Der Entwurf einer Parallelwelt

Wie sieht eine Welt aus, in der die Geschlechterrollen vertauscht sind? Wie würden die Werbung, die Filme, die Ampeln, die Kleidung, der Sex, die Drogerie aussehen? Wie würde es Männern gefallen, das unterdrückte Geschlecht zu sein?
Die neue, französische Netflix-Komödie von Eleonore Pourriat 
ist derzeit in aller Munde und erschafft eine Parallelwelt, in der Frauen und nicht Männer das machtvollere Geschlecht sind.

 

Hard Facts

Kein Mann für leichte Stunden soll verdeutlichen, wie absurd die Geschlechterrollen und das damit einhergehende Verhalten unserer Gesellschaft sind. Bis heute verdienen Frauen für dieselbe Arbeit weniger als Männer. Sie werden, trotz absolut gleicher Kompetenzen, belächelt, nicht ernst genommen und als „zu emotional“ abgestempelt. Frauen müssen immer noch auf die Straßen gehen, um für ihre Rechte zu kämpfen. Sie werden ständig auf ihr Äußeres reduziert, sexuell belästigt, und müssen alles machen, um jung und schön zu bleiben. Tja, in Kein Mann für leichte Stunden sind es die Männer, die mit diesen Problemen zu kämpfen haben.
Denn all diese Punkte (und es gibt noch so viel mehr, als die aufgelisteten) sind den meisten nicht bewusst. Ich kenne Männer, die ganz lieb und toll sind, aber die nicht sehen, dass ein Patriarchat vorherrscht und auch viele großartige Frauen, die ihre Situation aber einfach hinnehmen, anstatt ihre Rechte zu erkennen. Und genau an dieser Stelle ist Kein Mann für leichte Stunden ein Mittel, um den Blick für die Gesellschaftsstrukturen zu öffnen, indem man mal das Bekannte und Vorherrschende aufbricht und umstülpt.

 

Worum geht’s?

Damien, die Hauptfigur, ist ein erfolgreicher Mann, der kein Geheimnis daraus macht, dass er viele Dates, One-Night-Stands und Flirts hat. Nach einem Unfall findet er sich jedoch in einer Parallelwelt wieder, in der einfach alles umgedreht ist. Die Geschlechterrollen sind vertauscht. Damien ist dort gefangen und hat eindeutig Schwierigkeiten, sich in einer Welt mit so viel Frauendominanz zurechtzufinden. Er trifft dabei auf eine machtvolle Schriftstellerin, Alexandra, mit der er seine Zeit verbringt.

Worauf kann man achten?

Die Details, die der Film zeigt, wie beispielsweise die Anzeige der Ampeln oder die Einrichtung in Damiens Wohnung, sind meiner Meinung nach die eigentlichen Protagonisten des Films. Die Handlung ist eigentlich sehr 08/15 und witzig gehalten, doch ich sehe die eigentliche Story in den umgekehrten Rollenbildern.
Sobald man merkt, was alles vertauscht wurde, sieht man, wie viel tatsächlich genau so in unserer Gesellschaft funktioniert.

 

 

Das Duo von Damien und Alexandra verdeutlicht eben diese vorherrschenden Strukturen.
In dieser Parallelwelt dürfen Männer nämlich ja keine Nippel zeigen, aber Frauen joggen oben-ohne. Männer müssen die Pille nehmen und Frauen arbeiten als CEOs. „Männersachen“ sind Kindererziehung, Kleidung, Kochen und Pflege und müssen mit kurzen Höschen und Push-Ups für ihre Slips zurechtkommen. Frauen sind das starke Geschlecht, weil sie die Kraft haben, Kinder zu gebären. Wohnungen von Frauen sind minimalistisch und modern eingerichtet, während die Wohnung eines Single-Mannes ganz in rosa gehalten ist- natürlich mit Katze. Es sind die Männer, die ihren starken Frauen die One-Night-Stands verzeihen müssen, und die Frauen, die Zigarren rauchen und sich männliche Prostituierte nach Hause rufen.

 

Ein Beitrag geteilt von 이명지 (@my____ji) am

 

Der Film bedient sich eindeutig jedes Klischees- und das wird oft kritisiert- doch ich finde genau dadurch verdeutlicht er die absurden und ungerechtfertigten Machtverhältnisse unserer Gesellschaft. Er macht vieles sichtbar, das an den meisten Menschen vorübergeht. Vor allem für Männer ist dieser Film sicher aufschlussreich, weil er durch die Rolle eines Mannes, die Rolle der Frau beschreibt. Und das finde ich super.
Während mir, als Frau und Feministin, diese Probleme bewusst sind, fand ich es dennoch spannend, den Film anzusehen. Mir haben nämlich vor allem die Dialoge gefallen. Sie sind interessant, wenn man auf folgende Fragen achtet: wer spricht mit wem, wer spricht wie mit wem und wer sieht wen beim Sprechen an. Allein dadurch wird die Männerdominanz unserer Gesellschaft im (vielleicht unbewussten) Verhalten der Männer klar.

 

 

Aber

Auch wenn der Film sehr empfehlenswert ist und die Rollenverhältnisse erfolgreich entwirft, kratzt er doch nur an der Oberfläche. Für das, was der Film bewirken möchte, nämlich ein Bewusstsein für das vorherrschende Patriarchat und die Rolle der Frau darin zu erzeugen, ist er gelungen. Ich würde mir jedoch in Folge einen Film wünschen, der darüber hinausgeht. Denn wieso müssen sich all diese Frauen in dieser Parallelwelt benehmen „wie Männer“, um erfolgreich zu sein? Wieso kann eine Frau nicht Frau sein und dennoch respektiert, befördert und ernstgenommen werden? Wieso kann diese Frau nicht sanft sein und dennoch stark?
Ich wünsche mir in dieser Problematik also eine weitere Ebene, auf der es nicht nur notwendig ist, Geschlechterrollen transparent zu zeigen, sondern Frauen in eine Welt zu stellen, in der sie genau so stark und machtvoll sind, weil sie Frauen sind.