berühr mich endlich – alleine in selbstisolation

Die radikale Selbstisolations-Phase alleine verbracht zu haben, hat mich mit einem neuen Verständnis und Bewusstsein für Berührungen und Nähe konfrontiert. Und genau das möchte ich hier heute teilen! Was umfassen Berührungen eigentlich? Wie ist das, wenn man wochenlang niemanden berührt hat? Und wie fühlt es sich an, wenn man wieder kann?
Hier sind meine Erzählungen und Gedanken zur berührungslosen Selbstisolation: 

 

 

Berührung ist nicht gleich Berührung

Berührungen und Intimität können ganz viel Unterschiedliches umfassen und sind nicht auf unsere Körperlichkeit beschränkt. Wir können einander beispielsweise durch Worte und Gesten berühren oder Nähe und Intimität erzeugen, indem wir uns öffnen und unsere Gefühle und Gedanken miteinander teilen. Berührungen sind auch nicht auf romantische oder sexuelle Ebenen zu beschränken. Sie sind immer und überall präsent. Wenn wir eine für uns schöne Melodie hören, uns an ein Gedicht erinnern, eine Filmszene sehen oder Komplimente bekommen (diese Liste ist ewig fortsetzbar), sprechen wir meist auch davon, dass uns etwas berührt. Wir können also Berührungen sogar mit Klängen und Worten austauschen. Ist das so ausgedrückt nicht verrückt und gleichzeitig total schön? Berührung ist überall. Die Selbstisolation hat  für mich verdeutlicht, dass Berührung nicht gleich Berührung ist. Und dass Berührung keine Begrenzungen finden muss!

 

Wie viele Menschen haben mich schon mal berührt?

Was mir alleine-wohnend (und überall abstand-haltend) während der letzten Wochen ganz besonders stark aufgefallen ist, ist das Fehlen körperlicher (nicht zwingend sexueller) Berührungen gewesen. Viele andere Menschen teilen diese Erfahrung bestimmt mit mir: Die Wochen schreiten voran und das Bedürfnis nach körperlicher Nähe steigt und steigt und steigt. Dabei ist mir mit der Zeit klar geworden, wie oft wir uns gegenseitig in unserem normalen Alltag eigentlich flüchtig oder sogar unbemerkt berühren. Eine kleine Sammlung an Erinnerungen:

 

  • Händeschütteln
  • angetippt werden
  • auf engen WC-Räumen aneinander vorbeidrücken um zum WC oder Waschbecken zu kommen
  • etwas aus der Hand von jemandem nehmen
  • wenn zwei Personen gleichzeitig etwas aufheben wollen
  • gerempelt werden
  • in einem vollen Kino während eines Films aufs Klo gehen müssen
  • Rolltreppen runter- oder raufgehen, während andere nicht ganz so stehen, wie es nett wär
  • in einem vollen öffentlichen Verkehrsmittel stehen oder neben jemandem sitzen
  • sagen wir auch einfach mal ganz ehrlich: Innenstadt am Samstag
  • wenn einem jemand die Tür von Innen aufhält und man versucht durchzugehen
  • wenn im Lift alle gleichzeitig drücken und generell im Lift

 

Manche dieser Berührungen habe ich ganz bestimmt oft erlebt, ohne sie dabei wirklich wahrzunehmen. Sobald man im normalen Alltag mal einige Zeit keine Freund*innen, Partner*innen, Familienmitglieder,… sieht, fehlt einem die Berührung und Nähe natürlich auch, aber man erlebt dennoch flüchtige Berührungen im Alltag. Wenn alles davon wegfällt und man spazieren geht, nur um mal wieder Menschen außerhalb vom Computer zu sehen, dann werden einem all diese alltäglichen, sozialen Eindrücke, die früher einfach passiert sind (und vielleicht sogar als störend kategorisiert worden sind), klar .
Ich bin zum Beispiel in Woche 4 isoliert Zuhause gesessen und habe plötzlich all diese fehlenden Alltagsberührungen vermisst und mir aus dem Nichts gedacht: „Ich würde so gerne jemandem zumindest wieder mal die Hand schütteln“. Dabei mag ich Händeschütteln eigentlich nicht und reiße mich sonst nie darum. Ich musste seither oft in solchen Momenten über meine Wahrnehmung lachen, weil ich es so absurd finde, dass ich manche Berührungen jetzt erst retrospektiv als Berührungen erkenne.

 

Nach dem ersten Mal 

Inzwischen konnte ich endlich wieder jemanden viel berühren und finde es sehr spannend, wie intensiv sich die aller erste körperliche Begegnung angefühlt hat. Ich versuche mein erstes Wieder-Berührungs-Erlebnis in Worte zu fassen:
Situation: Umarmung
Zu Berühren und berührt zu werden, habe ich als ungewohnt und gewohnt zugleich empfunden. Man kennt die Bewegung und das Gefühl, aber das Berührt-Werden wirkt sich trotzdem auf neue Weise aus. Meine gesamte Aufmerksamkeit lag, ohne dass ich mich darauf konzentriert hätte, in meiner Haptik. Die Körperstellen, die berührt worden sind, habe ich nach der Umarmung immer noch spüren können. Meinem alleine-wohnenden Gegenüber ging es ähnlich.
Bereits nach ein paar weiteren Berührungen, sind mir die meisten erst aufgefallen, nachdem sie schon wieder vergangen waren. Sind wir nach ein paar Berührungen und „neuen Ersten-Malen“ also wieder back to normal?
Ich bin mir zwar ziemlich sicher, dass wir keine  Superheld*innen-Sinne entwickelt haben, und dass diese umfassende Wahrnehmung von Berührungen nicht ewig anhalten wird, allerdings denke ich auch, dass wir eine so einschneidende Erfahrung wie die Selbstisolation nicht einfach vergessen werden und deswegen Berührungen in Zukunft öfter wertschätzen werden können. Auch ohne wochenlange Isolation können wir Berührungen intensiv wahrnehmen, wenn wir ihnen die nötige Aufmerksamkeit schenken.
Interessant wäre außerdem zu vergleichen, wie Menschen, die das andere Extrem erlebt haben – nämlich in all der Zeit mit jemandem zusammen zu wohnen und nie Ruhe zu haben – das Thema Berührung während der Quarantäne beschreiben würden (write me!).

 

Ich hoffe, dass wir diesen aufmerksamen Umgang mit Berührungen bewusst aus dieser Zeit mitnehmen und nachwirken lassen können. Nicht nur jetzt, sondern auch wenn diese verrückte Zeit mal endet und wir wieder aneinander vorbeigehen oder uns die Hand geben können. 

 

 

 

 

 

 

 

Berührung ist hier in einen Kontext gestellt, in dem sich alle Beteiligten wohl mit den Berührungen fühlen – welcher Art auch immer sie sein mögen. Siehe auch: Let’s talk about: Konsens 

About The Author


Ani

Ani hat Theater-, Film- und Medienwissenschaften mit dem Fokus auf feministischen Filmtheorien studiert und setzt sich künstlerisch in Form von experimentellen Filmprojekten und Musik mit Verletzlichkeit und Intimität auseinander.