die Objekt-Werdung der dahinterstehenden Person einher. Gleichzeitig wird die Frau in eine passive Rolle gedrängt. Der Reiz liegt dabei im visuellen Spektakel.

Pornografie ist grenzenlos

Systeme, wie auch Pornographie eines ist, befolgen interne Regeln, die ihre Möglichkeiten innerhalb ihres Raumes strukturieren und eine Distanz zur Umwelt schaffen. Damit entscheidet das System selbst, was es für wichtig und unwichtig erachtet. Externe Regeln werden durch interne ersetzt und ein eigenes Sinnsystem entsteht, das sich nur an sich selbst orientiert. Das System kennt innerhalb seines Seins keine Begrenzung und baut somit jegliche Stoppregeln ab. Selbstreferentialität ist schlussfolgernd grenzenlos.

Pornographie arbeitet ohne Stoppregeln und folgt dem Leitspruch Don’t stop und wird dies bis zur Ausschöpfung ihrer sexuellen Möglichkeiten weiterhin praktizieren. Da sie jedoch in sich selbst keine Limitierung kennt, werden ihr größtes Problem die erschöpften Körpern sein, die daraufhin schlichtweg ersetzt werden können.

 

Quelle: Lewandowski, Sven: „Don’t stop? – Über den Verlust von Stoppregeln“, in: Ders.: Die Pornografie der Gesellschaft. Bielefeld: transcript 2012, S. 227-278.
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„Feminismus fickt!“ – Perspektiven feministischer Pornographie

Patrick Catuz mit seinem Buch "Feminismus fickt!"

„Feministische Pornographie ist ein junges Phänomen und doch nur der konsequente nächste Schritt. Denn Porno ist nichts ontologisch Männliches, Frauen wurden bloß seit jeher ausgeschlossen.“

 

Feminismus fickt!
Die Pornoindustrie wird von Frauen aufgemischt

Die Pornoindustrie wurde lange genug von Männern dominiert. Es hat sich eine Reihe an Pornographinnen dazu aufgemacht, die männlich dominierte Industrie herauszufordern. Und das mit Erfolg. Erika Lust, Petra Joy, Tristan Taormino, in Österreich Adrineh Simonian mit ihrer Firma Arthouse Vienna – sie alle erreichen eine immer größere Öffentlichkeit. Es ist nicht nur ein symbolischer Kampf. Dabei handelt es sich um Pornofilme, die nicht nur von Frauen und (auch) für Frauen gemacht werden. Es sind Produktionen, die sich von den Gepflogenheiten der herkömmlichen Pornoindustrie deutlich unterscheiden. Dabei ändern sie die Art und Weise, wie mit Körpern und Sexualität Geschäft gemacht wird.

Dieses Phänomen unterliegt einer geschichtlichen Entwicklung. Im Early Cinema waren Frauen sogar vom Konsum von Pornos ausgeschlossen. Der fand größtenteils auf Herrenparties und in Bordellen statt. Es sollte dazu angeregt werden, dass Männer die Dienste von Prostituierten in Anspruch nehmen.
Der Porno brauchte länger um sich zu elaborierten Spielfilmen zu entwickeln. In den 70ern schließlich begann das Golden Age und Pornographie erreichte mit Massenerfolgen wie „Deep Throat“ eine breite Öffentlichkeit. Auch viele Frauen liefen in die Kinos, Darstellerinnen wurden zu Ikonen des modernen Pornokinos. Von Männern gemacht und zu deren Profit. Denn Frauen waren von den Hebeln der Macht immer noch ausgeschlossen. Entsprechend bedienen sich diese Filme kruder männlicher Phantasien über weibliche Körper und Sexualität. Wofür besagter „Deep Throat“ das beste Beispiel ist, verlagerten sie doch die Klitoris in den Rachen der Frau, um sie mit gleichnamiger Praktik zum Orgasmus bringen zu müssen. Im Film wird bezeichnenderweise ihr Orgasmus dann mit seiner Ejakulation dargestellt.

Die problematische Darstellung der Frau und die fragwürdigen Verhältnisse in der Industrie riefen bald auch die feministische Pornokritik auf den Plan. Am bekanntesten wurde die Anti-Porno-Bewegung. Vertreterinnen wie Dworkin und McKinnon oder im deutschsprachigen Raum Alice Schwarzer forderten ein Verbot der Pornographie. Sie waren jedoch nie die einzige feministische Position zu Pornographie. Auch damals nicht. Nur jene, die am meisten Aufmerksamkeit erhielt. Ein paar Jahrzehnte später – die Pornoindustrie um keinen Deut besser, durch Amateur und Gonzo eher grobschlächtiger geworden – kommt es zum pornographic turn in der feministischen Bewegung: Vom Kampf gegen Pornographie, wenn nötig auch vor Gericht, hin zu feministischen Pornographinnen, welche die Industrie von innen aufmischen.

 

„Unser Mittel ist die Kritik, unsere Absicht, etwas Neues zu schaffen. Dabei dürfen wir keine Angst haben, uns die Hände schmutzig zu machen.

Neue Pornokritik in der Theorie. Feministischer Porno in der Praxis.“

 

 

Feministische Pornographie

Der feministische Porno hat seine ersten Schritte schon in den 90er Jahren mit Candida Royalle getan. So richtig etablieren konnte er sich in den letzten zehn Jahren. Er ist aber immer noch eine Nische. Bildsprachlich und ökonomisch bewegt sich jede neue Intervention wieder ein Stückchen weiter weg vom Mainstream. Und doch beugt sich jedes etablierte Haus mit der Zeit auch ein Stück weit der kommerziellen Marktlogik und letztlich auch pornographischen Standards. Man gewinnt etwas, man verliert etwas. Letztlich ist eine kritische Haltung  – in meinem Fall eine selbstkritische – immer notwendig. Um offen zu sein für Konjunkturen und Revisionen. Wir werden nichts verändern, wenn wir es nicht wagen, tief hineinzugehen. Letztendlich hängt Erfolg oder Scheitern ohnehin nicht von den einzelnen Regisseurinnen, Titeln oder Firmen ab. Wie narzisstisch wäre das. Es wird an den Räumen beurteilt werden können, die es uns gelingt mit unserer Arbeit zu öffnen. Dafür, welche Pornographie möglich ist.

 

„Was feministischer Porno ist, kann und will ich nicht definieren. Die falsche Antwort, die folgen würde, wäre schon darin begründet, die falsche Frage zu stellen. Die Frage muss sich danach richten, was feministische Pornographie sein könnte.“

 

 

Zitate aus:

Patrick Catuz: Feminismus fickt!
Lit-Verlang. Wien/Münster, 2013.

Das Buch „Feminismus fickt!“ führt über eine Einführung zur Kulturgeschichte des pornographischen Blicks und des Sexes, erzählt die Geschichte des Pornokinos und führt über die alte feministische Pornodebatte zu Beispielen feministischer Produktion. Angereichert mit Erfahrungen aus der Praxis.

Das Buch erschien 2013 im LIT Verlag, Wien.

 

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Patrick Catuz, Autor, Feministische PornographiePatrick Catuz ist Autor, Filmemacher und Kulturarbeiter und lebt in Wien. Er hat in Klagenfurt (AUT) und Breslau (PL) Medien- und Kommunikationswissenschaften sowie Angewandte Kulturwissenschaften studiert.

Er arbeitete bei Erika Lust und LUST FILMS in Barcelona, ehe er nach Wien zurückkehrte, um sich an der Universität für angewandte Kunst Wien seiner Doktorarbeit zu widmen. Er führt mit Adrineh Simonian die Firma Arthouse Vienna, die sich auf Queer, Feminist und Arthouse Porno spezialisiert.

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